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NieR:Automata Review

Es gibt Reviews, da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Das hier ist so ein Fall. Daher greife ich einfach mal vorweg und sage an dieser Stelle: Es handelt sich bei NieR:Automata schon jetzt um mein potentielles Spiel des Jahres. Da bin ich, zugegebenermaßen, natürlich nicht ganz neutral, da ich dem Release dieses Titels schon seit seiner glorreichen Ankündigung auf der E3 2015 entgegen fiebere. Doch gerade als Fan ist man natürlich auch besonders kritisch: Können die Erwartungen, die man sich in der Zwischenzeit zusammen gesponnen hat, erfüllt werden? Daher war ich in der Zeit, die ich mit NieR:Automata verbracht habe, besonders vorsichtig mit überbordender Vorfreude. Ich wollte mich dem Spiel auf möglichst neutraler Ebene nähern.

Das hat für ungefähr eine halbe Stunde funktioniert, da ich den Anfang bereits aus der Demo kannte. Alles danach? Fan-Orgasmus. Ich weiß, Verisse lesen sich amüsanter als Lobhudeleien, aber sorry – da müsst ihr jetzt durch.

NieR:Automata
Androiden gegen Maschinen: Heute ist die Welt am Abgrund, morgen einen Schritt weiter.

Der Menschheit zur Ehre

NieR:Automata basiert, selbstverständlich, auf seinem Namensvetter und Vorgänger NieR, dem Kult-Action-RPG aus dem Jahr 2010 (welches seine Wurzeln wiederum in der Hack’n’Slash-Reihe Drakengard hat). Es basiert allerdings ebenso auf dem von Yoko Taro verfassten Theaterstück YoRHa und einem alternativen Ende des originalen NieR, welches nie den Weg ins Spiel fand, sondern lediglich im Begleitbuch Grimoire Nier beschreiben wurde. Schon durcheinander? Nicht so schlimm. Automata macht sein eigenes Ding und kann überwiegend auch ohne Vorkenntnisse verstanden werden. Natürlich hat man dann aber nicht den Zusatzgenuss und erkennt auch gewisse Elemente nicht wieder, yada yada. Ihr kennt die Leier.

Die Story ist auf den ersten Blick denkbar simpel: Ihr spielt 2B, einen Kampfandroiden, der für die Organisation YoRHa gegen Maschinenwesen kämpft, die im Auftrag mysteriöser Aliens die Erde überrannt haben. Erst wenn der Krieg gegen die Maschinen gewonnen ist, können die überlebenden Menschen, die sich zurzeit auf dem Mond verschanzen, wieder auf ihren Heimatplaneten zurückkehren. Also stürzt ihr euch ins Getümmel und teilt gegen verschiedenste mechanische Kreaturen ordentlich aus.

Natürlich bleibt es aber nicht bei diesem Stellvertreterkrieg. Denn in einem Spiel, dessen Geschichte und Setting der Feder des ebenso exzentrischen wie sympathischen Yoko Taro entsammt, ist selten etwas so, wie es scheint. Ich übertreibe also nicht, wenn ich sage, dass die Handlung bis zum Ende mehrmals komplett auf den Kopf gestellt und ordentlich durchgeschüttelt wird. Dabei hat der Spieler übrigens nach dem ersten Abspann (und eigentlich auch nach dem zweiten) noch längst nicht alles gesehen, was das Spiel zu bieten hat. Im Gegenteil: Erst danach geht es so richtig zur Sache. Neben fünf sehr unterschiedlichen Hauptenden könnt ihr außerdem an verschiendensten Punkten im Spiel insgesamt 21 Bonusenden freischalten, die zwischen extrem komisch und extrem tragisch pendeln. Ich halte das hier bewusst sehr vage, da so ziemlich alles, was über die oben genannte Prämisse hinausgeht, als nicht unerheblicher Spoiler zu werten wäre. Come in and find out.

Der starke Artstyle bewahrt den rauen Charme des Vorgängers.

NieR:Automata – Alle Last der Welt

NieR:Automata bietet eine offene Spielumgebung, die allerdings größenmäßig nicht mit einem Zelda oder Horizon mithalten kann oder überhaupt möchte. Es ist groß genug, um sich nicht beengt zu fühlen, aber nicht unnötig weitläufig. Einige Bereiche sind sehr auf freies Herumstromern ausgelegt, andere nehmen eher den Platz von Dungeons oder Missionen ein und sind etwas linearer, bieten aber immer noch genügend versteckte Goodies und Wege, so dass zu keinem Zeitpunkt Korridor-Feeling aufkommt.

Dabei sorgt NieR:Automata nicht nur mit seiner Umgebung, sondern auch mit seiner Kameraarbeit für Kurzweil und Abwechslung: Neben klassischem Action-Gameplay mit diversen Hieb-, Stich- und Schusswaffen werdet ihr häufig in Top-Down-Abschnitte, 2D-Jump’n’Run-Bereiche oder kurze Shoot’em-Up-Passagen geworfen und auch darüber hinaus lässt sich Automata eine Menge einfallen, um den Spieler bei der Stange zu halten. Eines der besten Features bekommt ihr dabei sogar erst nach dem ersten Abrollen der Credits zu Gesicht.

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Was man in jedem Moment spürt, ist der tief sitzende Respekt vor dem Original-NieR. Das beginnt bei der ausgwaschenen, verblassend wirkenden Farbpalette, setzt sich fort über die ungewöhnlichen Gameplay-Swaps und erschöpft sich im Kampfsystem, das hier in jeder Hinsicht sinnvoll ausgebaut wurde. Erwartet nur bitte kein zweites Metal Gear Rising oder ein Combo-Fest der Marke Bayonetta. Das gibt’s hier nicht. Es ist komplex und individualisierbar genug, um lange Spaß zu machen, aber es ist keine reinrassige Character Action.

Die Liebe geht dabei zum Glück zu keinem Zeitpunkt so weit, dass uninspiriert recyclet wird. Auch inhaltliche Rückbezüge auf frühere Titel werden überwiegend auf optionale Gespräche und Collectibles beschränkt, damit sich niemand verloren vorkommen muss. Somit können Franchise-Nerds, denen bei „White Chlorination Syndrome“ bereits die Augen leuchten, ebenso viel aus der Spielerfahrung mitnehmen wie Newcomer, denen alle wichtigen Elemente gut verständlich erläutert werden.

Ein Aspekt, der in jedem Fall eine spezielle Erwähnung verdient hat, ist der Soundtrack. Keiichi Okabes Künstlerkollektiv MONACA hat hier so richtig auf den Putz gehauen und lässt ein musikalisches Feuerwerk hochgehen, dass es dem geneigten Freund der Telespielmusik die Tränen der Rührung in die Augen treibt.  Das erste NieR hatte ja bereits einen Bombenscore (zumindest darin waren sich die Reviews seinerzeit einig), aber hier wurden bei Verspieltheit und Bombast die Regler noch einmal ein gutes Stück hochgefahren. Jedes der Stücke taucht zudem mehrfach in (teils stark) abgewandelter Form auf, was in wichtigen Szenen auch ohne viele Worte eine ganze Menge Atmosphäre vermittelt. Besonders stechen dabei die Chiptune-Versionen hervor, die ihr unter bestimmten Umständen zu hören bekommen könnt.

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Fehler im System

Abgesehen von der Vielzahl an vom Spiel gewollten Überraschungen und Seltsamkeiten kommt man aber natürlich nicht umhin, der ansonsten makellosen Präsentation ein paar kleine Schönheitsfehler anzukreiden. Betritt man nämlich eines der offenen Gebiete, kommt es aufgrund des Nachladens von Objekten gelegentlich zu leichten Stotterern. Das war auf meiner PS4 (Slim-Version) nie ein nennenswertes Problem, zumal die Framerate in haarigen Kampfsituationen gottseidank immer flüssig bleibt. Auch die Umgebungstexturen sind nicht immer so ganz der Burner und bewegen sich bisweilen auf frühem PS3-Niveau, was leider vor allem im Startgebiet negativ auffällt. Immer ein schlechter Punkt für einen schlechten ersten Eindruck.

Eher ein Hinweis als ein Mangel ist übrigens folgender Aspekt: Es gibt keinen Autosave, wie man ihn aus vergleichbaren Titeln gewohnt ist. Speichern erfolgt stets manuell und hängt in der Regel davon ab, ob euer Android im momentanen Spielgebiet ausreichendes WLAN hat. An dieser Stelle darf man also froh sein, dass NieR:Automata in einer fiktiven Zukunft spielt und nicht auf der Bahnstrecke zwischen Köln und Osnabrück. Ich als alter RPG-Junkie bin das gewohnt und es stört mich nicht, aber ich sag’s nur extra zur Warnung. Für die jungen Leute, ihr wisst schon.

NieR:Automata
Fans jubeln: Es darf wieder auf Wildschweinen geritten werden.

Den kleinen Makeln gegenüber steht ein extrem gut durchdachtes Setting, dessen Gameplay-Details und Plottwists perfekt auf die artifizielle Natur seiner Protagonisten abgestimmt sind. Wirken 2B, 9S und der restliche Cast zu Beginn noch zu kühl und distanziert, um eine emotionale Beziehung zu ihnen aufzubauen, ändert sich das im Verlauf der Geschichte rapide. Auch lobenswert: Viele Sidequests sind nicht nur banales Fetching oder Laufen von A nach B (es lebe die Schnellreiseoption), sondern erzählen Teile der Hauptgeschichte weiter und verleihen manchen Charakteren ein gutes Stück mehr Tiefe.

Würde ich persönlich empfohlen, als Neueinsteiger direkt mit Automata loszulegen? Ja. Das originale NieR funktioniert auch sieben Jahre später noch tadellos und wer es sich vorher reinpfeifen will, der tue dies unbedingt. Wer sich selbst den Aufwand nicht machen möchte, aber trotzdem informiert sein will, dem stehen allerdings auch einige Alternativen (z.B. hier oder hier) zur Verfügung.

Am Ende des Tages haben wir es hier in vielerlei Hinsicht mit einem grandiosen Querschläger zu tun. Man sollte sich vor Spielstart des Umstandes bewusst sein, dass es sich hierbei nicht um eine gewöhnliche 08/15-Actionparade handelt. Egal, wie sehr es das (gerade zu Beginn) vortäuscht. Wer auf alles gefasst ist und sich gern auf Extravagantes einlässt, wird mit NieR:Automata eine verdammte gute Zeit haben. Und auch eine sehr traurige. Wenn ich so darüber nachdenke, sogar vor allem eine traurige. Aber wer traurig ist, der hat ja wenigstens echte Gefühle. Oder?


Fazit:

AwardAlter Vatter. Was hat dieses Dreamteam denn da auf die Beine gestellt? Dank gewohnt hochwertiger Action aus dem Hause Platinum Games kann die originelle und einzigartige Geschichte von NieR:Automata ohne Abstriche glänzen und dank des action- und variantenreichen Gameplays kommt auch zu keiner Zeit Langeweile auf.

Yoko Taro liefert eine Story jenseits von Gut und Böse, die in ihren tragischen Momenten ebenso gut funktioniert wie in ihren komischen. Der Knallersoundtrack von Keiichi Okabe macht jeden Spielabschnitt zu einem denkwürdigen Erlebnis. Und was steht, abgesehen von dem kleinen Wunder, dass es dieses Spiel überhaupt, am Ende? Das muss jeder selbst rausfinden. Aber es wird in jedem Fall schmerzhaft. Grandios schmerzhaft.

Danke für alles. Danke.


Zweitmeinung von Lars:

AwardWas macht der März nur mit uns? Nach einem überragenden The Legend of Zelda: Breath of the Wild und einem grandiosen Horizon: Zero Dawn erschien mit NieR:Automata direkt im Anschluss der nächste hochkarätige Knaller!

Ich gebe zu, dass ich zu den Neulingen der NieR-Reihe gehöre. Nachträglich frage ich mich allerdings, wie konnte es sein, dass die komplette Drakengard-/NieR-Serie so an mir vorbeiziehen konnte? NieR:Automata ist mit seiner hervorragend inszenierten philosophischen Story kaum zu übertreffen und sorgt mit seinen irrsinnigen Momenten immer wieder für überraschende Momente. Durch unzählige Enden werden die Motivation und der Wiederspielwert stetig oben gehalten.

Sowohl das explosive und flüssige Kampfsystem als auch die Entwicklung von 2B und Co. konnten bei mir punkten. Außerdem fühlte ich mich von NieR:Automata zu keinem Zeitpunkt aufgrund meiner fehlenden Hintergrundinformationen im Stich gelassen. In diesem Sinne möchte ich als Neuling der NieR-Reihe eine klare Empfehlung für das Spiel aussprechen. 


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