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Testbericht: Final Fantasy XV

Final Fantasy XV ist ein Spiel, dessen Entwicklungshistorie komplexer und wendungsreicher ist als seine Ingame-Story.

Klingt nicht so gut? Ist aber nur halb so schlimm. Seit das ambitionierte Rollenspiel-Epos vor über zehn Jahren enthüllt wurde, damals noch unter dem Projektnamen Final Fantasy Versus XIII und als Teil des Sub-Franchise Fabula Nova Crystallis, hat sich einiges getan. Neben unzähligen verworfenen Ideen und Konzepten war vor allem der auf halber Strecke vollzogene Wechsel vom originalen Director Tetsuya Nomura (u.a. Kingdom Hearts) zu Hajime Tabata (Crisis Core, Final Fantasy Type-0, leider auch The 3rd Birthday) ein scharfer Einschnitt in Sachen Plot und World Design. Nomuras Einflüsse sind im fertigen Spiel nur noch phasenweise und in einzelnen Details spürbar, was aber angesichts seiner Projekte und Zuständigkeiten in den vergangenen Jahren auch nicht unbedingt als schlechte Nachricht verstanden werden muss.

Zwar wird Squares Mammutprojekt in Sachen Development Hell vom dieser Tage ebenfalls erschienenen The Last Guardian noch bei weitem übertroffen, dennoch bestand seitens der Videospielöffentlichkeit natürlich großes Interesse: Kann bei so viel Kuddelmuddel am Ende was Vernünftiges herauskommen?

Tja.


Final Fantasy XV
Die Spielwelt von Final Fantasy XV ist ebenso hübsch wie seine Protagonisten.

Final Fantasy XV: Nouvelle modestie

Von Beginn an übt das Spiel sich serienuntypisch in Understatement. Kein absurdes Fantasy-Grandeur, kein JRPG-Kitsch, nur unsere vier jungen Herren, die ihr kaputtes Auto über den von der Sonne aufgeheizten Highway in Richtung der nächsten Werktstatt schieben. Die Kamera geht in die Totale, das Logo wird eingeblendet und Florence + The Machine covern Stand By Me. Ein Schelm, wer Böses denkt. Beginnt so ein ziemlich umfangreiches storyfokussiertes Rollenspiel eines großen japanischen Publishers? Die Antwort auf diese Frage lautet Ende 2016 ganz offensichtlich Ja.

Der Hook des Spiels ist dabei, dass Prinz Noctis und seine drei engsten Vertrauten sich aufmachen in Richtung der Hafenstadt Altissia, damit der baldige Thronfolger dort seine Jugendfreundin, Prinzessin Lunafreya von Tenebrae, zum Zwecke des politischen Friedens zwischen dem Königreich Lucis und dem Imperium von Niflheim ehelichen kann. Wem von dieser Kurzzusammenfassung bereits der Kopf brummt, dem sei versichert, dass das Spiel auch ohne dezidiertes Lore-Vorwissen oder den Konsum des Companion-Materials genießbar ist. Und obwohl man Square durchaus auf die Schulter klopfen kann angesichts der Mühe, die in die glaubwürdige Inszenierung der Geschichte und der Spielwelt gesteckt wurde, reicht es im Grunde aus, wenn man weiß, dass man an Punkt A ist und zu Punkt B hin muss. Währenddessen passieren Dinge. Manche davon sind interessant.

Final Fantasy XV
Stören beim gemütlichen Cruisen mit Freunden: Kriege.

Die schönste Nebensache der Welt

Wie sage ich’s am besten? Vielleicht so: Final Fantasy XV ist ein seltsames Spiel. Es ist in seinem Kern eine Nebengeschichte, auf Millionenbudget hochgepumpt. Während der okaye Prequel-Animationsfilm Kingsglaive in Sachen Figuren und Plot absolut klassisches Final-Fantasy-Material bietet, ist das tatsächliche Spiel über weite Strecken ein recht gemächlicher Roadtrip, quasi ein dreißigstündiges „Meanwhile… (in Australia)“, bevor es dann kurz vor Ende nochmal richtig zur Sache geht. Wer also in Spielen oder Filmen immer gern wissen möchte, was Charakter XY denn zwischen Ereignis A und Ereignis B so getrieben hat, kommt hier mit Side Story: The Game voll und ganz auf seine Kosten. Damit steht es übrigens ganz in der Tradition des Franchise-Outlaws Final Fantasy XII, in dem die Protagonisten ebenfalls mit Adel im Gepäck durch die Pampa rannten, während andernorts politische Intrigen den weiteren Verlauf der Geschichte maßgeblich beeinflussten.

Dabei klingt der normale Gameplay Loop für sich genommen erstmal nicht besonders originell: Es steht eine offene Welt zum Erkunden bereit (zunächst eine kleine, dann aber recht schnell eine deutlich größere), es gibt Haupt- und Nebenquests, es gibt Level Ups und Erfahrungspunkte, es gibt Waffen, Magie, Abilities und Equipment. Wobei die Auswahl dank der kleinen Party und rar gesäter Shops stets recht überschaubar bleibt. Der massive Einfluss westlicher Rollenspiele auf den JRPG-Opa ist dabei unübersehbar. So schickt uns Final Fantasy XV beispielsweise auf eine Nebenmission, in der wir die Dog Tags gefallener Monsterjäger sammeln und sie einem Wastelander-mäßig aussehenden Typen übergeben müssen.

Natürlich finden wir sie nicht einfach so, sondern müssen zunächst eine Horde von Monstern ausknipsen, die sich im Zielgebiet breit gemacht haben. Wer nicht zweimal hinguckt, könnte hier gelegentlich vermuten, in einem fernöstlichen Fallout oder Elder Scrolls gelandet zu sein. Gelegentlich hält sich die Vermutung auch auf den zweiten oder dritten Blick, oder bestätigt sich sogar. Das Statement „A FINAL FANTASY for Fans and First-Timers“, das man bei jedem Spielstart kurz sieht, ist hier weit mehr als nur eine Danksagung an den Käufer. Es ist Programm. Japanische Rollenspiele sind weit davon entfernt auszusterben, aber ihre Marktmacht ist heute deutlich geringer als früher. Und wenn eine Traditionsmarke beschließt, sich in diese Richtung neu zu erfinden und viele alte Zöpfe abzuschneiden, kann das natürlich gewaltig in die Hose gehen. Oder es wird eine runde Sache. Hier haben wir überwiegend letzteres.

Final Fantasy XV
Die Echtzeitkämpfe gehen leicht von der Hand und geben gutes Feedback.

Wegdösen bei 70 km/h

Die Interaktion der Protagonisten miteinander ist dabei, obwohl sie für sich genommen nicht herausragend geschrieben sind, mit irrsinnig viel Liebe zum Detail umgesetzt worden und wird dadurch zum echten Highlight. Egal ob gemeinsames Abendessen, Teamwork in Kampfsituationen oder intime Dialoge unter vier Augen; selten fühlte man sich in einem Spiel dieses Ausmaßes so nah an den Charakteren. Der Genussfaktor hängt hier natürlich auch von den persönlichen Präferenzen ab, aber da ich die Crew überwiegend sehr sympathisch fand, konnte ich mich gut darauf einlassen. Vor allem der stets um Sachlichkeit bemühte Ignis, der die Rollen Fahrer und Chefkoch ausfüllt, entlockte mir dabei ein ums andere Mal ein sanftes Schmunzeln.

Mich hat lange kein Videospiel mehr so tiefenentspannt wie Final Fantasy XV. Selbst gemeinhin meditativ wirkende Titel wie Journey oder Virginia konnten mich nicht in einen so außerordentlich positiven Zustand der Gemütlichkeit versetzen wie eine lange Autofahrt quer durch Lucis, bei dem die vier Jungs ihren diveren Zeitvertreiben nachgehen (ein Buch lesen, Energy Drinks wegkippen, Beifahrer nerven, todesverachtend auf dem Fahrzeugheck chillen…), während aus den Boxen der royalen Karre ein Best-Of-Mixtape fast aller bisherigen Final-Fantasy-Soundtracks ballert. Gelegentlich gibt es dann zwischen all der Nostalgie auch Gelegenheit, sich den eigentlichen Soundtrack des Spiels reinzupfeifen, den die Industrielegende Yoko Shimomura (u.a. Street Fighter, Parasite Eve, Kingdom Hearts, Xenoblade Chronicles) hier auf die Beine gestellt hat und der sich hinter seinen betagteren Kollegen wahrlich nicht verstecken muss.

Oh, und à propos Auto: Dank komfortabler Autopilot-Funktion kann man sich während dieser Sequenzen gemütlich zurücklehnen, die Landschaft genießen und gegebenenfalls ein Bierchen zischen. Das ist er, der beste Bildschirmschoner der Welt. Und während es später im Spielverlauf noch diverse andere Möglichkeiten gibt, große Distanzen schnell zu überwinden (eine davon hat mit großen Vögeln zu tun), wird gerade in den ersten paar Stunden viel gefahren. Das heißt, sofern man nicht gerade zu Fuß unterwegs oder in Kämpfe verwickelt ist.

Das Echtzeit-Kampfsystem mit optional verfügbarem Planungsmodus (der die Zeit einfriert, bis man sich entschieden hat) geht dabei locker von der Hand und fühlt sich gut an. Es ist nach wie vor zahlenbasiert, ja, aber es begeht nicht die Top-Sünde quasi aller MMOs, dass Gegner keine Hitbox kennen und immer treffen, egal ob man direkt vor ihnen steht oder zwanzig Meter entfernt hinter einer Palme. Diese körperliche Fassbarkeit, wie man sie beispielsweise von Monster Hunter kennt, sorgt für ein enorm gutes Gefühl und auch der Impact bei besonders mächtigen Angriffen und Critical Hits trifft den Nagel auf den Kopf. Ich glaube, ich habe mich seit Dragon’s Dogma nicht mehr so darauf gefreut, in der Wildnis auf Monster zu treffen, an denen ich meine neue Ausrüstung (und mein neues Wissen um Nuancen und Finessen) testen konnte.  Lobenswert ist zudem, dass neue Skills nicht zu Dumpingpreisen angeboten werden, so dass man sich wirklich zweimal überlegt, wo genau man seine hart erkämpften Punkte investieren möchte.

Final Fantasy XV
Das Spiel steht und fällt mit der Männerfreundschaft der Protagonisten.

Wo Luna ist, ist auch Noctis

Viele werden jetzt zurecht fragen: Wo ist der Haken? Wo wurden die Schnitte gesetzt? Nun ja: Der Preis, den man für die Detailverliebtheit in Design und Interaktion der Protagonisten zahlt, sind relativ blasse Nebenfiguren mit eher zweckmäßigen Nebenquests. Niemand im Supporting Cast sticht besonders hervor oder spielt innerhalb der Story eine allzu überraschende Rolle. Generell macht Final Fantasy XV vor allem dann alles richtig, wenn es sich auf die Unterwegs-Abenteuer seiner Boyband konzentriert und eben nicht versucht, groß und bedeutungsschwanger zu sein (was den finalen Kapiteln stellenweise ein bisschen den Saft rausnimmt).

Auf langer Strecke (pun not intended) beeindruckt Final Fantasy XV also eher nicht mit einzelnen Momenten, sondern eher mit dem Gesamterlebnis und seinen besonderen kleinen Features. Ob verboten hübsches virtuelles Essen oder Kaktor-Gedenkaufkleber neben dem Nummernschild, man merkt in jeder Minute, dass hier viel Wert auf Dinge gelegt wurde, an die andere Spiele überhaupt gar nicht erst denken würden. Wenn ich überlege, ob ich diese wundervollen Kleinigkeiten gegen eine packendere Story eintauschen wollen würde, ich bin geneigt zu verneinen.

Hauptsächlich, weil Final Fantasy es sich nicht leisten könnte, Erwartungen kalkuliert und mit einem breiten Grinsen zu enttäuschen (das erwarte ich dann eher vom vermutlich großartigen NieR Automata), sondern Mainstream-Erwartungen zu erfüllen versucht. Und da ist mir detailverliebte Downtime, die man nur mit ganz viel Boshaftigkeit als fragwürdiges Pacing auslegen könte, einfach deutlich lieber als das fleißige Drehen an der Bombast-Drama-Kurbel. Ich bin hier sogar gewillt, ganz tief in die Floskelkiste zu greifen und in vollem Ernst zu äußern: Final Fantasy XV ist mehr als die Summe seiner Teile. So, da habt ihr’s.

Final Fantasy XV
Wer es nicht hektisch mag, kann per Wait Mode das Tempo runterdrehen.

Langfristiger Support? Ja bitte!

Den Mangel an echten Highlights auf dem Weg zu den Credits gleicht es übrigens mit großartigem Endgame-Content wieder aus. Die Art und Weise, wie der Großteil der interessanten und cleveren Herausforderungen in das optionale hintere Drittel verbannt wurde, erinnerte mich frappierend an Nintendos Designphilosophie, nach der jeder Spieler in der Lage sein soll, wenigstens die Hauptstory ohne allzu große Schwierigkeiten zu beenden. Und auch die vollmundigen Versprechen, die bereits hinsichtlich geplanter Post-Launch-Features gemacht wurden und weit über die Inhalte des unvermeidlichen Season Pass hinaus gehen, lassen hoffen, dass Final Fantasy XV seine besten Zeiten noch vor sich hat. Denn so konfus oder zusammehanglos einige davon auch klingen mögen, so glaube ich nicht, dass ein anderer Release als dieser so leicht damit davonkäme, einfach ohne erkennbares Ziel immer höher zu stapeln.

…was muss ich jetzt noch sagen? „Genrefreunde greifen zu“? Es ist Final Fantasy XV und die Wahrscheinlichkeit, dass ihr vorm Lesen dieses Textes noch keine konkrete Meinung dazu hattet, ist denkbar gering. Aber falls doch, nehmt Folgendes aus eurem Leseerlebnis mit: Es ist ein gutes Spiel. Es macht Spaß. Sogar sehr viel. Es ist nicht perfekt. Und manchmal bröckeln die tönernen Füße, auf denen es steht. Aber: Es ist gut. Und vielleicht das größte Kompliment, das man einer so dermaßen fest etablierten Serie machen kann: Es überrascht, und zwar positiv.


award

Matthias‘ Fazit:

Nomen est omen: Im Großen und Ganzen habe ich mir mit meiner Gamescom-Preview zu Final Fantasy XV bereits mein eigenes Schlussfazit vorweggenommen. Wir haben es hier mit einem bei weitem nicht makellosen, dafür aber über weite Strecken äußerst charmanten Rollenspiel zu tun. Wie viel von diesem Charme gewollt und wie viel unfreiwillig ist, darüber ließe sich trefflich diskutieren. Aber trotz angestaubter Nebenmissionen und einer recht seichten Story macht es durchgehend Spaß und sorgt nicht zuletzt mit seinen 1A-Endgame-Inhalten für erfreut hochgezogene Augenbrauen. Und das (hoffentlich) nicht nur bei alteingesessenen Fans. Sollte Squares Post-Launch-Betreuung so umfangreich ausfallen wie angekündigt, werde ich jedenfalls noch eine Menge Zeit mit Noctis, Gladio, Ignis und Prompto verbringen.


Philipps Fazit:

awardFinal Fantasy XV hat lange auf sich warten lassen. Kann das Spiel da überhaupt dem Hype gerecht werden? Leider nicht vollends, wie ich finde. Trotzdem ist der Titel ein gelungener Vertreter seiner Zunft geworden, wird dem großen Namen in meinen Augen allerdings nicht gänzlich gerecht.

Mein letztes Final Fantasy ist lange her und Teil 15 hat für mich nur noch wenig damit zu tun, was ich mit der Serie verbinde. Stellenweise merkt man dem Spiel die lange Entwicklungszeit merklich an, denn Final Fantasy XV wirkt in einigen Kapiteln enorm altbacken. Dass das Spiel dennoch eine ganze Menge Spaß macht, liegt vor allem an dem – anfangs etwas gewöhnungsbedürftigen – dynamischen Kampfsystem und der stimmigen Open World.

Trotz meiner Meinung nach eher unpassenden Neuerungen wie dem Regalia und der merkwürdigen, zwanghaft westlich anmutenden Atmosphäre sind es vor allem die spannenden Kämpfe, Hauptmissionen und dieses typische Final-Fantasy-Flair, die überzeugen können. Eine interessantere Geschichte und abwechslungsreichere Nebenmissionen abseits der typischen Botengänge hätten dem Spiel allerdings gut zu Gesicht gestanden. 
Trotzdem eine klare Kaufempfehlung. Nicht nur für japanophile Rollenspielfans.


Vielen Dank an Square Enix für die freundliche Bereitstellung des Testmusters!

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