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Telespielkolleg #05: Black Knight Sword & Sine Mora

DAS TELESPIELKOLLEG™ ist eine vierzehntägliche Kolumne von und mit Matthias Gramann, in der ebenjener querbeet ausgesuchte Einzelfälle der elektronischen Unterhaltung bespricht. Unabhängig von Plattform, Veröffentlichungsjahr und Genre wird hier alles aufgetischt, was er im Laufe seiner steilen Videospielkarriere in die Finger bekommen hat – und noch viel mehr.

Die fünfte Ausgabe beschäftigt sich mit Black Knight Sword und Sine Mora, den ungleichen Kindern einer heißen Liebe zwischen Goichi Sudas Grasshopper Manufacture und dem ungarischen Studio Digital Reality.

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Ich überlege oft, welche Spiele ich in dieser Kolumne besprechen könnte. Interessant sollen sie sein, natürlich. Aber ich will es natürlich auch vermeiden, den Text unnötig zu strecken, wenn sich zu einem Titel einfach nicht mehr schreiben lässt als bereits geschrieben wurde. Die letzte Ausgabe hat mich in dieser konzeptuellen Hinsicht etwas unzufrieden zurückgelassen. Deshalb machen wir heute was ganz Besonderes: wir besprechen zwei Spiele auf einmal. Natürlich nicht irgendwelche, sondern ein digitales Geschwisterpaar, dem schon so mancher Spieler schlaflose Nächte und ungesunde Zornesfalten zu verdanken haben dürfte. Ich weiß, wovon ich rede. Ich gehöre dazu. Diejenigen unter euch, die einen Hang zu 2D-Titeln mit Arcade-Charme haben, dürfen jetzt aufhorchen, denn es geht um Black Knight Sword und Sine Mora.

Für diejenigen, die jetzt fragen: häh?, hier zunächst die drögen Fakten. Beide Spiele wurden 2012 veröffentlicht, als Kollaboration zwischen dem berüchtigten Studio Grasshopper Manufacture, dessen Chef Goichi Suda, besser bekannt als Suda51, die Videospielwelt regelmäßig mit neuen Absurditäten (killer7, No More Heroes) erfreut, und dem kleinen ungarischen Studio Digital Reality, dessen sonstiger Spielekatalog ausschließlich aus Titeln besteht, die mir überhaupt nichts sagen. Was nichts heißen und nicht so bleiben muss. Aber ich denke, da ging (oder: geht) es vielen ähnlich. Im Laufe dieses Textes beschäftigen wir uns zunächst mit Black Knight Sword, das zweifelsohne Sudas Handschrift trägt, und anschließend mit Sine Mora, in dem sich das Team von Digital Reality voll und ganz austoben konnte.

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Black Knight Sword. Charmant, aber zickig.

Part I: Black Knight Sword

Black Knight Sword ist ein 2D-Actionspiel, das seine Wurzeln in Capcoms Ghosts ’n Goblins-Reihe hat und diese Prämisse morbide ausstaffiert: Eine Gestalt, die sich soeben erhängt hat, wird von einem kleinen Geist namens Black Hellebore kontaktiert und mit einer mysteriösen Klinge ausgestattet, die aus dem Verblichenen den titelgebenden schwarzen Ritter formt. Die Aufgabe des Ritters ist es nun, das Geisterwesen im Kampf gegen die Weiße Prinzessin zu unterstützen, die aus zunächst unbekannten Gründen eine Gefahr darstellt. Die seltsame, traumartige Atmosphäre der ersten paar Minuten wäre wohl schon genug, um so manch interessierten Blick auf sich zu ziehen, aber damit noch nicht genug. Das gesamte Spiel ist als Theatervorstellung inszeniert; Vorhang, Publikum und Erzähler inklusive, und präsentiert sich in einer fleischig-düsteren Cutout-Optik. Was viele westliche Reviewer zurecht mit den entsprechenden Sequenzen aus Monty-Python-Filmen verglichen haben, entstammt tatsächlich der japanischen Tradition des kleinformatigen Papiertheaters, kamishibai (紙芝居, „paper drama“). Während der schwarze Ritter durch die Level streift, wechseln die Hintergründe dynamisch und der schmatzende, mäandernde Soundtrack von Silent Hill-Veteran Akira Yamaoka tut sein Übriges, um die Atmosphäre perfekt zu machen. Das gesamte Design strömt eine unglaublich befremdliche Atmosphäre aus, die man so noch in keinem anderen Videospiel vorgefunden hat. Nicht verwunderlich ist dabei, dass die Geschichte des Spiels auf einer alternativen Storyline von Shadows of the Damned basiert. Wer beide Spiele nebeneinander hält, wird die Ähnlichkeiten schnell erkennen.

Obwohl Black Knight Sword stilistisch über jeden oder wenigstens die meisten Zweifel erhaben ist, musste es für sein Gameplay einen guten Batzen Kritik einstecken. Denn wirklich Neues bietet der Titel abgesehen von altbewährter Arcade-Action im Sinne von Capcoms Klassikern nicht. Überschlagen wir mal: Es gibt auf dem Weg zum Abspann fiese Bosse zu meucheln und neue Fähigkeiten zu erlernen, optional können die gesammelten Herzen (und damit meine ich tatsächlich: noch schlagende menschliche Herzen, it’s that kind of game) in einem Shop gegen neue Fähigkeiten, Extraleben oder verbesserte Defensive eingetauscht werden. Dank Black Hellebore seid ihr in Sachen Magie und Fernkampf abgedeckt. Die Anzahl der versteckten Gebiete in jeder der fünf Stages ist mehr oder minder an einer Hand abzählbar. Ein paar Collectibles existieren in Form verboten niedlicher Katzenkopf-Pflanzen, aber einen tieferen Zweck erfüllen sie nicht. Das Speichersystem ist rein manuell geregelt, was insbesondere Autosave-Verwöhnte beachten sollten. Für anfänglichen Frust sorgt außerdem die umständlich auszuführende Ausweichrolle des Spielcharakters, an deren überraschend hohen Nutzen man sich ein Weilchen gewöhnen muss. Puh.

Oh, und natürlich wäre es kein anständiges Ghosts ’n Goblins-Derivat, wenn man das Ende schon nach dem ersten Durchgang sehen würde.

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Dringend benötigt und arschteuer: Upgrades.

Neben dem normalen Storymodus und dem obligatorischen New Game+ bietet Black Knight Sword einen guten Batzen Challenge Rooms, die von lächerlich einfach bis WHAT THE CHRIST reichen, sowie außerdem einen brachialen Spielhallen-Modus, der mit begrenzter Lebensanzahl und wegfallender Speicherfunktion den Thrill simuliert, Spiele wie anno knack in einem einzigen Durchgang durchjuckeln zu müssen, bevor der Laden um 19:00 Uhr schließt und man morgen nach der Schule wieder von vorn anfangen muss. Es ist eine Spielerfahrung, die keine außergewöhnlichen Gameplay-Mechaniken bietet, aber dank seines exotischen Designs für so manchen Wow- oder auch What-Effekt sorgt. Es ist bockschwerer Arcade-Mist, den Zartbesaitete womöglich höchstens auf Easy angehen wollen. Es ist, mit all seinen kleinen Macken und bisweilen frustrierenden Toden, ein im besten Sinne faszinierendes Spiel.

Wem das nun aber alles zu theoretisch und najaweißnicht ist, der kann sich die Walkthrough-Videos von Youtube-User // XCV // ansehen, um einen guten Eindruck vom Spiel zu gewinnen. Aber wem erzähle ich das? Ihr seid ja alle netzaffin.


So. Das war doch bislang sehr schön, oder? Nun wenden wir uns dem zweiten Kandidaten in unserer Runde der anonymen Qualitätsprodukte zu. Dafür blättern bitte einmal alle im Gesangsbuch auf Seite 2.

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