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Testbericht: The Turing Test

„Guten Morgen, Ava“. Sanft wird unsere Protagonistin von einer wohlig warmen Computerstimme geweckt, während ein freundlich dreinblickender, grauer Kasten uns beobachtet und darüber informiert, dass man den Kontakt zum Bodenteam verloren habe. Als einziges verbleibendes Besatzungsmitglied der ISA-Raumstation liegt es dementsprechend an uns, den Geschehnissen auf dem Jupiter-Mond Europa nachzugehen.
The Turing Test offenbart sich als wahnsinnig cleveres und enorm spannendes First-Person-Puzzlespiel und weist dabei nicht gerade wenige Parallelen zum Genrekollegen Portal auf. Doch liegt der Indietitel auch qualitativ auf demselben Niveau?

T.O.M. stet uns als einziger Belgeiter zur Seite. Kein Mensch weit und breit
T.O.M. stet uns als einziger Belgeiter zur Seite. Kein Mensch weit und breit

Eines der besten Puzzlespiele seit Jahren

The Turing Test präsentiert sich dabei als derart cleveres Puzzlespiel, dem es gelingt, mich im Zuge seiner etwa siebenstündigen Kampagne regelmäßig zu manipulieren. Es spielt mit mir und sorgt dafür, dass ich an meinem eigenen Verstand zweifele. Und dies auf derart unterschwellige Art und Weise, dass ich von der eigentlichen Manipulation gar nichts mitbekomme.

Besonders die Hintergrundgeschichte wartet mit einigen „WTF-Momenten“ und spannenden Twists auf, weswegen ich auf diese in meinem Test nicht viel weiter eingehen möchte. The Turing Test lebt von dem Zusammenspiel aus seiner einmaligen Atmosphäre und der enorm spannenden Story. Leider entfaltet sich diese allerdings nur in ihrer Gänze, wenn der Spieler über gute Englischkenntnisse verfügt, denn Texte und Dialoge liegen ausschließlich in englischer Sprache vor. Gerade gegen Spielende geht der philosophischen Story dann allerdings leider doch ein wenig die Puste aus, dennoch stimmt die Spannungskurve vom Anfang bis zum Schluss – auch wenn das Ende auf hohem Niveau enttäuscht und zu vorhersehbar ist.

The Turing Test lebt von seiner Atmosphäre und der gelungenen Story
The Turing Test lebt von seiner Atmosphäre und der gelungenen Story

Die Qualität und den Charme eines Portals erreicht die Geschichte allerdings leider nicht. Mit seinen sterilen Umgebungen und einer ganz eigenen, ruhigen und irgendwie mysteriös bedrohlichen Atmosphäre schlägt The Turing Test allerdings auch in eine etwas andere Kerbe. Obwohl ich zu keinem Zeitpunkt irgendwelchen akuten Gefahren wie Geschütztürmen oder ähnlichem ausgesetzt bin, herrscht beim Spielen ein konstant flaues Gefühl in der Magengegend vor, dessen Herkunft sich nicht so wirklich erklären lässt.


The Turing Test lebt von seiner Welt

Also bahne ich mir langsam meinen Weg durch die sterile Raumstation und begutachte auf dem Weg zur Landekapsel die Kabinen meiner Kollegen. Da das Spiel keinerlei Tipps und Hilfestellungen bietet und den größten Teil seiner Handlung durch die Interaktion mit der Umgebung (immer wieder stoße ich auf Audiologs oder Notizen der Crew), sowie den Dialogen mit der freundlichen künstlichen Intelligenz T.O.M. erzählt, liegt es ganz alleine bei mir, wie tief ich in die Welt des Titels eintauchen möchte.
Normalerweise bin ich absolut kein Freund davon, mir mit langweiligen Notizzetteln am Wegesrand die Geschichte selbst zusammenreimen zu müssen, doch die von Anfang an stimmige Atmosphäre des Spiels sorgt in diesem Fall dafür, dass ich dies sogar gerne tue – nur um wirklich jeden Storyfetzen zusammensetzen zu können. Ein Großteil der Objekte, mit denen ich interagieren kann, ist allerdings leider völlig belanglos.

Schließlich stoße ich auf eine EMT genannte Waffe, welches im Spiel – ähnlich der Portal-Gun – zum Lösen der Rätsel eingesetzt wird. Kurz darauf sitze ich dann auch schon in meiner Kabine und trete in die Atmosphäre des Eismondes ein, nur um feststellen zu müssen, dass sich die dort befindliche Forschungsstation seit meinem letzten Besuch sehr verändert hat.
Der freundliche T.O.M. erklärt mir, dass ich mich allerdings zunächst einem Intelligenztest der Bodencrew unterziehen muss, damit man mich als Menschen von einer Maschine unterscheiden kann. Denn nur ein Mensch ist in der Lage, den namensgebenden Turing Test (benannt nach der Protagonistin Ava Turing) zu bestehen.


Gelungener Knobelspaß

Was nun folgt sind über 70 Testkammern, in denen das Ziel zunächst einmal immer dasselbe ist: Die verschlossene Tür am anderen Ende des Raumes zu entriegeln und in das nächste Gebiet vorzudringen. Und dies tue ich, indem ich zumindest anfangs noch einen Energiekern vom Start aufnehme und an der geschlossenen Tür einsetze. Natürlich werden diese Puzzles im Verlaufe des Spiels immer anspruchsvoller, allerdings erreichen diese nie die Komplexität des bereits mehrfach genannten Genrekollegen. Knackige und hervorragend designte Kopfnüsse bietet The Turing Test allerdings ebenfalls zu Hauf.

Das Ziel ist simpel: Öffne die Tür. Der Weg dorthin allerdings nicht mehr.
Das Ziel ist simpel: Öffne die Tür. Der Weg dorthin allerdings nicht mehr.

 

Unterteilt sind diese Testkammern in insgesamt sieben Kapitel, von denen mich jedes vor neue Herausforderungen stellt. So muss ich im Verlaufe des Spiels zusätzlich Energiebrücken aktivieren oder mit verschiedenfarbigen Energiequellen arbeiten, welche beispielsweise im Wechselstrom miteinander kombiniert werden müssen oder nur ein einziges Mal funktionieren. In jedem Kapitel kommt also ein neuer Spielmechanismus hinzu, welcher mit den vorangegangenen clever kombiniert werden muss. Dadurch ergeben sich mitunter enorm knackige Rätsel, auf deren Lösung ich mangels Tipps ganz alleine kommen muss. Dies gelingt mir dank des absolut fairen Schwierigkeitsgrades mit ein wenig Nachdenken allerdings jederzeit.

Am Ende eines jeden Aktes erwartet mich dann ein spezieller Raum wie ein Forschungszentrum oder die Kommandozentrale, welcher mir weitere Details über die Crew und deren Arbeit verrät.
Außerdem verfügt jedes Kapitel über einen Geheimraum und genau darin wird es ganz besonders spannend.


Wer hat hier eigentlich die Kontrolle?

Denn während ich innerhalb der Testkammern unter ständiger Beobachtung von T.O.M. stehe, verfügen diese Geheimräume nicht über die allgegenwärtige Präsenz der KI. In einem dieser Räume zu Beginn des Spiels steht so zum Beispiel ein verwaister Computer, welcher mich davon überzeugen will, dass auch ich nur ein Roboter – ein simples Werkzeug – sei.
Aber halt, Moment mal. Ich bin doch ein Mensch. Der Computer glaubt mir nicht, auch wenn ich ihn immer und immer wieder davon überzeugen will. Mehrere Eingabemöglichkeiten bieten mir die Wahl, ob ich den Computer eher gelassen und mit Humor von meinem menschlichen Wesen zu überzeugen versuche oder doch eher den aggressiven Weg wähle. Egal wofür ich mich entscheide, das Ergebnis bleibt immer gleich. Denn schnell merke ich, dass ich das Terminal nicht verlassen kann. Und der Computer mich nicht gehen lässt, bevor ich ihm bestätige, dass ich genauso bin, wie er.
Einige Dialogoptionen später wird mir die Sache zu bunt: Entnervt bestätige ich dem grauen Kasten, dass auch ich nur ein Roboter bin, nur um endlich mit dem Spiel weitermachen zu können.

Gerade in den Geheimräumen sorgt The Turing Test für Selbstzweifel.
Gerade in den Geheimräumen sorgt The Turing Test für Selbstzweifel.

Und spätestens das ist der Moment, in dem sich die eigenen Gedankengänge beim Spielen von The Turing Test grundlegend ändern. Begleitet von der hilfreichen und sympathischen KI, welche mir als Begleiter zur Seite stand, stelle ich unweigerlich fest, dass scheinbar nicht ich es bin, der hier wirklich die Kontrolle hat.


The Turing Test lässt mich an der eigenen Intelligenz zweifeln

Wow. Der Schock sitzt tief: Mit einem derart simplen Trick ist es der leblosen KI gelungen, dass ich mir selbst meiner Menschlichkeit nicht mehr sicher bin. Was habe ich bloß getan? Immer wieder ertappe ich mich nach Verlassen des Raumes dabei, über meine Entscheidung – wie auch über viele andere Entscheidungen, welche ich im Verlaufe des Spiels treffe – nachzudenken. Kann dieser PC denn wirklich schlauer sein, als ich?

Im Verlaufe des Spiels werden die Puzzles immer komplexer. Die Lernkurve stimmt.
Im Verlaufe des Spiels werden die Puzzles immer komplexer. Die Lernkurve stimmt.

 

The Turing Test vermag es mit solch simplen, aber effektiven Tricks, mich als Spieler derart zu manipulieren und mich zum Nachdenken anzuregen. Und genau das macht, neben den hervorragenden Rätseln, die Faszination des Spiels aus. Schon lange hat mich kein Spiel mehr auf diese Art und Weise gefesselt. Mich dazu motiviert, immer wieder zu versuchen T.O.M. zu beweisen, dass ich ein intelligentes Lebewesen bin und ich hier die Entscheidungen fälle. Und das macht eine ganze Menge Spaß!
Ganz ähnlich verhält es sich auch mit den Rätseln, denn habe ich eine Testkammer geschafft, ertappe ich mich in meiner Verunsicherung immer wieder beim Nachdenken. War das jetzt die einzige Lösung? Oder war das die Option, welche des Spiel für mich vorgesehen hat? Habe ich gar einen Weg gefunden, den man von mir gar nicht erwartet hätte? Durchaus möglich, denn viele der Puzzles lassen mehrere Lösungswege zu, welche letztlich zum Erfolg führen.


Stimmiges Gesamtpaket – mit Abstrichen

Dass die Rätsel für jede Menge Spaß sorgen, liegt auch an der rundum gelungenen und sehr präzisen Steuerung des Titels. Zudem verweisen eingeblendete Tastenangaben jederzeit darauf, mit welchen Objekten ich interagieren kann und in welcher Form. So sauge ich beispielsweise mit LT Energiekugeln in meine Waffe und befördere diese mittels Druck auf den rechten Trigger zu ihrem Zielpunkt. Neben einer weiteren Taste zum Aufnehmen von Gegenständen und dem Sprint-Knopf war es das auch schon, die Steuerung bleibt also angenehm simpel und überschaubar.

Darüber hinaus überzeugt The Turing Test allerdings auch auf technischer Ebene. Vor allem die Vertonung verdient lobt und punktet durch hervorragende Sprecher: Gerade die Dialoge zwischen Ava und T.O.M. zu Beginn einer jeder Kammer überzeugen vollends und treiben die Story voran. Die selten einsetzen Musikschnipsel wiederholen sich zwar relativ häufig, fügen sich aber stimmig in das gelungene Gesamtbild ein und unterstützen hervorragend die mysteriöse Atmosphäre des Spiels.

Grafisch gibt sich das Spiel enorm steril, ja sogar schon ein wenig zu detailarm und minimalistisch. Doch auch dieses simple Leveldesign hat einen Grund: Denn zum Einen legt es den Fokus ganz klar auf die eigentlichen Rätsel und zum Anderen unterstreicht es ebenfalls die Atmosphäre und die immer wieder aufblitzende Frage, ob ich möglicherweise nicht viel mehr, als ein Versuchskaninchen im Labor eines Computers bin. Immerhin sorgen hübsche Licht- und Lens-Flare-Effekte für Stimmung.
Sauer stoßen hingegen immer wieder auftretende, mitunter heftige Ruckler und Einbrüche in der Bildrate auf, auch wenn diese den Spielfluss nicht wirklich stören. Auch die durchaus langen und häufigen Ladezeiten gefallen ganz und gar nicht.


Fazit:

Die Parallelen zu den Portal-Spielen werden in gzg-medailleThe Turing Test ab der ersten Spielminute mehr als deutlich. Und auch wenn der Titel zu keinem Zeitpunkt die Qualität des Konkurrenten erreicht, haben wir es hier mit einem der interessantesten und besten Rätselspiele der vergangenen Jahre zu tun. Gerade die philosophische Story weiß mit vielen Twists zu gefallen und regt dabei in regelmäßigen Abständen zum Nachdenken und Hinterfragen der eigenen Intelligenz an, auch wenn das Ende ein wenig enttäuscht. Die Lernkurve ist nahezu perfekt und die Puzzles machen jede Menge Spaß. Zudem besticht das Spiel durch eine hervorragende Vertonung und eine rundum gelungene Steuerung, schade dass die Grafik mit einigen Problemen zu kämpfen hat.  Auch der Wiederspielwert ist relativ überschaubar.
The Turing Test hat mich jedenfalls dank seiner einmaligen Atmosphäre absolut gepackt und von der ersten Minute an sehr gut unterhalten. Nicht nur Freunde von Puzzlespielen werden mit dem Titel eine ganze Menge Spaß haben und sollten unbedingt zugreifen.


Vielen Dank an Kartridge für die die freundliche Bereitstellung des Testmusters!

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