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Testbericht: Paper Mario: Color Splash – Ein Klempner bekennt Farbe

Die Wii U hat es nicht leicht. Während ihr direkter Vorgänger dank Motion Control ganz neue Zielgruppen außerhalb der bestehenden Videospiel-Community erschließen konnte, musste sie sich trotz perfektem Remote Play via Gamepad und zuverlässig arbeitender Hardware im Laufe ihres Lebenszyklus allerhand harsche Vorurteile gefallen lassen. In Elektronikmärkten standen bei Release große Schilder, die den Kunden erklärten, was die Wii U im Vergleich zur Wii kann und macht – vielen Gelegenheitsspielern war nicht zuletzt aufgrund des Namens nicht einmal bewusst, dass es sich hier um die neueste Konsolengeneration handelte.

Und jetzt, wo bereits die Buchstaben NX über allen Nintendo-News schweben wie eine unheilige Beschwörung, wird es für das arme Ding nicht unbedingt besser. Ich bin meine Wii-U-Spielesammlung letztens mal durchgegangen und kam auf ein gutes Dutzend Titel. Plus nochmal dasselbe in digital. Also gar nicht mal so wenig, wenn auch überschaubar im Vergleich zur unerreichten Software-Bibliothek des 3DS. Ich wage allerdings zu behaupten, dass die Wii U den Weg der Dreamcast gehen und eines Tages zu einer Kult-Konsole werden wird, von der Leute sagen: Verdammt noch eins, das Ding hatte richtg geile Titel. Zum Beispiel Paper Mario: Color Splash.

Paper Mario: Color Splash
Die Levelstruktur sorgt für den gefürchteten „Nur mal kurz reinschauen…“-Effekt.

Elegante Einfachheit

Paper Mario hat sich, obwohl es erst seit N64-Tagen sein Unwesen treibt, mit seinen fünf Mainline-Titeln eine nicht unwesentliche Fangemeinde erarbeitet. Was einen nicht wundern sollte, wenn man bedenkt, dass es sich hier um das bekannteste Videospielmaskottchen der Welt handelt. Gleichzeitig gibt es aber auch kaum ein Spin-Off, dessen vermeintlicher Niedergang so energisch und so lautstark beklagt wird. Nachdem der zweite Teil The Thousand Year Door (TTYD, deutsch: Die Legende vom Äonentor) auf dem Gamecube fast einstimmig abgefeiert wurde, kam mit Super Paper Mario der erste große Bruch. Weniger RPG-Aspekte, dafür mehr Jump’n’Run, ein paar Umgebungspuzzles und Fokus auf die Story. Ich fand Super buchstäblich super, war damit aber bei Release eine Minderheit. Und dann kam Sticker Star und löste seinen Vorgänger als neues schwarzes Schaf des Franchises ab. Ab diesem Punkt wurde dann auch ich zum Skeptiker, da der Titel trotz einiger Stärken auch viele gewohnte Qualitäten vermissen ließ. Daher sah ich dem Release von Paper Mario: Color Splash zunächst mit gemischten Gefühlen entgegen.

Zu Unrecht, wie sich herausstellen sollte. Ich sage schon mal vorweg: Color Splash ist ein verdammt heißes Ding. Das Spiel besticht, wie nicht wenige First-Party-Titel aus dem Hause Nintendo, durch eine große Portion Charme. Die übergreifende Story ist dabei nicht unbedingt der Rede wert und wird Mario-Veteranen einigermaßen vertraut vorkommen. Ein bisschen was vom ersten Paper Mario gemischt mit Sunshine, et voilà. Keine große Sache. Aber auch nicht weiter schlimm, denn der Hauptplot dient lediglich als Anker für eine bunte Galerie von Mikro-Stories, die sich über die verschiedenen Level erstrecken.

Sagte ich Level? Ja, sagte ich. Color Splash verzichtet auf eine klassische offene Welt und operiert auf Basis nonlinearer Level, ein zunächst etwas seltsam anmutendes Mischkonzept, das allerdings schnell überzeugt. Denn während sich das Spiel grundsätzlich darum dreht, am Ende eines Levels einen der begehrten Paint Stars einzukassieren, ist der Weg dorthin ist in der Regel ein kurviger. Man schließt ein Level zur Hälfte ab, kann bestimmte Bereiche dort aber noch nicht betreten. Kommt dann ins nächste Level, wo es nicht weitergeht, weil man ein Item aus einem noch früheren anderen Level benötigt. Man kehrt damit ausgerüstet zurück, schließt das Level ab, geht noch eines weiter, kommt dort erstmal überhaupt nicht voran, aber findet dafür endlich das Item oder den NPC, den man ursprünglich mal gesucht hat. Klingt verwirrend? Ist es zum Glück nicht, denn die Weltkarte behält immer die Übersicht und zeigt an, welche unfertigen Quests in welchem Level warten, wie viele Paint Stars dort noch gefunden werden können und wie viel Prozent der farblosen Flecken bereits wieder coloriert wurden.

Paper Mario: Color Splash
Für jedes Problem in Color Splash gibt es eine kreative Lösung.

Charme und Charakter en masse

Die große Stärke des Spiels sind die kleinen Geschichten, die es erzählt. Jedes Level hat seinen Subplot, in dem Mario meist einem oder mehreren NPCs (meist Toads) helfen muss, um an die begehrten Sterne zu gelangen. Die größte Stärke des Spiels ist dabei der lakonische Humor, der zumindest im englischen Bildschirmtext den Nagel auf den Kopf trifft (siehe dazu auch diesen schönen Artikel hier) und nach dem, was ich so hörte, in der deutschen Fassung auch nicht übel sein soll. Irgendwo zwischen bizarren Situationen und erstauanlich nüchternen Alltagsweisheiten entfalten die Papierfiguren einen ganz eigenen Charakter und bleiben trotz eines zunächst eklatanten Mangels an individuellen Designs (Toad, Toad, noch ein Toad…) positiv in Erinnerung. Stellenweise habe ich nicht wegen des recht simplen Gameplays weitergespielt, sondern nur um in Erfahrung zu bringen, was diese herrlich verschrobenen Figuren als nächstes von sich geben (Undertale lässt grüßen).

Color Splash setzt für seine Kämpfe auf ein von Sticker Star inspiriertes Card Battle System, bei dem das Gamepad der Wii U zum Auswählen, Colorieren und Ausspielen von Karten genutzt wird. (Controller-Puristen können übrigens beruhigt aufatmen, denn so gut wie alle Aktionen sind auch per Knopfdruck ausführbar.) Diese Karten sammelt man durch das Ausfüllen entfärbter Flächen mittels gezielter Hammerschläge oder kauft sie direkt im Laden der zentral gelegenen Stadt Port Prisma. Und während das System als solches furchtbar simpel ausfällt (zumal Mario diesmal komplett solo unterwegs ist), haben sich die Entwickler doch allerhand kleine Finten und Schikanen ausgedacht, um den Spieler gelegentlich doch vor den einen oder anderen taffen Gegner zu stellen. Meist besteht die Lösung zwar im Einsatz der korrekten Objektkarte zur rechten Zeit, aber na ja. Man kann es Abwechslung nennen.

Paper Mario: Color Splash
Egal ob Gumba oder Endboss: Das Kampfsystem bleibt stets sehr schlicht.

Noch simpel oder schon oberflächlich?

Rollenspielpuristen, die sich am liebsten in Skillpunkten und der Kalkulation von Damage Output suhlen, werden hier vermutlich keine große Freude haben. Es gibt kein Levelsystem, keine Statuswerte, kein gar nichts. Nur ein paar HP- und Angriffs-Upgrades an festgelegten Punkten im Spiel. Ja, ich weiß, ist zunächst schwer verdaulich. Ich musste mich auch erst daran gewöhnen. Und während ich das Kampfsystem nach wie vor als nettes Gimmick bzw. Dreingabe zur Einbindung des Gamepads betrachte, hat es mich nach den ersten paar Spielstunden zumindest nicht mehr gestört und fühlte sich zu keinem Zeitpunkt unpraktisch an (obwohl eine Option, Ordner für verschiedene Kartentypen zu erstellen, nicht schlecht gewesen wäre). Gelegentlich stolpert Color Splash hier über seine eigenen Stärken und wird fast zu simpel, zu basic.

Ebenfalls kritisch anzumerken wären einige frustrierende Passagen, von denen es zwar nur wenige gibt, die aber dafür umso stärker ins Gewicht fallen. Ein Level basiert komplett auf Trial & Error, ein anderes enthält ein Quasi-Instadeath-QTE, für das ich fünf oder sechs Anläufe gebraucht habe. So etwas sorgt zwar für die nötige Abwechslung, an der es dem Titel bei weitem nicht mangelt (und gerade erstgenannte Stelle ist im Grunde eine richtig gute Idee), kann aber gerade für unerfahrene Spieler schnell zum fiesen Roadblock werden. Was mich direkt doppelt stört, da Paper Mario: Color Splash mit seiner einladenden Art und seinen überschaubaren Mechaniken ein perfekter Titel für Videospiel-Neulinge ist.

Also, kurz und gut: Wer sich ein Paper Mario mit stark reduzierten RPG-Elementen vorstellen kann, das vor allem von seinen liebenswerten Charakteren, seiner warmen Stimmung und seinem minimalistischen, aber effektiven Worldbuilding lebt, der ist mit Color Splash in jedem Fall gut beraten. Einen viel ehrwürdigeren Abgang kann sich die Wii U, abgesehen von Breath of the Wild, zumindest nicht wünschen.


awardFazit: Mit Paper Mario: Color Splash liefert Nintendo den wohl letzten großen Exklusivtitel für die Wii U. Das Gesamterlebnis spielt sich wie ein Best Of aller bisherigen Teile und erlaubt sich kaum einen Schnitzer, lediglich das lose von Sticker Star inspirierte Card Battle System lässt die Tiefe eines TTYD vermissen. Dieser kleine Schönheitsfehler fällt aber dank des grandiosen Writings und der liebevollen Präsentation kaum ins Gewicht. Unbedingte Kaufempfehlung, nicht nur für Mario-Jünger.


Vielen Dank an Nintendo für die freundliche Bereitstellung des Testmusters!

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