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PS4 Tests

Shadow of the Colossus Review

Es gibt Remakes, die braucht kein Mensch. Und es gibt Remakes, die in keiner Sammlung fehlen dürfen. Zu Letzteren zählt die Neuauflage des PlayStation-2-Meisterwerks Shadow of the Colossus, welches nun sein Comeback auf der aktuellen Sony-Konsole feiert. Warum spätestens jetzt kein Weg mehr an diesem zeitlosen Klassiker vorbei führt, klärt unser Review.

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Das Erwachen des Riesen

Wenn der Begriff Kunst im Zusammenhang mit Videospielen fällt, ist das gefeierte Action-Adventure Shadow of the Colossus immer eines der Paradebeispiele. Doch der PlayStation-2-Titel aus dem Jahr 2006 war seinerzeit mehr eigenwilliger Underdog, als erfolgreicher Blockbuster. Das ist schade, denn der malerische Titel ist in seinem Gameplay auch aus heutiger Sicht noch immer einzigartig und hat Nichts von seiner Faszination eingebüßt

Mit dem Remake veröffentlicht der auf Neuauflagen spezialisierte Entwickler Bluepoint Games das Abenteuer um die Riesen mittlerweile zum dritten Mal. Doch anders, als mit dem Remaster auf der PlayStation 3, wurde Shadow of the Colossus auf der PS4 von Grund auf neu gestaltet. Während das Abenteuer aus spielerischer Sicht keine Neuerungen aufweist ist es Bluepoint auf eindrucksvolle Art und Weise gelungen, ein technisches Gewand um das Spiel zu zaubern, welches nicht nur zeitgemäß ist, sondern schlichtweg meisterhaft

Shadow of the Colossus
Shadow of the Colossus sieht auf der PS4 hervorragend aus und spielt sich mindestens genauso gut.

Auf der PlayStation 4 ist das Action-Adventure dank sinnvollem Feintuning die bislang beste Version des Spiels und wird euch magisch in ihren Bann ziehen. 


Shadow of the Colossus wird euch berühren

Shadow of the Colossus war und ist ein äußerst eigenwilliges Spiel. Genau, wie ICO und The Last Guardian, die beiden anderen Titel von Entwickler-Legende Fumito Ueda. Zumindest scheut das Abenteuer nicht davor zurück, ganz eigene Wege zu gehen und mit den gängigen Standards zu brechen.

Das wird bereits im Intro des Spiels ersichtlich, denn der Titel nimmt sich Zeit. Zeit, in der ihr die malerische Kulisse und den wunderschönen Soundtrack auf euch wirken lassen könnt. Wenn Protagonist Wander mit einem toten Mädchen auf dem Rücken seines Pferdes Agro gemächlich auf einen magischen Tempel zureitet und das Mondlicht dabei sanft die Baumwipfel umspielt, macht sich eine erste Gänsehaut bei euch breit. 

Shadow of the Colossus
Das Spiel bietet eine einzigartige Erzählstruktur, die euch berühren wird.

Andächtig genießt ihr noch die mystische Szenerie und beobachtet, wie euer Held die junge Dame auf einen Steinaltar legt und zu beten beginnt. Doch die Ruhe ist vorbei, als urplötzliche fiese Schattenmonster auftauchen, die euch nach dem Leben trachten. Eine düstere Stimme offenbart euch, dass der Tempel in der Lage ist, die Toten wiederzuerwecken. Doch damit das gelingt, müsst ihr zunächst einmal 16 Kolosse besiegen.

Das ist Ansporn genug für den jungen Helden, die riesige und offene Welt nach den Monstern abzusuchen, um das Mädchen zu retten. So schwingt sich Wander auf den Rücken seines Pferdes und reitet hinaus in das wunderschöne Abenteuer, welches euch bevorsteht und in den kommenden Spielstunden fesseln wird.


Eine vergangene Zivilisation

Draußen in der Welt versprüht Shadow of the Colossus eine unglaublich dichte Atmosphäre der Einsamkeit und Trostlosigkeit. Gewaltige Ruinen dominieren die Szenerie und zeugen von einer längst vergessenen Zivilisation. Ihr seid alleine. Ganz auf euch gestellt. Keine Freunde, keine Verbündeten weit und breit. Ein mulmiges Gefühl macht sich in eurer Magengegend breit. Will ich überhaupt hier sein?

Shadow of the Colossus
Alleine in einer trostlosen Welt. Eine einzigartige Atmosphäre.

Nur euer magisches Schwert und die düstere Stimme, die in ihm wohnt, spricht zu euch und weist den Weg zu den Kolossen. Ab der ersten Spielminute sät Shadow of the Colossus Informationen äußerst spärlich. Ihr müsst selbst herausfinden, wie die Geschichte letztlich zusammenhängt und das lässt auch Spielraum für Spekulationen. Wer von einem Spiel lieber an die Hand genommen werden möchte und durch eine straffe Handlung geführt werden will, wird mit dem Spiel vermutlich nicht glücklich. 

Doch die Form, wie sich die Handlungsfetzen in Shadow of the Colossus langsam aber sicher zu einem großen Ganzen zusammenfügen ist auch aus heutiger Sicht einzigartig und packend.

So reitet ihr also auf eurem Gaul durch die trostlosen, aber wunderschönen Landschaften, die ihr dank brandneuem Fotomodus am liebsten im Sekundentakt ablichten möchtet. Gegner sucht ihr dabei vergebens, denn die 16 Ungetüme stellen eure einzigen Feinde dar. 


Meet the monsters

Shadow of the Colossus nutzt die leblose Landschaft als atmosphärisches Stilmittel, ohne das der Titel nicht funktionieren würde. Denn während ihr nichtsahnend durch die Steppe reitet, lässt ein gewaltiges Stampfen urplötzlich den Boden unter euren Füßen erbeben. Haltet ihr dann eure Klinge in den Himmel, offenbart diese durch die Reflektion der Sonne, dass sich eines der Monster in der Nähe befinden muss. 

Jetzt geht es ans Eingemachte! Immerhin wollt ihr die holde Dame retten und diese fiesen Bestien zur Strecke bringen. Die Kolosse, die gleichzeitig Bossgegner und Spielabschnitt darstellen, sind in ihrer Form noch heute einzigartig und unerreicht. Jeder der Riesen repräsentiert ein bestimmtes mythologisches oder natürliches Wesen. So bekämpft ihr beispielsweise einen Minotaurus, ein Seemonster und einen bärtigen Riesen. Beim Design der Gegner haben die Entwickler jedenfalls ganze Arbeit geleistet, denn wenn ihr einen der Giganten erspäht, wird euch garantiert die Kinnlade herunterklappen. 

Shadow of the Colossus
Die gewaltigen Kolosse haben offenbar immer brav ihr Gemüse gegessen.

Bedächtig ziehen die riesigen Monster durch die Landschaft, während ihr zotteliges Fell im Wind weht und Raben ihren Kopf umkreisen. Doch was ist das? Die Ungetüme reagieren überhaupt nicht aggressiv auf eure Annäherung, geschweige denn dass sie euer Dasein überhaupt interessiert. Schnell bemerkt ihr, dass die vermeintlichen Monstrositäten eigentlich gar keine fiesen Bestien, sondern vielmehr sanfte Riesen sind. 

Das ist der Punkt, bei dem eure Motivation kippen wird. Auch im Remake schafft Shadow of the Colossus auf unnachahmliche Weise eine emotionale Gratwanderung zwischen Mitgefühl und Furcht. Fragen schießen durch euren Kopf: Haben die Kolosse den Tod überhaupt verdient? Der Tod ist in Shadow of the Colossus kein Element, welchem ihr mit Freude begegnen werdet. Vielmehr macht sich in euch ein Gefühl der Melancholie und Traurigkeit breit, wenn ihr einem der Kolosse zum letzten Mal euer Schwert in den Schädel rammt und dieser unter herzzerreißendem Gebrüll in sich zusammensackt. 


Besser denn je

Shadow of the Colossus regt euch im Laufe des Abenteuers zum Nachdenken an. Jede eurer Entscheidungen will wohl überlegt sein. Das Spiel macht euch knallhart bewusst, was ihr aus Verzweiflung heraus bereit seid zu tun.

So stellen die Kämpfe gegen die Kolosse nicht nur das optische, sondern vor allem das spielerische Highlight des Titels dar. Dank deutlich verbesserter Animationen und neuer technischer Möglichkeiten sind diese nochmal packender inszeniert, als seinerzeit im Original. Jeder der Riesen will von euch zunächst einmal ausgiebig beobachtet werden, um seine Bewegungsabläufe und Verhaltensmuster zu studieren. Zudem verfügen die Giganten über eine Schwachstelle am Kopf, welche euer Ziel darstellt.

Shadow of the Colossus
„Moment, darf ich mal?“ Das Erklimmen der Kolosse macht genauso viel Spaß, wie damals.

Um dieses zu erreichen, schwingt ihr euch beherzt auf das Schwert, den Rücken oder klammert euch an den Fuß der Ungetüme, die von eurem Dasein auf einmal nicht mehr so begeistert sind. Was nun folgt, sind die mitunter packendsten Bosskämpfe, die ein Videospiel jemals hervorgebracht hat. Auf dem Weg zum Kopf der Riesen greift ihr beherzt in die Haarpracht der Wesen, welche nicht bloß ein simples Grafikelement darstellen.

Vielmehr ist das Fell ein eigenes Spielelemente, welches jederzeit dynamisch generiert wird. Denn während ihr eure Widersacher erklimmt, versuchen diese euch im Sekundentakt abzuschütteln. Daher müsst ihr euch per Tastendruck in das Fell klammern, um nicht herunterzufallen. Könnt ihr euch nicht mehr halten oder geht eure Ausdauer beim Klettern zur Neige, müsst ihr nämlich wieder ganz von vorne anfangen. 

Obwohl Bluepoint eine generalüberholte, einsteigerfreundliche Steuerung anbietet, fällt auch diese eine Spur zu unpräzise auf. Nicht selten kommt es vor, dass ihr aus Versehen an die falsche Stelle springt. Besonders, wenn sich die hakelige Kamera mal wieder von selbst dreht. 

Shadow of the Colossus
Guck, guck! Die Kämpfe gegen die Kolosse sind erstklassig inszeniert.

Zudem merkt man dem Spiel an einigen Stellen sein Alter eben doch an. War Shadow of the Colossus seinerzeit ein Vorreiter der Open-World-Spiele, merkt man heutzutage, dass die suggerierte Freiheit doch unter einigen Einschränkungen leidet. Nicht alle offensichtlich freien Bereiche könnt ihr auch tatsächlich betreten. In manchen Bereichen müsst ihr den fest vorgegebenen, schmalen Pfaden folgen. Dem Spielspaß tut das erfreulicherweise aber keinen Abbruch. 


Schöner denn je

Shadow of the Colossus wurde von Bluepoint Games aus technischer Sicht von Grund auf neu gestaltet. Das merkt man dem Spiel auch an. Was die Entwickler aus dem numehr zwölf Jahre alten Original noch herausgekitzelt haben, glänzt schlicht an eine Meisterleistung

Knackig scharfe und deutlich detailreichere Texturen lassen die Welt in neuem Glanz erstrahlen. Die neuen Licht- und Schatteneffekte unterstreichen die ohnehin schon einzigartige Atmosphäre zudem hervorragend. Hinzu gesellen sich neue Effekte, die die Welt noch lebendiger machen. Seien es die unter euch herunterbröckelnden Steine beim Klettern oder die Spuren eures Pferdes im Sand. Gerade auf der PlayStation 4 Pro und in 4K-Auflösung sieht Shadow of the Colossus hervorragend aus. Außerdem läuft das Spielgeschehen nun deutlich flüssiger, was sich positiv auf den Spielspaß auswirkt. Beim Design der Kolosse haben sich die Entwickler zudem selbst übertroffen.

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Erfreulicherweise steht die Vertonung dem in Nichts nach. Obwohl Shadow of the Colossus fast komplett auf eine Sprachausgabe verzichtet, sorgen die perfekt aufeinander abgestimmten Soundeffekte in Kombination mit dem meisterhaften Soundtrack für eine unglaublich dichte Atmosphäre. Mit wunderschönen Piano- und Violinenklängen fängt die Musik die Melancholie des Spiels nahezu perfekt ein und macht auch im gut sortierten CD-Regal eine hervorragende Figur. 


Fazit:

AwardEigentlich bin ich absolut kein Fan von Remastered-Spielen. Doch wenn alle davon so aussehen würden, wie Shadow of the Colossus, nehme ich sie gerne! Die Neuauflagen-Profis von Bluepoint haben bereits mit der Uncharted: The Nathan Drake Collection gezeigt, was sie auf dem Kasten haben. Doch diesmal haben sie sich selbst übertroffen.

Das Original war seinerzeit bereits ein absolutes Meisterwerk, welches unter Fans binnen kurzer Zeit zu einem zeitlosen Klassiker heranreifte. Trotzdem blieb der Titel auf der PlayStation 2 eher ein Geheimtipp. Umso schöner, dass das Spiel mit der Neuauflage nun die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient hat.

Die einzigartige und dichte Atmosphäre in Kombination mit der trostlosen Welt und den beeindruckenden Kolossen hat bis heute Nichts von seiner Faszination eingebüßt. Noch immer kämpfe ich mit Gewissensbissen (und der einen oder anderen Träne), wenn ich den Riesen mein Schwert in den Kopf ramme. Shadow of the Colossus bringt mich dazu, über mein Handeln nachzudenken und mich emotional zu berühren, wie es nur wenige Spiele schaffen. Die technischen Verbesserungen wirken sich positiv auf den Spielspaß aus, sodass sich spätestens jetzt niemand mehr Shadow of the Colossus entgehen lassen darf!


 

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