Image default
PS4 Tests

Testbericht: The Last Guardian

Fumito Ueda schlägt mit The Last Guardian (endlich) wieder zu. Elf Jahre hat es gedauert, seit dem Release seines letzten Spiels, Shadow of the Colossus. Ich nehme so viel vorweg: das Warten hat sich gelohnt.


Ein Trico und sein Junge

Der Junge erwacht in einem spärlich beleuchteten Gewölbe. Seine Arme und Beine sind mit schwarzen Schriftzeichen übersät; er kann sich nicht erinnern, wie er dort hingekommen ist.
Ein paar Schritte entfernt liegt eine mehrere Meter große Mischung aus Vogel und Katze — ein sogenannter Trico. Das Tier wirkt schwer mitgenommen. Speere ragen aus seinem Rücken, eine kaputte Maske ist ihm auf den Kopf geschnallt und angekettet ist es auch.

Trico schaut zu Beginn gar nicht gut aus
Trico schaut zu Beginn gar nicht gut aus

Als Spieler übernimmt man Kontrolle über den Jungen, löst Rätsel, klettert über schmale Balken und kriecht durch kleine Öffnungen. Trico dagegen, wird von einer KI gesteuert und kann nur indirekt beeinflusst werden. Er kann breite Abgründe überwinden und sich mit Wächtern anlegen, die für den Jungen eine Nummer zu groß sind.

Unter Einsatz und Kombination ihrer Fähigkeiten, bahnt sich das ungleiche Duo seine Weg durch eine riesige tempelartige Anlage. Was es wohl mit diesem sonderbaren Ort auf sich hat?


Der Star von The Last Guardian

Hauptelement von The Last Guardian ist — wie könnte es anders sein — das Zusammenspiel von Trico und dem Jungen.
Rufen, Zeigen, Klatschen, Aufstampfen; die ganze begrenzte Platte der Mensch-Tier Kommunikation steht dem Spieler zur Verfügung. Dass es da manchmal zu Missverständnissen kommt, ist nicht verwunderlich.
Statt den gewünschten Befehl auszuführen, kratzt sich das Tier auch mal desinteressiert hinterm Ohr oder legt fragend den Kopf schief. Erst nach ein wenig herumprobieren, lernt man wie man Trico den eigenen Willen verständlich macht.

Ein bisschen Eigensinn behält Trico aber selbst dann noch bei. Und diesen Punkt hat genDESIGN außergewöhnlich authentisch umgesetzt. Er interagiert mit der Umgebung, schaut zum Beispiel durch Öffnungen oder wälzt sich in einem Wasserbecken, und reagiert auf unterschiedliche Weise auf den Spieler.
Trico wirkt glaubwürdig, und ist den üblichen KI Gefährten damit Klassen voraus. Ich würde sogar behaupten, dass in keinem Videospiel je ein Tier so gut simuliert wurde wie in The Last Guardian. Obwohl es spielerisch nichts bringt, konnte ich nicht anders als Trico zu streicheln, wenn er gemacht hat was ich wollte, und ihn zu tadeln wenn nicht.
Selbst in meinem zweiten Durchlauf blieb es interessant Trico zu beobachten, da er so viele Interaktionsmöglichkeiten hat und gleichzeitig kaum gescripted ist.

Schwer zu sagen, wer der wahre Protagonist von The Last Guardian ist
Schwer zu sagen, wer der wahre Protagonist von The Last Guardian ist

Bei all dem Lob für das sonderbare Fabelwesen, möchte ich die in den Jungen gesteckte Arbeit nicht zu kurz kommen lassen. Von einer KI gesteuert ist er zwar nicht, aber auch dem Jungen kann man, dank wohl durchdachter Animation, seine Emotionen gut ablesen.
Zu Beginn des Spiels — bevor er sich mit Trico vertraut macht, — schreckt er vor dem Tier noch zurück. Wenn man sich in dessen Nähe bewegt, setzt der Junge seine Schritte nur zögerlich und lässt das Tier nicht aus den Augen.
Wenn er im weiteren Spielverlauf in der Nähe eines Wächters stehen bleibt, trippelt er unruhig auf der Stelle, bereit sofort loszusprinten.

Klasse Animationen zusammen mit den vielen Türmen und verschlungenen Wegen des Tempels, die man in den Außenarealen dank einwandfreier Weitsicht bewundern kann, macht The Last Guardian optisch alles richtig. Nach der fabelhaften Gestaltung beider Vorgänger — und insbesondere der Animation von Pferd und Kolossen in Shadow of the Colossus — habe ich aber auch nicht weniger erwartet.


Kein typischer Puzzle-Plattformer

Ich bin immer wieder fasziniert, wie variabel manche Genres sind. The Last Guardian hat zwar sowohl Rätsel, als auch Plattformer Passagen (gerne auch beides zusammen), geht aber angenehm originell an die Sache heran.

Statt die grauen Zellen des Spielers mit kryptischen Zahlen- oder Worträtseln zu strapazieren, fordert The Last Guardian die Beobachtungsgabe heraus. Wie kann ich diese Kiste benutzen? Was hat es mit dem Pendel da drüben auf sich? Kann mich Trico vielleicht auf diesen Vorsprung da drüben bringen?
Die Lösung sind stets intuitiv und logisch. Es gab keine Situation, in der ich mir mit einem falschen Lösungsansatz die Zähne ausgebissen habe.

Mit dem Klettern verhält es sich ähnlich. Es geht eher darum, zu verstehen wo man hin kann, als darum, präzise zu steuern.
Komplexe Inputs zu geben, wäre auch kaum möglich. Der Fokus lag darauf dem Jungen atmosphärisch passende Animationen zu geben. Diese dauern deshalb merklich länger, als normalerweise in Plattformern der Fall ist. Dass sich das Spiel dadurch nicht sonderlich zackig spielt, ist klar. Wegen des Fokus auf Atmosphäre, fällt das aber nicht negativ auf — es gibt einfach keine Stelle wo die Steuerung ein Hindernis darstellt.

Die Lichtstimmung gefällt mir übrigens auch sehr gut
Die Lichtstimmung gefällt mir übrigens auch sehr gut

Was mir allerdings sehr negativ aufgefallen ist, ist die Kamera. 3rd Person Kameras haben im Engen allgemein ihre Probleme, da habe ich mich inzwischen dran gewöhnt. GenDESIGN haben sich das Leben in The Last Guardian aber nochmal schwieriger gemacht als nötig.

So sind fast alle Korridore im Spiel, deutlich schmaler als, sie von der Architektur her, sein müssten. Wenn er durch einen Torbogen läuft, hat Trico zu jeder Seite nur etwa einen Meter Platz. Wenn man sich da an seinem Rücken festhält, hat die Kamera einfach keinen Spielraum. Zwei drei Meter mehr, hätten man die Gänge sicher haben können, ohne den visuellen Eindruck der alten Gemäuer zu schmälern.

Zudem wird dem Spieler außergewöhnlich oft die Kamerakontrolle entrissen, zum Beispiel um hervorzuheben was Trico gerade tut. Das nervt mich allgemein in allen Spielen, fällt hier aber besonders auf, da es so oft passiert.

Schließlich hat genDESIGN versucht dem Problem Herr zu werden, indem die Kamera manchmal Schwarz wird und sich automatisch neu ausrichtet. Mich hat das allerdings eher irritiert, da Schwarzblenden in den meisten Spielen eine Cutscene ankündigen, die hier aber nicht kam. Und die neue Kameraposition war selten besser als die Vorige.


Im Vergleich zu ICO und Shadow of the Colossus

Fumito Uedas vorige Werke habe ich hier schon im Groben besprochen, und The Last Guardian reiht sich nahtlos in die Reihe ein.

Die grundlegenden Spielmechaniken sind dicht an denen von ICO dran. Trico, mit seinem bekletterbarem Gefieder, ist eine Fortführung der Kolosse. Die Beziehung zwischen Trico und dem Jungen ähnelt der zwischen Yorda und Ico: beide Duos haben eine Sprachbarriere zueinander und müssen zusammenarbeiten.
Ein von der Außenwelt isolierter Ort und spärlicher Gebrauch von Musik. Dass der Tempel interessant in sich verschachtelt ist, wie das Schloss in ICO — je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Parallelen fallen mir auf.

Entscheidend ist aber, dass Ueda es wieder schafft eine dichte Atmosphäre und Glaubhaftigkeit zu erschaffen — was für Videospiele eher unkonventionell ist. Als Resultat sind seine Spiele einzigartig für das Medium und auch The Last Guaridan ist ein Ausnahmetitel der guten Art.


Fazit:

award

Ich habe lange überlegt, ob ich The Last Guardian guten Gewissens die volle Punktzahl geben kann. Die Steuerung könnte schon noch etwas zackiger sein und die Kamera nervt. Beide Punkte fallen aber letztlich kaum ins Gewicht, da das Spiel sowieso auf ein langsames Tempo ausgelegt ist.

Auf der „Haben” Seite, steht dafür erstklassige Atmosphäre und das glaubwürdigste Tier in einem Videospiel. Rätsel, Animationen und Musik passen wunderbar zusammen. Und mit zwölf abwechslungsreichen Stunden, hat das Spiel auch noch eine stattliche Länge. Hier ist wirklich alles Wichtige richitg gelaufen.

Für mich ist The Last Guardian das Spiel des Jahres — Mitte Dezember kann ich das schon behaupten — und ich kann es jedem ans Herz legen.


Vielen Dank an Sony, für das Testmuster.

verwandte Beiträge

PS4 & Xbox One: Kommt bald schon die erste Preisreduzierung?

Nature225

Review: NightSky

Nature225

Ace Combat 7 Skies Unknown > Neue Details zum Flugzeug-Spiel!

Philipp Briel