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Zelda-Jubiläum: 10 Jahre Twilight Princess

Was haben wir geflucht. Was haben wir gejammert. Was haben wir gemoppert.

Als anno 2003 The Legend of Zelda: The Wind Waker erschien, war die Enttäuschung zunächst groß. Die sattsam bekannte Gamecube-Grafikdemo im realistischen Stil, die auf der Spaceworld 2000 präsentiert wurde, hatte uns alle heiß gemacht. Und dann wagt es Nintendo doch tatsächlich, mit so einem Kindergarten-Comicspiel um die Ecke zu kommen. Und während das Spiel in der Presse hauptsächlich positive Kritiken erhielt, wurde es von den Fans nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst. „Jetzt ist endgültig etabliert, dass Nintendo nur Spiele für BABIES macht“, schallt es mir bis heute im Gehörgang nach.

Wir spulen vor zum heutigen Tage: Wind Waker erfreut sich größerer Beliebtheit als je zuvor und gilt in Fankreisen zusammen mit dem Kulthit Majora’s Mask und der Dauerlegende Ocarina of Time (ohnehin längst das Michael Schumacher der Videospiele) als eines der Highlights der Reihe. Hauptargumente sind hierbei vor allem der zeitlose Grafikstil und die exzellenten Animationen der Figuren. Auch die damals viel gescholtenen Bootsfahrten haben sich mit der Zeit rehabilitieren können und ihre Berechtigung als notwendige Quiet Time erhalten (na ja, bei den meisten zumindest). Heute trauert man dem Gedanken, dass es eine direkte Fortsetzung hätte geben können, hinterher (obwohl wir mit Phantom Hourglass und Spirit Tracks dennoch so etwas wie eine lose Trilogie haben). 2003 hingegen hätte beim Gedanken an Wind Waker 2: Wake Harder wohl niemand applaudiert. Nein, zu dieser Zeit war dank Next-Gen-Hype und den endlich vorhandenen technischen Möglichkeiten für anständiges 3D nur eines angesagt: Realismus bis zum Abwinken.


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Nostalgie ist ein schwieriges Thema, da man häufig dazu neigt, die rosarote Brille aufzusetzen. Und am schlimmsten ist sowieso immer die Nostalgie der anderen. Für viele war Twilight Princess nur ein weiteres Zelda, aber für viele andere (da reichte es schon, nur ein paar Jahre jünger zu sein als unsereins) war es das erste Zelda. Die erste Berührung mit der Reihe. Es war das Ocarina of Time der Leute, die unmittelbar nach uns (ich spreche hier mal für alle meine Endzwanziger-Bekannten) in die Teenager-Zeit geschleudert wurden und die Leidenschaft Videospiele für sich entdeckten. Etwas dick aufgetragen? Womöglich. Stimmt aber trotzdem. Hah!

Nicht umsonst wird Twilight Princess gerade von Hardliner-Ocarina-Fans oft vorgeworfen, der Generic Brown Shooter der Zelda-Reihe zu sein: Linear, freudlos, abgekupfert. Majora’s Mask war noch Quasi-Geheimtipp und Wind Waker war zu wenig wie sein legendärer Vorgänger, also nahm sich Nintendo die Kritik zu Herzen und arbeitete für den nächsten großen Ableger extrem nah an der Ocarina-Erfolgsformel. Mit welchem Ergebnis? Dem Vorwurf der Ideenlosigkeit. Alles nur vom eigenen großen Meilenstein geklaut. Na ja. Manchen kann es auch einfach nicht recht machen. Auch Twilight Princess fuhr gute bis sehr gute Kritiken ein, wurde aber von ebenso vielen ausgebuht wie zuvor Wind Waker.

Zelda: 10 Jahre Twilight Princess

Neben der Debatte um Zelda-Tradition und -Innovation wurde Twilight Princess vor allem dadurch gespalten, dass es in zwei Versionen erschien. Im Original für den Gamecube konzipiert, dauerte die Entwicklung des Titels lange genug an, um es auch als Launchtitel für die seinerzeit neu erscheinende Wii aufzuziehen. Die Meinungen hierzu gehen auseinander, aber ganz ehrlich: Für mich gibt es Twilight Princess bis heute nur auf dem Gamecube. Da bin ich auch ein alter Stinkstiefel, der nicht diskutieren will. Das hat für mich sogar weniger mit dem glücklicherweise relativ unaufdringlichen Wii-Gefuchtel zu tun, sondern eher mit der gespiegelten Spielwelt, durch die der Linkshänder Link plötzlich zum Rechtshänder wurde. Not canon! Sad!

Ich habe Twilight Princess erst kürzlich wieder gespielt. Auf der Wii U und im Hero Mode. Also hochauflösend und in schwer. Nun ja, „schwer“. Doppelter Schaden (vierfacher mit dem Ganondorf-Amiibo) ist nun eher ein nerviges Ärgernis als eine organische Erhöhung  des Schwierigkeitsgrads, aber das wäre noch ein Thema für ein eigenes Special (lookin‘ at you, Master Quest). Und trotz einiger nerviger und frustiger Momente, die in acht von zehn Fällen meinem schlechten Gedächtnis zu verdanken waren, hatte ich großen Spaß damit. Es hat den Umfang und das Gameplay, das man von Zelda erwartet und ist im Vergleich zu anderen Spielen seines Jahrgangs recht gnädig gealtert, auch unabängig von HD oder nicht HD. Es bemüht sich auch, einen größeren Fokus auf die Story zu legen, was dann einige Jahre später mit dem allzu redseligen Skyward Sword seinen Höhepunkt erreichen sollte, klebt aber doch etwas zu sehr an seiner Oberwelt-/Dungeon-Abfolge.

Zelda: 10 Jahre Twilight Princess

Ja, es ist verdammt linear. Ja, die strikt zerteilte Oberwelt mit offensichtlichen Secrets an den Rändern und Ecken macht es nicht besser. Ja, es macht absolut gar nichts, um die etablierte Zelda-Formel zu variieren oder aufzuwerten. Ja, die Nebenfiguren haben viel zu wenig Raum, um sich zu entfalten. Ja, viele Items werden nach ihren Dungeons kaum noch benötigt. Ja, Wolf-Link war kein Highlight. Ja, das Sammeln der Schattenkäfer war ein Graus. Ja, Zeldas scheinbar aktive Rolle wird zu schnell wieder zur Prinzessin in Nöten reduziert. Ja, es ist viel zu einfach. Und ja, der (ahem) Storytwist kurz vor Schluss war ebenso obligatorisch wie unnötig (es wurde viel darüber geschrieben, dass man Zant nach seinem großen Auftritt nicht mehr ernst nehmen kann, aber ich mag ihn trotzdem wahnsinnig gern, einfach weil er so unglaublich verzweifelt ist).

Aber auch: Ja, die Inszenierung ist verdammt stimmungsvoll. Ja, der Soundtrack ist nach wie vor großartig. Ja, die Dungeons sind trotz mangelnder Komplexität teils unglaublich kreativ (die verdammte Yeti-Villa!) und motivieren den Spieler mit konkreteren Zielen als nur „Erreiche den Boss“. Ja, der Schwertkampf fühlte sich hier zum ersten Mal richtig gut an. Ja, gleiches gilt für das Reiten über die hylianische Steppe. Ja, das verborgene Dorf ist nach wie vor eine Klasse für sich. Ja, Midna ist immer noch mit einigem Abstand der beste Companion, den es jemals in einem Zelda-Titel gab. Und natürlich: Ja, es hat nicht den besten Ganon (die Ehre geht an Wind Waker), aber es hat den Ganon, den ich sofort daten würde (Beispiel A, Beispiel B – ich meine, just look at him). Und was zählt schon am Ende des Tages, wenn nicht die Liebe?

Zelda: 10 Jahre Twilight Princess

Auch satte zehn Jahre nach seinem Erscheinen hat Twilight Princess noch einen festen Platz im Herzen vieler Videospielfreunde, heute vermutlich sogar mehr als damals. Für mich persönlich ist und bleibt es, nicht zuletzt durch einige Durchgänge allein und mit guten Freunden, ein vor allem mit positiven Erinnerungen verbundenes Spiel. Eines, das ich dank seiner schicken Charakterdesigns, seiner hübschen Spielwelt und seinem leicht verdaulichen, aber dennoch motivierenden Gameplay voller kleiner Rätsel und großer Sammelquests nach wie vor gerne wieder aus der Kiste hole. Ich möchte es nicht als Klassiker oder Must-Have verbuchen, denn dafür leistet es sich über die gesamte Dauer zu viele Schnitzer, wenn auch für Franchise-Kenner mehr als für Neueinsteiger. Aber es ist und bleibt auch im Jahr 2016 ein richtig gutes Action-Adventure, das mit seiner düsteren Atmosphäre vor allem an kalten Wintertagen für warme Ohren und Herzen sorgt.

Alles Gute, Twilight Princess.

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