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Entstaubt: CAWADO – Ein Sicherheits Adventure

Seit Jahren geistert mir ein Erinnerungsfetzen durch den Kopf, kommt mir immer mal wieder ins Bewusstsein. Vage entsinne ich mich daran, damals während des ersten, möglicherweise auch der ersten beiden Jahre auf der Sekundarschule (eine Schulform, die es mittlerweile im Saarland so nicht mehr gibt) auf dem Computer ein Adventure gespielt zu haben. Darin ging es ständig um das Thema Unfälle und wie man diese vermeidet.

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Als 16-Jähriger konnte man sich in den 90ern wohl noch ein eigenes Haus leisten.

Jetzt hab ich endlich einmal das Naheliegende gemacht: nach „Adventurespiel Unfallverhütung“ zu googeln. Und tatsächlich bin ich schon beim ersten Treffer fündig geworden. Da ich das Spiel aus dem Unterricht kenne, überrascht es mich nicht ganz, dass ich bei ZUM, der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e. V. gelandet bin. Vor lauter aufgewirbeltem Staub muss ich fast husten, denn die „Liste Sinnvolle Computer (Lern) Spiele aus dem Freewarebereich“ ist zum letzten Mal 1999 aktualisiert worden – damals war ich zwölf. Der Hinweis „Die Liste wird ständig erweitert“ wirkt im Januar 2017 fast schon unfreiwillig komisch.

CAWADO – so heißt offenbar das Lernadventure, das ich nur von 90er-Schulrechnern kenne. Die Ergebnisse einer erneuten Google-Suche bestätigen mir, dass ich tatsächlich fündig geworden bin. Dass es in einem der ersten Ergebnisse aus dem Adventure-Treff darum geht, „33 Punkte bei CAWADO“ zu erzielen, bringt mich zum Schmunzeln. Wenn mich mein Retrokopfkino nicht ganz täuscht, war das Lernspiel damals berüchtigt dafür, dass niemand von uns jemals die volle Punktzahl erzielen konnte. Nicht einmal diejenigen, die CAWADO auch zuhause auf dem PC hatten.

In CAWADO steuert man eine(n) von vier Charaktern im Stil eines Sierra-Adventures durch den Alltag eines Teenagers. Per Texteingabe gibt man seiner Figur Anweisungen und natürlich ist eine der Herausforderungen dabei, ob der Parser das jeweilige Kommando auch tatsächlich kennt. Natürlich haben wir damals keinen Blödsinn gemacht und alle möglichen Schimpfwortkombinationen dort eingegeben.

„Der beste Ort um eine Leiche zu verstecken ist die Seite 2 bei Google“ – so lautet zumindest ein beliebter Internetwitz. Ich bin beruhigt, dass ich in den weiteren Suchergebnissen zu CAWADO keine halb verwesten Körperteile gefunden habe. Wie um meine These zu bestätigen, entdecke ich dort jedoch ein Video „How to get the last missing point in CAWADO“. Offenbar hat es das Werbespiel aus Deutschland tatsächlich auch in Englisch-sprachige Gefilde geschafft und offenbar ist es wohl doch nicht unmöglich, CAWADO mit vollen 33 Punkten abzuschließen.

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Der volle Name des Spieles ist CAWADO: Can it Want it Do it – Ein Sicherheits Adventure. Erschienen ist das Spiel mit dem „hippen“ Namen im Jahr 1990, entwickelt wurde es im Auftrag der Berufsgenossenschaften zur Sicherheit beziehungsweise des Bundesverband der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand von Joop Systemlösungen.

Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, ist CAWADO – ein PC-Adventure-Spiel zur Sicherheitserziehung als Diskette der Ausgabe 4/92 der Lehrerbriefe zur Unfallverhütung und Sicherheitserziehung beigefügt und vom inzwischen nicht mehr existierenden Braunschweiger Rot-Gelb-Grün Verlag veröffentlicht worden.

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Der Dorfpolizist – Das Grauen hat einen Namen.

CAWADO vor Gericht?

Hier wird es jetzt richtig spannend, denn falls es sich um die jeweils gleiche Joop Systemlösungen GmbH handelt, gab es im Jahr 2000 einen handfesten Rechtsstreit zwischen dem Modeunternehmen Joop und einem Braunschweiger Einzelhandelsgeschäft für „Pianos, Flügel, Klaviere, elektronische Orgeln, Noten, Tonträger“, dessen Inhaber laut Gerichtsschreiben „mit dem Gründer der Klägerin verwandt ist“. Mit angeklagt war auch „ein Stiefsohn des Beklagten zu 1), vertreibt seit 1984 EDV-Dienstleistungen unter seinem bürgerlichen Namen“ und damit wohl der einstige CAWADO-Schöpfer.

Auslöser des Rechts- und offenbar auch Familiendisputs war die Nutzung der Domain „joop.de“, die zuvor vom Braunschweiger Musikladen genutzt wurde und jetzt vom Modekonzern für sich beansprucht wurde. Letztendlich entschied das Gericht zugunsten von Wolfgang Joop und verhängte ein „Ordnungsgeld bis zu DM 500.000,00, ersatzweise Ordnungshaft bis zu sechs Monate“, falls die Beklagten die Domain weiter nutzen würden.

Dem Modedesigner Wolfgang Joop steht gegen den gleichnamigen Betreiber von drei Einzelhandelsgeschäften zum Vertrieb von Pianos, Flügel, Klavieren und elektronischen Orgeln sowie dem gleichnamigen Inhaber des Unternehmens „Joop Systemlösungen Gmbh“ ein Anspruch auf Unterlassung der Verwendung der Domain „joop.de“ zu. Nach den Grundsätzen des Rechts der Gleichnamigen hat grundsätzlich der jüngere Namensträger alles ihm zumutbare zu tun, um Verwechslungen nach Möglichkeit auszuschließen.

Ich bin gerade ganz baff. Wenn das alles so stimmt, dann gehört der Entwickler von CAWADO also zur Familie von Wolfgang Joop und die Fronten bezüglich der Nutzung einer simplen Domain waren offenbar trotz familiärer Bande so verhärtet, dass es zum Gerichtsprozess kam, dessen Ergebnis dann der Gegenseite eine halbe Million D-Mark oder ein halbes Jahr Haftstrafe androhte. Ich wollte doch nur ein wenig über ein uraltes Spiel nachlesen, keinen Krimi schreiben.

Das harmlose Adventure, das mir beibrachte, das Otto von Bismarck die Unfallversicherung eingeführt hat und seinerzeit unvollendbar erschien, hat tatsächlich eine spannendere Geschichte als ich jemals gedacht hätte. Heute ist es als Freeware erhältlich (beispielsweise im Archiv von Adventure-Treff) und obwohl es ganz offensichtlich ein „Serious Game“ ist, das jungen Menschen ein paar Dinge beibringen möchte, hat es sich einen gewissen Retro-Charme bewahren können.

Und falls euch CAWADO dann doch ein wenig zu obskur ist, verweise ich an dieser Stelle gerne auf unsere anderen Entstaubt-Artikel zu Spyro the Dragon, Resident Evil 3: Nemesis, Tomb Raider – Ein Reiseprospekt oder Road Rash.

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