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Silence im Test – Ein melancholisches Meisterwerk

Das melancholische Silence ist der neueste Geniestreich der deutschen Adventure-Profis von Daedalic Entertainment. Der inoffizielle Nachfolger des 2009 veröffentlichten Überraschungshits The Whispered World besticht in unserem Testbericht durch eine emotionale Geschichte und setzt dabei in einigen Bereichen neue Genrestandards. Warum? Das lest ihr in den folgenden Zeilen.

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Eine emotionale und packende Geschichte

In einer kühlen Winternacht wollen die beiden Geschwister Noah und Renie doch nur mit ihren Freunden einen Schneemann bauen, als es erneut zu einem Bombenangriff kommt. In ihrer Heimat tobt ein grausiger Krieg. Die Sirenen läuten, Bomber ziehen über die beiden Waisenkinder hinweg. Gerade noch rechtzeitig flüchten sie in den vermeintlich sicheren Bunker.

Bereits in den ersten Spielminuten vermag es Silence, uns mit seiner düsteren und liebevoll erzählten Geschichte magisch in seinen Bann zu ziehen. Das Point ‘n‘ Click Adventure transportiert die Emotionen dabei deutlich unterschwelliger und klüger, als so mancher namhafte Konkurrent der uns Spielern die Gefühlskeule über den Kopf zieht und laut schreit: „HIER SPIELER, GEFÜHL! FÜHLE ETWAS!“.

Soetwas gibt es bei Silence nicht. Denn die Emotionen und Gänsehaut, die das Abenteuer in seiner knapp fünfstündigen Spielzeit in uns auslöst, entspringen vor allem aus der Umgebung und den wunderschönen Dialogen der hervorragend geschriebenen Charaktere.

So müssen unsere beiden Helden bei der Flucht in den Bunker mit ansehen, wie ihre Freunde den Bomben zum Opfer fallen. Da die junge Renie das Leid des Krieges noch nicht versteht, liegt es an uns, ihr Mut zuzusprechen und sie aufzumuntern. Bereits im darauffolgenden Tutorial versprüht das Spiel dermaßen viel Charme und Humor, wie es nur wenigen Genrevertretern der letzten Jahre gelungen ist.

Die Beziehung zwischen den beiden Geschwistern präsentiert Silence äußerst stark.

Also machen wir uns die minimalistische Ausstattung des Gewölbes zu Nutze und imitieren mithilfe einer Socke eine Raupe oder ziehen uns den Kopf eines Plüschesels als Mütze auf. Die Geschehnisse um den Clown Sadwick und die Raupe Spot sind immerhin Renies Lieblingsgeschichte. Adventurefreunde wissen natürlich sofort dass es sich hierbei um The Whispered World, den geistigen Vorgänger von Silence, handelt. Erfreulicherweise sind jedoch keine Vorkenntnisse von Nöten, um mit dem neuesten Daedalic-Abenteuer eine Menge Spaß haben zu können. Wenngleich man natürlich nicht alle Anspielungen versteht.


Farbenfrohe Traumwelt Silence

Haben wir Renies Tränen getrocknet, verschlägt es uns auch schon in das malerische und namensgebende Traumreich Silence. Doch da das Spiel die beiden Geschwister zunächst auseinanderreißt, liegt es an uns, unsere kleine Schwester wiederzufinden.

Viel mehr wollen wir zur packenden Hintergrundgeschichte allerdings auch gar nicht erzählen, denn diese muss man selbst erlebt haben. Die Story ist ganz klar das Sahnestück von Silence und macht in Kombination mit der cineastischen Präsentation und den liebevollen Charakteren den Hauptreiz aus.

Gerade die Figuren sind den Entwicklern hervorragend gelungen. Die junge und naive Renie agiert, wie man es von einem kleinen Mädchen erwarten würde. Mutig stapft sie durch die farbenfroh gestaltete Fantasiewelt und muss natürlich alles anfassen oder gar anlecken. Ihre herrlich kindlichen Gespräche mit den anderen Bewohnern von Silence zaubern einem stets ein Lächeln ins Gesicht.

Die liebevollen Charaktere strotzen nur so vor Charme.

Auch ihr nicht ganz so mutiger Bruder Noah ist erstklassig und glaubhaft geschrieben. Im Verlaufe des Abenteuers wächst der Held gleich mehrfach über sich hinaus, besonders wenn es um seine Schwester geht. Etwas schade nur, dass alle Charaktere in ihrer vordefinierten Rolle bleiben und es so entsprechend selten zu unvorhersehbaren Wendungen kommt. Das ändert allerdings Nichts daran, dass die Identifikation mit den einzelnen Figuren ab der ersten Spielminute hervorragend gelingt.


Eine Raupe zum Verlieben

Apropos Charaktere: Natürlich ist auch die Raupe Spot wieder mit von der Partie und stellt als niedlicher, kulleräugiger und intelligenter Sidekick fast schon die beiden Hauptfiguren in den Schatten. Mit seinen tapsigen Bewegungen und Aktionsmöglichkeiten sorgte er bei unseren Spieldurchgängen gleich mehrfach für einige Lacher.

Spot und Renie – Ein Duo zum Verlieben.

Doch Spot ist viel mehr als nur ein niedlicher Hingucker. Im Gegensatz zum Vorgänger wird ihm in Silence nämlich eine weitaus größere Rolle zuteil. Außerdem agiert er weitaus dreidimensionaler, als die beiden eigentlichen Helden und mutiert ganz eindeutig zum Star des Spiels.

Im Verlaufe der Handlung ist es nämlich die kleine Raupe, die zum Lösen der meisten Rätsel unabdingbar ist. Auf Knopfdruck kann sich Spot nämlich entweder dünn machen und so beispielsweise als Brücke über eine Schlucht fungieren oder sich aufblasen, um Schalter zu betätigen oder schwere Objekte wegzudrücken. Hinzu gesellen sich immer neue Transformationen für die knuffige Schmetterlingslarve, deren Nutzung zum Vorankommen unabdingbar ist.


Rationalisiertes Abenteuer

Außerdem stellen die Abschnitte mit Spot ganz klar den spielerischen Höhepunkt von Silence dar. In Sachen Gameplay kommt das Spiel nämlich relativ simpel daher. Auf einige typische Eigenschaften eines Point ‘n‘ Click Adventures verzichtet der Titel konsequent. Ein Inventar für die Nutzung der gesammelten Gegenstände sucht man vergebens. Findet eine der Figuren ein neues Item, wird dieses im jeweiligen Abschnitt oder in der Nähe auch zum Weiterkommen benötigt.

Das Rätseldesign von Silence fällt eher simpel aus, überzeugt allerdings.

Hier bricht Silence mit den typischen Genrestandards, was allerdings hervorragend funktioniert. Das liegt vor allem am Rätseldesign, welches den Entwicklern von Daedalic erneut erstklassig gelungen ist. Dabei überlässt es das Spiel jederzeit uns als Spieler herauszufinden, wie die farbenfrohe Märchenwelt funktioniert und wie wir letztlich mit ihr interagieren können.

Das führt natürlich unweigerlich dazu, dass wir vieles zunächst ausprobieren müssen, um die Logik hinter so manchem Rätsel zu verstehen. Wirkliche Kopfschmerzen bereitete uns allerdings keine der Rätseleinlagen. Mit ein wenig Überlegen gehen diese leicht von der Hand, fordern allerdings auf einem angenehmen Niveau. So hält Silence hervorragend die Waage zwischen seiner kinoreifen Geschichte, der dichten Atmosphäre und spannenden Rätseln.

Etwas ärgerlich jedoch, dass sich manche der Knobeleien erst lösen lassen, wenn wir mehrfach mit allen Objekten in der Umgebung interagiert haben. An einer Stelle wissen wir zum Beispiel genau, dass wir mithilfe von Masken eine Brücke über eine brodelnde Teergrube bauen müssen. Allerdings müssen wir die Masken und die Grube erst genau betrachten, bis wir die genannte Brücke auch bauen können.

Mit ein wenig Nachdenken lassen sich auch die schwierigsten Kopfnüsse knacken.

Zudem bestreitet Silence einen sehr geradlinigen Pfad, welchen wir nicht verlassen können. Abseits des Zieles gibt es nahezu Nichts zu entdecken. Auch auf Multiple-Choice-Dialoge verzichtet das Spiel größtenteils. Obwohl das Adventure also viele spielerische Freiheiten vermissen lässt, hat uns das kompakte Design sehr gut gefallen. Unnötige Längen sucht man zumindest vergebens. Löblich ist zudem die Option, sich Interaktionsmöglichkeiten und Tipps anzeigen zu lassen, sollte man wirklich einmal nicht weiter wissen. Allerdings lässt sich dies auf Wunsch auch deaktivieren.


Wunderschöne Welt

Dass Silence trotz des entschlackten Gameplays nahezu perfekt funktioniert, verdankt das Spiel vor allem seinem rundum stimmigen Artdesign. Die wunderschönen, kunterbunten und detailverliebt gestalteten Umgebungen der Märchenwelt stehen im krassen Kontrast zum öden grau der Heimat der Protagonisten. Gerade dieser Kontrast funktioniert hervorragend.

Grafisch überzeugt Silence auf ganzer Linie. Das Spiel ist optisch eine Augenweide.

Ab der ersten Minute im Fantasyreich fühlt man sich, als hätte einen das Spiel in ein Märchenbuch entführt. Ein Reich, in dem jedes noch so kleine Detail wie ein Zahnrad perfekt in das nächste greift. Unterstützt wird das nahezu perfekte Design von den herrlichen und butterweich animierten Figuren, die man mit Leichtigkeit sofort ins Herz schließt. Zudem rangiert die Vertonung auf einem erstklassigen Niveau, wenngleich einige Dialoge leider nicht wirklich lippensynchron sind. Dennoch überzeugen die Sprecher mit jeder Menge Witz und Charme, sodass es eine wahre Freude ist, den Gesprächen zu lauschen. Beim Spielen hatten wir zumindest nicht ein einziges Mal das Bedürfnis, eine der Konversationen zu überspringen.

Hinzu kommt der traumhafte Soundtrack, der aus der Feder von Tilo Alpermann stammt und fast im Sekundentakt für Gänsehaut sorgt. Mal untermalen zarte Klaviertöne das Geschehen, mal vermag es die Musik, speziell in Gefahrensituationen, zu treiben und die Dynamik der Szene perfekt widerzuspiegeln. Kurzum ist Silence ein audiovisueller Hochgenuss geworden.


Fazit:

AwardZugegeben: Ich bin kein Kenner der Daedalic-Adventures und auch nicht unbedingt der größte Adventure-Fan. Doch was die Entwickler mit Silence abliefern, ist ein wahres Meisterwerk. Von der unglaublichen schönen Spielewelt, den liebevollen und irrwitzigen Charakteren, bis hin zu den gelungenen Rätseln und der erstklassigen Vertonung – hier stimmt einfach alles. Das fehlende Inventar und entschlackte Gameplay gefällt mir persönlich sehr gut.

Wie ein gutes Märchenbuch fesselt Silence ab der ersten Spielminute und zieht mich magisch in seinen Bann. Die Geschichte um Noah, Renie und Spot erzählt der Titel mit derart viel Herz, dass sich Gänsehaut und einige Tränchen bei mir die Klinke in die Hand geben. Schade nur, dass es dann auch so schnell schon wieder vorbei ist. Trotzdem wird mir meine Reise nach Silence noch lange im Gedächtnis bleiben. 


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