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PS4 Tests

Judgment im Test

Legendäre Sprüche aus der Welt der Gangster wie «Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann» oder «So lange ich denken kann, wollte ich immer ein Gangster werden» liegen der neuen Hauptfigur in Judgement, dem Spinoff zur Yakuza-Reihe, genauso fern wie die Unterschiede von amerikanisch-italienischer Mafia zu den Königen der Unterwelt Japans.

Ob Judgment dennoch ein gelungener Einstieg für Serien-Neulinge ist und alteingesessene Hobbygangster aus den vorherigen Yakuza-Teilen begeistern kann, lest ihr in unserem Test.

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Neue Helden braucht das Viertel

Takayuki Yagami quälen die Geister seiner Vergangenheit. Noch vor drei Jahren verdiente er sich seine Sporen als verdienter Anwalt und schaffte es, einen mutmaßlichen Mörder freizusprechen. Das erwies sich als folgenschwerer Fehler. Nur kurz nachdem sein Mandant wieder auf freiem Fuß ist, tötet dieser mit mehreren Messerstichen seine eigene Freundin und setzt die gemeinsame Wohnung in Brand. Obwohl es ihm weiter gestattet ist als Rechtsanwalt zu praktizieren, legt Yagami von Schuldgefühlen geplagt seine Lizenz nieder und verdient von da an seine Yen als Privatdetektiv im fiktiven Stadtteil Kamurocho.

Judgment
Im Laufe der Handlung trefft immer wieder auf die unterschiedlichsten NPCs.

Schon nach wenigen Stunden mögen dem ein oder anderen die Parallelen zu L.A. Noire auffallen: Verhöre von Zeugen und möglichen Tätern, das akribische Untersuchen von Tatorten und die Beschattung verdächtiger Personen sind Kernelemente des spannenden Japano-Krimis, der euch so schnell nicht wieder loslassen wird.


I got no eyes on you

Zu Beginn geht es jedoch relativ verhalten zu. Zusammen mit unserem Partner Kaito, einem Raufbold und Ex-Yakuza, beschatten wir einen Detective, der seine Wettschulden nicht beglichen hat. Kaum richtig in Kamurocho angekommen, stellen sich uns einige Straßenschläger in den Weg, die wir dank erster Tutorials im Nu aus dem Weg räumen.

Gewöhnt euch schon mal an diese actiongeladenen Kämpfe, denn sie stellen ein zentrales Element des Gameplays dar. Ebenso die Beschattung, die wir sofort wieder aufnehmen. Damit uns die verfolgte Person nicht entdeckt, gehen wir so oft es geht in Deckung, meist angezeigt durch blaue Säulen, die hinter Schildern, Autos oder an Hauswänden sind. Werden wir dennoch mal entdeckt, sollten wir so schnell wie möglich aus dem Sichtfeld verschwinden, bevor sich die Warnleiste vollständig füllt und wir somit entlarvt werden. Verlieren wir unser Opfer mal aus den Augen, haben wir einige Sekunden Zeit, um wieder in dessen Nähe zu kommen. Diese Beschattungen sind auch schon der erste Kritikpunkt. Meist laufen sie zu eintönig und viel zu langwierig ab, auch wenn der Schwierigkeitsgrad in späteren Spielstunden anzieht, sind sie mehr notwendiges Übel als belebendes Spielelement.

Als wir den Detective schließlich stellen, trickst uns dieser aus und sucht mit beiden Beinen in den Händen das Weite. Natürlich nehmen wir sofort die Verfolgung auf und sprinten, springen und klettern via Quicktime-Events über die belebten Straßen, Hindernisse und Leitern Kamaruchos. Solche Verfolgungen finden auch im späteren Spielverlauf immer wieder statt und sind eine gelungene Auflockerung des Spielgeschehens, erst recht, wenn Yagami sich als japanischer Tony Hawk outet und mit einem Skateboard spektakuläre Grinds und Sprünge hinlegt.

Judgment
Das hat gesessen: In einer Spielhalle wird dieser Knabe hier ordentlich von euch aufgemischt!

Kurz darauf ereilt Yagami ein Auftrag von weitaus größerer Tragweite, als er sich zu Beginn nur in seinen kühnsten Träumen vorstellen mag.

Ein Serienmörder treibt sein Unwesen in der japanischen Großstadt und bei seinen Opfern handelt es sich ausnahmslos um Yakuza, denen er beiden Augen aussticht und ihre Leichen dann achtlos in Hintergassen liegen lässt. Als Hamura, Captain einer Yakuza-Familie, unter Verdacht gerät, übernimmt Yagami gemeinsam mit seinem Partner Kaito und mithilfe seiner ehemaligen Anwaltskanzlei den Fall und versucht die Unschuld des Gangsters zu beweisen.

Im Laufe der Geschichte geraten sie zwischen die Fronten eines Yakuza-Krieges, entlarven korrupte Polizisten und setzen sich mit einer geheimnisvollen Diebesbande auseinander, die in Robin Hood Manier durch die Gassen Kamurochos zieht. Auch Hamura scheint mehr über den wahren Täter zu wissen, schweigt jedoch. Zu allem Übel wollen allerlei Parteien die Ermittlungen nach besten Möglichkeiten ins Stocken bringen, um Yagami daran zu hindern, die Wahrheit über den grauenhaften Mörder herauszufinden. Unserem Detekitv wird bald bewusst, dass ihm dieser Fall alles abverlangen wird.

Mehr möchte ich euch nicht zur Hauptstory verraten, die bis auf wenige Längen durchwegs spannend ist und euch rund 25 Stunden in den Bann zieht. Das liegt besonders an den tollen Cutscenes auf Blockbuster-Niveau, den gut geschriebenen Dialogen und der komplexen, teils düsteren Handlung im Gesamten, die durch tolle Wendungen und sympathische sowie vielschichtige Charaktere punkten kann. Diese sind aus meiner Sicht mit das größte Prunkstück an Judgement, und sorgen dafür, dass man immer tiefer in die Unterwelt der rastlosen Großstadt gezogen wird. Auch dank einer hervorragenden Synchronisation samt Untertiteln und lebensechten Gesichtszügen, die sich teilweise kaum von ihren menschlichen Abbildern unterscheiden und so noch ein Stück mehr zur dichten Atmosphäre beitragen. Und das alles auch für völlige Newbies der Yakuza-Reihe, denn Judgement ist ohne Vorkenntnis der Vorgänger genießbar. Für Liebhaber steht außerdem die japanische Originalvertonung zur Verfügung und die Sprache sowie Untertitel können während des Spiels jederzeit geändert werden. Und wäre das alles nicht genug, ist es uns auch möglich, das Spiel nahezu an jeder Stelle manuell zu speichern oder uns ansonsten auf den Autosave zu verlassen. Weiterhin stehen vier Schwierigkeitsgrade zur Verfügung. Praktisch, japanisch, gut, oder?


Takayuki Lee oder Jackie Yagami?

Die Straßen Kamurochos sind lebhaft wie gefährlich. Immer wieder stellen sich uns Schläger und Handlanger der Yakuza in den Weg. Sobald wir auf Feinde treffen, versetzt uns das Spiel in den Kampfmodus. Hier haben wir die Wahl zwischen zwei berühmten Kampfhaltungen – dem Kranich, der sich besonders gut für größere Gegnergruppen eignet und dem Tiger, der einzelnen Zielen besonders schwer zusetzen kann. Dieser langsamere, dafür stärkere Stil kommt meist bei den knackigen Bosskämpfen zum Einsatz und hilft so, das Ziel schneller in die Knie zu zwingen. Yagami hat diese beiden Stile bis zur Perfektion verinnerlicht und setzt seinen Widersachern mit spektakulär anmutenden Kicks, Schlägen und Würfen hart zu.

Wer war nochmal dieser Bruce Lee? Ist Jackie Chan wirklich so flink? Gegen Yagami wirken beide wie Statisten, spätestens dann, wenn ihr Salti über die verdutzten Häupter eurer Feinde schlagt oder an der Wand entlanglauft, um euch dann mit Schwung abzustoßen und einen besonders mächtigen Angriff zu landen, der wie alle Schläge von einem wunderbaren Soundfeedback wiedergegeben wird. Hat sich während des Kampfes eure Ex-Leiste ausreichend gefüllt, ist es euch durch Betätigung der Dreieck-Taste möglich, besonders mächtige, situationsabhängige Angriffe auszuführen. So gibt es schon mal deftig mit Pylon, Fahrrad oder Schild über die Rübe oder ihr knallt das Gesicht eures Gegners wuchtig gegen die Motorhaube eines Autos, nur um ihn dann im nächsten Moment davor zu bewahren, überfahren zu werden.

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Bitte Lächeln: Außerhalb der harten Detektivarbeit kann man sich auch anderweitig die Zeit vertreiben.

Schließlich ist Yagami Detektiv und Anwalt und kein Mörder. Diese Attacken werden in kurzen, unterhaltsamen Zwischensequenzen angezeigt, die zum Schmunzeln anregen und die häufig vorkommenden Kämpfe auflockern.


Whiskey, Sushi und das Handwerk eines Detektivs

Neben der zu Beginn erwähnten Beschattung untersucht unser Held Tatorte auf Hinweise, nutzt eine ferngesteuerte Drohne zur Beobachtung und zum ausfindig machen von Personen, befragt Zeugen und Verdächtige, um so an weitere Informationen zu gelangen und öffnet mittels Dietrich und Draht versperrte Türen und Schlösser. Wenn es nötig ist, schlüpft unser findiger Detektiv auch schon mal in ein Handwerker-Kostüm und gelangt so unerkannt in ein Gebäude der Yakuza, um so die Heizung zu reparieren, die er kurz zuvor von außerhalb des Gebäudes außer Betrieb genommen hat.

Fast all diese Aufgaben laufen recht simpel ab, nur zum Öffnen der Schlösser, besonders unter Zeitdruck, ist etwas mehr Geschick gefragt. Die Auswahl der Fragen in den Verhören haben hingegen keine Auswirkungen auf den weiteren, linearen Spielverlauf. Das tut dem ganzen keinen größeren Abbruch, ein bisschen mehr Mut wäre dennoch wünschenswert gewesen.

Judgment
Die Zwischensequenzen und Dialoge können sich insgesamt sehr gut sehen lassen.

Die Mischung aus Kämpfen, Quicktime-Events und detektivischen Aufgaben sorgt letztlich dafür, dass uns nie langweilig wird. Außerdem bescheren sie uns haufenweise Erfahrungspunkte, die wir in einem umfangreichen Skilltree ausgeben können. So verbessern wir unsere Fähigkeiten im Kampf, erhöhen unsere Gesundheit, feilen an unseren detektivischen Fähigkeiten oder verwandeln uns zum geborenen Säufer. Ihr habt richtig gehört: hat Yagami erst mal so richtig einen sitzen, füllt sich die Ex-Leiste schneller, was uns wiederum ein Stück mächtiger im Kampf macht.

Auch lässt sich die zurückgewonnene Lebensenergie durch aufgenommene Nahrung weiter verbessern. Diese stellt einen zentralen Aspekt im Spiel dar: Bento-Box, Sushi und Teigtaschen sorgen dafür, dass wir lebend aus den zahlreichen Kämpfen kommen. Wenn das alles nicht hilft und wir von tödlichen Wunden betroffen sind, nutzen wir einen Verbandskasten oder lassen uns in der Kanalisation von einem zwielichtigen Arzt behandeln, der uns flugs wieder auf die Beine hilft.


Ein Freund, ein guter Freund

Essen verbindet, so sagt man. In Judgement findet man dabei sogar neue Freunde, wie z.B. den Präsidenten einer Restaurantkette, der sich nicht zu schade ist, in einer seiner Filialen zu arbeiten. Da wäre auch die Mitarbeiterin eines Imbisses, die nur zu gern ein Selfie mit uns macht oder der Katzenblogger, der gerne Fotos der streunenden Tiger des Viertels macht.

Judgment
Die Charaktermodelle punkten dank einem hohen Detailgrad.

Sind wir gerade mal wieder in ernsthafter Bedrängnis und ein Freund ist in der Nähe, kann es schon mal vorkommen, dass dieser uns im Kampf unterstützt. Er wirft uns Heilgegenstände zu oder greift tatkräftig in den Kampf ein, indem er gemeinsam mit Yagami eine Ex-Aktion durchführt und in dieser unserem Kontrahenten ein Schokoladeneis tief in den Rachen stopft, bis ihm Yagami endgültig den Gar ausmacht. Klingt komisch? Ist es auch, aber dennoch ist der Humor nie zu überzogen und trägt stets zur gelungenen Atmosphäre des äußerst lebhaften Stadtteiles dar.


Denk ich an Kamurocho in der Nacht, ist Schlaf unangebracht

Abseits der Hauptstory ist Kamurocho vollgestopft mit Nebenaufgaben, die wir in der Anwaltskanzlei, unserem Büro oder auf unseren Streifzügen durch die belebten Straßen bekommen. Mal verfolgen wir einen Ehebrecher und schießen Beweisfotos seiner Affäre, ein anderes Mal jagen wir der Perücke eines Fernsehstars über mehrere Blocks hinterher oder machen uns auf die Suche nach einem entflohenen Schwerverbrecher, auf den ein gewaltiges Kopfgeld ausgesetzt ist. Die Menge der Nebenaufgaben hängt von unserem Ruf in der Stadt ab, den wir u.a. dadurch steigern können, dass wir fleißig in Läden einkaufen. Wir gehen in den unterschiedlichsten Restaurants speisen, spielen Blackjack und Poker in illegalen Casinos, die getarnt in Kellern unter der Stadt liegen, genehmigen uns eine Runde Flipper im Büro, gönnen uns einen Drink in unserer Stammkneipe oder besuchen eine der zahlreichen Spielhallen. Hier fühlen wir uns in Kindheitstage zurückversetzt, pusten Zombies die Schädel weg oder messen uns in harten Zweikämpfen eines Virtua Fighters. Als wäre das nicht schon genug, nehmen wir an Drohnenrennen teil und tunen unser Fluggerät mit verschiedenen Bauteilen, um so noch schneller um die Kurven zu jagen. Und wenn es etwas ganz besonderes sein soll, spielen wir zur Abwechslung ein Brettspiel, und zwar in VR! Sind wir des Zockens überdrüssig, mischen wir uns unter die Single Ladies und lassen unseren ganzen Charme spielen.

Es gibt überall etwas zu tun, da stört es auch kaum, dass die zahlreichen Passanten nicht vertont sind und stattdessen Sprechblasen über ihren Köpfen schwirren. Störender sind hingegen die teils langen und vielen Laufwege, die wir zwar mit Taxi als Schnellreisefunktion abkürzen können, aber dennoch einen großen Teil des Spiels ausmachen.

Judgment
Auch in Judgment dient das obligatorische Smartphone als praktischer Organizer.

Erträglicher macht diesen Umstand die Spielwelt an sich. Kamurocho strotzt nur so vor Leben, an jeder Ecke ist etwas geboten, blinkende Schilder und Lichter ziehen uns an wie Motten das Licht, lenken uns von teils matschigen Texturen, Treppchenbildung und sehr selten vorkommenden Rucklern ab, die meist zu Beginn eines Kampfes oder einer Cutscene auftreten. Nichtsdestotrotz laufen die Kämpfe absolut flüssig und angenehm ab, und der Detailreichtum der Welt und die unfassbar guten Gesichtsanimationen sorgen dafür, dass kleinere Schwächen in den Hintergrund geraten. Die sehr gute Synchronisation setzt dem Ganzen noch einen drauf, auch wenn die sonstige musikalische Untermalung eher zweckmäßig verläuft und die Nebenaufgaben nicht vertont sind.


Fazit: Award

Ich bin wahrlich kein Fan von Sherlock Holmes, Kojak, Columbo und wie sie alle heißen mögen. Doch Yagami hat mich gepackt. Die Story entwickelt schon nach kurzer Zeit eine ungemeine Sogwirkung und weiß im weiteren Verlauf durch Wendungen und überraschende Ereignisse zu überzeugen, sodass ich den Controller erst aus der Hand legen konnte, als der Abspann über den Bildschirm flackerte. Die unheimlich sympathischen und fabelhaft animierten Charaktere haben daran einen großen Anteil, die tolle Synchronisation und lebendig sowie prall gefüllte Welt bestärken dieses Gefühl. Da fallen kleinere Schwächen wie lange Laufwege, altbackene und lineare Spielelemente oder nervige Beschattungen kaum ins Gewicht.

Judgment hat eine Geschichte zu erzählen. Nehmt daran teil, ihr werdet es nicht bereuen.


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