Image default
PS4 Reviews Xbox One

Testbericht: Project CARS

Gerade auf den aktuellen Konsolen ist die Liste erhältlicher Rennsimulationen leider noch sehr überschaubar obwohl sich dieses spezielle Genre der Racer doch schon seit jeher riesiger Beliebtheit erfreut und vor einigen Jahren noch Simulationen wie Unkraut aus dem Boden sprossen. Microsoft-Jünger durften zuletzt immerhin in Forza Motorsport 5 ihre Runden drehen, auf der PlayStation 4 sah es bisher  hingegen absolut düster aus.

Doch das wollen die findigen Entwickler der Slightly Mad Studios aus London mit Project CARS nun ändern, denn nach unzähligen Verschiebungen und zuletzt einigen Monaten finalem Feinschliff steht das zu Beginn von Spielern finanzierte Vorzeigerennspiel nun endlich in den Läden.
Wir haben uns in den Rennanzug gequetscht, das Setup optimiert und die Reifen schon einmal vorgeheizt und klären nun im Test, ob sich das lange Warten letztlich gelohnt hat.

Project CARS bietet eine Vielzahl realer Rennserien. Aber können auch alle überzeugen?
Project CARS bietet eine Vielzahl realer Rennserien. Aber können auch alle überzeugen?

Ladies and Gentlemen:  Start your Engines

Grundsätzlich orientiert sich Project CARS (was übrigens für „Community Assisted Racing Simulator“ steht) vom spielerischen Aspekt her dabei an namhaften Kollegen wie Forza Motorsport oder Gran Turismo, wenn es um den Realismusgrad des Fahrverhaltens und die Auswahl der (realen) Rennstrecken geht, allerdings macht der Titel der Slightly Mad Studios, die sich immerhin für die gelungenen „Need for Speed: Shift“-Titel verantwortlich zeigen ein paar Dinge von Beginn an anders:

Denn während ihr euch in den beiden genannten Serien anfangs mit langsamen Fahrzeugen auf kleineren Kursen mit dem Fahrverhalten vertraut macht, bietet euch Project CARS im Karrieremodus von Beginn an Zugriff auf alle Fahrzeuge und insgesamt 110 Kurse, die sich auf 30 verschiedene Umgebungen verteilen.

Kern des Spiels ist dabei natürlich der Karrieremodus, in dem ihr euch zunächst für eine bestimmte von insgesamt acht Rennklassen entscheiden müsst, darunter Go-Karts, Retro Tourenwagen, Le Mans Prototypen und sogar Open-Wheeler, die an Formel-1-Boliden erinnern. Dabei fällt die Wahl des Fahrzeuges erstaunlich überschaubar aus, zum Release des Titels habt ihr die Wahl zwischen gerade einmal knapp 70 Rennwagen, wobei die Entwickler aufgrund der Verschiebungen jeden Monat noch kostenlose Vehikel nachliefern werden.

Dennoch ist die Zahl der Fahrzeuge absolut ausreichend, da sich diese – je nach Rennklasse – extrem unterschiedlich steuern. Grundsätzlich macht dieser frische Ansatz der wenigen Fahrzeuge wirklich Sinn und sorgt für ein kompakteres Spielgefühl, da man sich eben nicht erst wie bei der Konkurrenz für eines von 40 Autos einer bestimmten Klasse entscheiden muss, nur um letztlich festzustellen, dass diese sich doch kaum voneinander unterscheiden.

Project CARS will für ultrarealistische Rennen sorgen.
Project CARS will für ultrarealistische Rennen sorgen.

Wünschenswert wären hingegen weitere Modi und Disziplinen gewesen, denn so unterschiedlich sich die Fahrzeuge auch verhalten – im Prinzip ähneln sich die Rennen schon recht stark. Andere Modi wie Rallycross oder verschiedene Minispiele oder Spaß-Disziplinen als Auflockerung hätten dem Spiel durchaus gut getan.

Für zusätzliche Motivation sorgen im Karrieremodus unzählige freischaltbare historische Ziele und Accolades, beispielsweise wenn ihr die höchste Rennklasse LMP1 innerhalb von nur zehn Saisons gewinnt oder das Podest in drei verschiedenen Rennserien innerhalb von drei Jahren erklimmt.

Diese Auszeichnungen sind auch für den Fortschritt der Karriere selbst entscheidend, da ihr damit die Aufmerksamkeit von Scouts erregt und diese so beeindrucken könnt. Dadurch erhaltet ihr die Möglichkeit, in der aktuellen Rennserie für ein stärkeres Team starten zu dürfen oder aber in einer neuen Serie an den Start zu gehen. Außerdem bieten euch diese im Laufe der Karriere eine Vielzahl an einzigartigen Spezialevents an, welche es zu absolvieren gilt.

Leider präsentiert sich die Karriere, wie auch das gesamte Menü unheimlich trocken und lieblos. Außer einem Einführungsvideo zu den jeweiligen Rennserien bietet Project CARS Nichts, was den gesamten Verlauf ein wenig auflockern würde. Schade auch, dass die Menüs extrem verschachtelt und kompliziert daher kommen: Des Öfteren findet man nicht die Option die man sucht, weil diese in einem weiteren Untermenü versteckt wurde. Welche Rennklasse steht nun eigentlich auf dem Programm? Wo wähle ich mein Fahrzeug aus? Wieviele Rennen umfasst die Meisterschaft eigentlich? All das lässt sich oftmals nicht auf den ersten Blick entdecken – komfortabel geht anders!
Ähnlich verhält es sich leider mit der fragwürdigen Farbwahl der Menüs, die es teilweise unmöglich macht, manche Schriften zu lesen.

Leider sind die Menüs sehr unübersichtlich und (wie die gesamte Präsentation) trocken ausgefallen
Leider sind die Menüs sehr unübersichtlich und (wie die gesamte Präsentation) trocken ausgefallen

Zudem bietet der Titel eine Vielzahl an Einstellungsmöglichkeiten am Fahrverhalten, der Lenkung, im Bezug auf die Bremsverzögerung oder in Sachen Fahrhilfen – auch hier mangelt es leider ein Komfort, denn keine der Optionen wird überhaupt erklärt. So gerät es zu einer nervigen Fummelei, bis man die verschiedenen Regler nach seinem Gusto justiert hat. Immer kombiniert mit langen Lade- und Speicherzeiten, denn im laufenden Rennen dürft ihr nahezu gar nichts umstellen.

Ansonsten fokussiert sich Project CARS neben der Karriere und den schnellen Singleplayer-Events stark auf den Mehrspielermodus, bei dem insgesamt 16 Spieler an den Renn-Events teilnehmen dürfen – denn auf Wunsch dürfen auch im Multiplayer nicht nur einzelne Rennen, sondern ganze Rennwochenenden samt freien Trainings und Qualifying absolviert werden. Auch hier fehlen dem Spiel leider einige Komfortfeatures, welche andere Genrekonkurrenten bereits seit Jahren bieten: Warum zum Beispiel darf ich in der Qualifikation nicht die Runde, in der ich die Box verlasse überspringen und direkt eine gezeitete Runde fahren?
Auf einen Splitscreen-Modus verzichtet das Spiel unverständlicherweise jedoch.

Dem Host stehen dabei unzählige Einstellungsmöglichkeiten zur Verfügung, beispielsweise ob eine bestimmte Perspektive oder einzelne Fahrhilfen vorgeschrieben sind und ähnliches. Damit ist Project CARS hervorragend für den eSport-Bereich gewappnet.
Besonders löblich ist die Option, dass das Fahrerfeld automatisch durch KI-Gegner aufgestockt wird. Langweilige Rennen mit nur drei Spielern sollten damit also endlich der Vergangenheit angehören.


Project CARS – Da fahr‘ ich voll drauf ab!

Trotz recht geringer Anzahl an Rennboliden bietet Project CARS also einen motivierenden Karrieremodus und einen mit vielen sinnvollen Features ausgestatteten Multiplayer, welcher für unzählige Stunden Spielspaß sorgen dürfte. Doch wie verhält es sich denn eigentlich mit dem Realismusgrad und dem Fahrverhalten? Immerhin sind das die Aspekte, die entscheidend für die Qualität einer Rennsimulation sind.

Die Entwickler der Slightly Mad Studios haben sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht, für das möglichst realistischste Fahrverhalten aller Zeiten zu sorgen. Dafür arbeitete man mit diversen Rennfahrern wie Top Gear’s  ehemaligem „Stig“ Ben Collins und Nicolas, dem Bruder des Formel-1-Fahrers Lewis Hamilton zusammen. Diese Kooperation macht sich deutlich bemerkbar, denn das Fahrverhalten von Project CARS hinterlässt einen erstklassigen und sehr realistischen Eindruck und kommt je nach Rennklasse extrem unterschiedlich daher – ihr merkt sofort, ob ihr mit einem rutschigen BMW unterwegs seid oder auf die starke Aerodynamik eines Ariel Atom zurückgreifen könnt.

Gerade zu Beginn sorgt das Fahrverhalten allerdings mitunter für Frust, gerade da die verschiedenen Boliden sich wirklich schwer anfühlen und ordentlich über die Hinterachse Richtung Kurvenäußeres schieben.  Doch nach nur wenigen Rennen ist das anfängliche Gefühl des schwammige Fahrverhaltens gewichen und hat sich in Wohlgefallen aufgelöst, denn Project CARS bietet das wohl realistischste Fahrgefühl seit vielen Jahren. Gerade wenn man sich die Zeit nimmt, möglicherweise Lenk- und Bremsverzögerung, sowie Fahrzeugsetup nach seinem Wunsch einzustellen lässt sich so eine Spielbarkeit erreichen, wie sie kaum ein anderes Rennspiel bietet. Allerdings muss man das auch mögen, denn Project CARS ist absolut alles andere als einsteigerfreundlich – wer nicht gewillt ist, in diversen Testfahrten die idealen Fahrzeugeinstellungen herauszufinden, wird mit dem Racer womöglich nur wenig Spaß haben.
Wobei der Schwierigkeitsgrad dank einstellbarem Können der KI-Fahrer und diverser optional zuschaltbarer Fahrhilfen immer fair bleibt.  Allgemein hinterlassen die computergesteuerten Fahrzeuge einen guten Eindruck, machen auch mal Fahrfehler und fahren nicht nur stumpf auf der Ideallinie ihr Rennen. Sehr löblich: Einen Gummiband-Effekt sucht ihr zudem vergebens.

Ein englisches Auto im Regen. Wie klischeemäßig
Ein englisches Auto im Regen. Wie klischeemäßig

Allerdings verzichtet das Spiel auf eine liebgewonnen Fahrhilfe, denn die Rückspuhlfunktion sucht ihr hier leider vergebens. Das sorgt mitunter gerade in langen Rennen durchaus für Frust und führt nicht zu wenigen Neustarts.
Zu diesen kam es während unseres Tests leider auch aufgrund eines gleich mehrfach aufkommenden Bugs, bei dem die gefahrenen Runden schlichtweg nicht gewertet wurden, was sich nur mit einem erneuten Beginn des Rennens beheben ließ.

Project CARS setzt vollends auf Realismus, wenn ihr das denn wünscht: So bietet das Spiel die Möglichkeit, Reifen- und Kraftstoffverbrauch zu aktivieren und sogar mit Mechanikfehlern ein gewisses Zufallselement beizuschalten, mit dem möglicherweise im laufenden Rennen euer Motor den Geist aufgibt, ein Reifen platzt oder ähnliches. Dies sorgt gerade bei Onlinerennen für sehr spannende und realitätsnahe Events, auch wenn ein sicher geglaubter Sieg aufgrund des Motors, der in Flammen aufgeht schon sehr frustrierend sein kann.

Auch das Schadensmodell gehört mit zu dem Besten, was das Genre je gesehen hat und bestraft Unfälle und Fahrfehler, sofern ihr es denn aktiviert habt, gnadenlos. Da kann es dann auch schon einmal sein, dass einer eurer Reifen sich selbstständig macht und nur noch die mühsame Fahrt in die Box hilft, in der euer Bolide repariert wird. Allerdings sind Zusammenstöße aufgrund des teils seltsam agierenden Kollisionsverhaltens oftmals nicht nachvollziehbar, teilweise merkt und sieht man gar nicht, was jetzt letztlich in einer bestimmten Situation zu einem Dreher geführt hat

Wichtig ist vor allem in längeren Rennen auch die Wahl der richtigen Boxenstrategie im Bezug auf Reifenwechsel und Nachtanken – Wie im richtigen Rennsport kann hier unter Umständen jede Runde, die ihr mit alten Reifen länger auf der Strecke bleibt über Sieg und Niederlage entscheiden.

Wer nicht aufpasst zerlegt seinen Boliden schneller als einem lieb ist.
Wer nicht aufpasst zerlegt seinen Boliden schneller als einem lieb ist.

Für ein enorm realistisches Rennsport-Gefühl sorgt zudem das dynamische Wettersystem, denn wenn es während eines Rennens im britischen Brands Hatch oder auf der Nordschleife des Nürburgsrings plötzlich zu regnen beginnt sieht das nicht nur fantastisch aus, sondern hat auch enorme Auswirkungen auf das Fahrverhalten – ein möglicher Wechsel auf Regenreifen will zudem gut überlegt sein.
Doch bei den insgesamt 31 Umgebungen, die größtenteils aus Originalkursen wie Hockenheim, Silverstone oder Laguna Seca samt verschiedener Varianten bestehen und bis ins kleinste Detail originalgetreu nachgebaut wurden, ändert sich nicht nur das Wetter. Auch die Tageszeit variiert je nach Rennen – klar dass sich eine bestimmte Strecke in der Dämmerung bei Regen ganz anders anfühlt, als am Nachmittag bei schönstem Sonnenschein.

Zudem überzeugt das Spiel mit einem riesigen Fahrerfeld: Bis zu 36 Fahrzeuge tummeln sich je nach Rennserie gleichzeitig auf der Strecke, mehr als in jedem anderen Rennspiel zuvor. Das sorgt zusätzlich dafür, dass die verschiedenen Veranstaltungen extrem spannend ausgefallen sind.


Technik die begeistert

Optisch hinterlässt Project CARS einen sehr guten Eindruck, vor allem die wunderschönen und enorm detaillierten Fahrzeugmodelle, sowie die bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Cockpits überzeugen auf ganzer Linie. Doch auch die Licht-, vor allem aber die Wettereffekte gehören mit zum Besten, was man in diesem Genre bisher bestaunen durfte – wenn plötzlich um Verlaufe eines Rennens dichte Wolken aufziehen und es zu regnen beginnt, dabei der Asphalt langsam nass wird und sich langsam Pfützen bilden, in denen sich die verschiedenen Details herrlich spiegeln, sieht das einfach nur unglaublich gut aus.

In einem Vergleich mit dem wahren Leben muss sich das Spiel nicht verstecken.
In einem Vergleich mit dem wahren Leben muss sich das Spiel nicht verstecken.

Auch in Sachen Kameraperspektiven bietet der Titel ein breites Spektrum, in dem jeder fündig werden dürften: Ob Außenansicht, Motorhaube, Cockpit oder gar Helmkamera mit eingeschränktem Sichtfeld – hier ist für jeden etwas dabei.
Die Streckenumgebungen hingegen sind mehr oder weniger nur gehobene Standardkost und kommen relativ detailarm daher, was aber eben auch durchaus realistisch ist – am Rande bekannter Kurse finden sich eben keine Rummelplätze, riesige Menschenmassen oder eine Weide, auf der Kühe grasen.  Doch gerade auf den fiktiven Stadt- und Überland-Kursen hätten ein paar weitere Details am Streckenrand dem Spiel gut zu Gesicht gestanden.

Dafür flimmert Project CARS aber mit wunderschönen 60 Bildern pro Sekunde über den Bildschirm, was dem Geschwindigkeits- und vor allem dem Spielgefühl absolut zugutekommt. Leider hat die zumeist stabile Bildrate ab und an mit unschönen Framerate-Einbrüchen zu kämpfen, beispielsweise wenn es bei hoher Gegnerdichte zu regnen beginnt, Gott sei Dank ist dies aber nur ganz selten der Fall.

Gerade in Sachen Fahrzeugdetails markiert das Spiel technisch die Speerspitze der Racer.
Gerade in Sachen Fahrzeugdetails markiert das Spiel technisch die Speerspitze der Racer.

Nichts zu meckern gibt es hingegen bei der Vertonung: Die Motorengeräusche gehören Awardmit zum Besten, was das Genre Rennspiel zu
bieten hat. Ob knatterndes Go-Kart, satter Tourenwagen oder zischender Formel-Bolide – die Motoren klingen absolut hervorragend und auch Details wie grollender Donner, prasselnder Regen, pfeifender Turbo oder das Aufsammeln von Steinen abseits der Ideallinie klingen hervorragend. Zudem sorgt der englischsprachige Boxenfunk für Rennsport-Feeling und informiert euch während des Rennens über Abstände, Boxenstops oder andere mehr oder weniger relevante Details. Auch die Musik, welche lediglich in den Menüs zum Einsatz kommt, hinterlässt einen guten Eindruck.

verwandte Beiträge

Assassin’s Creed: Zukünftig wieder mit mehr Spielabschnitten in der Moderne?

PES 2019 Release – Das erwartet euch im neuen Fußball Spiel!

Philipp Briel

Testbericht: Rush Bros