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PS4 Tests

Days Gone im Test

Man nehme eine Prise Sons of Anarchy hier, kombiniere das Ganze mit einer gehörigen Portion The Walking Dead und verfrachte es in eine Open-World im Stile von Far Cry: Fertig ist Days Gone. Der  neue PS4-Exklusivtitel der Bend Studios wartet nicht unbedingt mit den innovativsten Ideen auf, ob das Game trotzdem Spaß macht, klären wir in unserem Test.

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Nix Neues im Zombieland

Zombies erfreuen sich in den Medien noch immer ungebrochener Beliebtheit, dabei gleichen sich die Verhaltensweisen der wandelnden Toten meist wie ein Ei dem anderen. Kennste einen Zombie, kennste alle Zombies. Mehr oder weniger jedenfalls. Wenn du heutzutage ein gutes Zombiespiel rausbringen willst, dann musst du etwas Besonderes bieten. Beispielsweise in Sachen Story oder in anderen Spielmechaniken.

Gut, in Days Gone sind es – zumindest offiziell – keine Zombies, mit denen wir es zu tun bekommen. Die Viecher heißen hier Freakers, doch bis auf den Namen ist ansonsten alles ziemlich zombietypisch an den Gegnern im Spiel. In dem Game soll es vor allem die Story richten.

Wir schlüpfen in die Haut des Bikers Deacon St. John, der vor knapp zwei Jahren seine Frau Sarah an den Virus verloren hatte, dessen Ursprung nicht bekannt ist. Seither kämpft der gute Deac mit Kumpel Boozer vom Mongrel MC ums Überleben in dieser lebensfeindlichen Welt. Auch das ist nicht wirklich neu in diesem Genre und wirkt nur allzu vertraut.

Wer innovationen erwartet, ist in Days Gone Fehl am Platz

Auch wenn die Story von Days Gone keine Bäume ausreißt und weit hinter den meisten PS4-Exklusvititeln der letzten Jahre zurückbleibt, so gibt es doch einige interessante Charaktere, die uns im Laufe der knapp 40 Spielstunden ans Herz gewachsen sind. Immerhin macht das Action-Adventure atmosphärisch eine Menge richtig und punktet mit einer glaubhaften, stets gefährlichen und bedrückenden Open-World. Days Gone ist brutal, gnadenlos und düster. Das Spiel scheut nicht vor dem exzessiven Gebrauch des roten Lebensafts zurück, ohne dabei allerdings zur Splatter-Orgie zu verkommen.

Die gnadenlose Gewalt passt hervorragend zum Geschehen auf dem Bildschirm. Hier zählt das Gesetz des Stärkeren. Vor allem im Gefecht mit den menschlichen Feinden wie den Driftern und Rippern fühlen wir uns unweigerlich an die rivalisierenden Banden aus The Walken Dead erinnert. So ist das vermutlich eben, wenn die Zivilisation in sich zusammenbricht. Der Stärkere gewinnt.

Days Gone
Atmosphäre und Spielwelt überzeugen.

Bekannte Gameplay-Formel neu gedacht

Im Prinzip wirkt Days Gone aus spielerischer Sicht ebenfalls nur allzu vertraut. Wirklich bahnbrechende neue Ideen suchen wir, mal abgesehen von Deacons Motorrad, vergebens. Die Spielmechaniken setzen sich aus den Bestandteilen Schleichen, Kämpfen, Upgraden und Craften zusammen. Ein wenig wie Assassin’s Creed Odyssey, nur nicht ganz so gut. In etwa so wie Far Cry 5, nur nicht ganz so gut. Oder so wie The Last of Us, nur… ihr habt es verstanden.

Aber Days Gone ist beileibe kein schlechtes Spiel. Die verschiedenen Spielmechaniken fügen sich sehr gut ins Gesamtkonstrukt ein und ergeben so ein gelungenes und motivierendes Open-World-Spiel. Nur eben leider alles andere als originell.

So wartet die Farewell-Wildnis mit einer Vielzahl von Aktivitäten auf, denen wir uns in beliebiger Reihenfolge stellen dürfen. Es liegt also an uns, ob wir die offene Welt nach nützlichen Materialien durchkämmen, feindliche Lager räumen und Zombie-Nester abfackeln wollen. Vor allem die glaubhafte Spielwelt macht Days Gone so besonders. Die anfängliche Idylle mit malerischen Wäldern, wunderschönen Bächen des ländlichen Oregons lädt eigentlich zum Verweilen ein und bietet jede Menge Platz für ausgedehnte Wandertouren. Wären da bloß nicht diese verdammen Freakers und die menschlichen Gefahren.

Relativ schnell macht uns das Spiel unmissverständlich klar, dass wir in dieser postapokalyptischen Welt alles andere als willkommen sind. Die Freaker hauen uns mit drei Schlägen aus den Latschen, die Ripper holen uns mit fiesen Fallen unsanft von unserem Bike. Nur unsere Freundschaft zu Boozer und der Willen zu Überleben halten uns auf Kurs.

Days Gone
Bikerromantik trifft auf Stealth-Survival.

Craften, killen, tralala

Und so versuchen wir uns als Söldner für verschiedene Camps, für die wir Aufträge absolvieren oder Materialien sammeln. Doch das Vertrauen der Zufluchtsstätten muss erst einmal gewonnen werden. Das gelingt uns, in dem wir Missionen abschließen oder die Ohren der Untoten abgeben – diese dienen in Days Gone nämlich als Zahlungsmittel. Weiß der Geier, was die Camps mit den Ohren machen.

Je höher unser Vertrauen, desto mehr Items stehen und bei den örtlichen Händlern zum Kauf zur Verfügung. Das reicht von Munitionsvorräten über zusammengeschusterte Schalldämpfer bis hin zu Medikits. Deutlich interessanter sind da schon die Upgrades für unser Motorrad, das im Spiel eine zentrale Rolle einnimmt.

Natürlich kommen wir auf dem Sattel unseres Bikes von A nach B, allerdings eröffnet es uns auch die Schnellreiseoption und dient uns als Schnellspeicherpunkt. Von letzterem sollten wir exzessiv Gebrauch machen, denn in Days Gone segnen wir schneller das Zeitliche, als wir gucken können. Doch dazu später mehr.

Da unser Bike überlebenswichtig ist, müssen wir immer dessen Zustand und Tankanzeige im Auge behalten. Geht unsere Maschine kaputt oder verbrauchen wir in der Pampa den letzten Tropfen Benzin, haben wir ein gewaltiges Problem. Dem können wir entgegenwirken, indem wir Schrott oder Benzinkanister in der Spielwelt sammeln oder gegen einen nicht gerade geringen Betrag in den Lagern kaufen.

Wirklich nützlich wird unser Motorrad erst, wenn wir es mit Upgrades versehen haben, die Tempo und Tank vergrößern. Laut den Entwicklern ist unsere Maschine übrigens ein Drifter-Bike und der Name ist tatsächlich Programm: Das Motorrad steuert sich leider unglaublich schwammig und wer nicht aufpasst, rast im Nullkommanichts in das nächste Hindernis. Hier wäre eine präzisere Steuerung wünschenswert gewesen, denn so machen die Motorradtouren leider nicht wirklich viel Spaß.

Stichwort Steuerung: Auch in den intensiven Kämpfen hätte dem Spiel ein präziseres Handling gut getan. Das Zielen mit den Schuss- und Nahkampfwaffen fällt ebenfalls etwas zu schwammig aus, weshalb nicht selten unser Schuss knapp am Ziel vorbeigeht. Das alarmiert natürlich alle Feinde in unserer Umgebung, was unser Ableben zur Folge hat. Sehr ärgerlich.

Days Gone
Das Zielen fällt etwas zu schwammig aus.

Mach uns den Solid Snake

Aber wer in Days Gone mit erhobener Waffe auf die Feinde zu rennt, hat eh kaum Aussicht auf Erfolg. Stattdessen belohnt das Spiel leises und taktisches Vorgehen. Nähern wir uns Feinden unbemerkt von hinten, können wir sie mit einem Stealth-Takedown ausschalten.

Ansonsten sollten wir darauf achten, immer eine Nahkampfwaffe in der Tasche zu haben, da diese deutlich stärker sind, als Pistolen, Gewehre und Co. Besonders ein mit Nägeln versehener Baseballschläger oder eine Feuerwehraxt erwiesen uns im Test gute Dienste. Das Problem ist allerdings, dass diese Waffen nach wenigen Schlägen kaputtgehen. Dem können wir mit einem entsprechenden Skill entgegenwirken.

Für jeden Levelaufstieg erhalten wir einen Fähigkeitspunkt, den wir in mehr oder weniger nützliche Talente in drei Skillbäumen ausgeben. Diese reichen von den besagten Reparaturen der Nahkampfwaffen über eine Fokus-Ansicht beim Zielen bis hin zu mehr Inventarplätzen.

Um in Days Gone erfolgreich zu sein, ist also Schleichen angesagt. Auch wenn das Stealth-System nicht Komplexität eines Metal Gear Solid oder Splinter Cell aufweisen kann, machen die Schleichmechaniken dennoch eine Menge richtig. Anzeigen am Bildschirmrand geben uns stets Auskunft darüber, ob Feinde und sehen oder hören können. Im hohen Gras werden wir nahezu unsichtbar, ein Deckungssystem gibt es hingegen leider nicht.

Da uns, wie bereits erwähnt, die Feinde mit nur wenigen Treffern ins Jenseits schicken, ist Vorsicht angesagt. Wir schleichen uns nachts durch einen dichten Wald, spionieren ein feindliches Lager mit unserem Fernglas aus und locken einen Feind nach dem anderen von der Gruppe weg. Das sorgt für ein intensives und beklemmendes Spielgefühl, denn jeder Fehltritt könnte unser Ende bedeuten.

In diesen leisen und intensiven Momenten ist Days Gone am besten. Kommt es dann doch mal zum Feuergefecht, werden die Schwächen der schwammigen Steuerung und mitunter dämlichen Gegner-KI leider mehr als deutlich. Nicht selten kommt es vor, dass sich menschliche Feinde minutenlang hinter einer Deckung verstecken und erst dann wieder reagieren, wenn wir unsere Schleichtaktik hingeworfen haben und uns ihnen nähern.

Days Gone
Nahkampfangriffe sind am effektivsten

In Days Gone wachsen wir mit dem Spiel

Während uns anfangs schon einzelne Feinde vor Probleme stellen, nehmen wir es zum Ende hin sogar mit Zombie-Horden auf, die mehrere Hundert Feinde umfassen. Das ist dann zwar noch immer kein Kinderspiel, geht mit unserer bis dahin erlangten Erfahrung jedoch recht gut von der Hand. Days Gone ist ein Spiel, in dem wir uns konstant weiterentwickeln. Und wir meinen noch nicht einmal Protagonisten Deacon mit seinen Talenten, sondern uns als Spieler.

Wir lernen, wie die verschiedenen Freaker-Arten agieren. Wir lernen, wie wir sie gegen menschliche Gegner einsetzen und wie wir diese in die Falle locken können. Was uns zu Beginn noch vor Probleme stellt, ist irgendwann – ohne dass wir es bemerkt hätten – in Fleisch und Blut übergegangen. Dieses erlangte Wissen für uns als Spieler drückt uns Days Gone allerdings zu keinem Zeitpunkt auf und wird für uns erst greifbar, wenn wir auf unsere Erlebnisse im postapokalypstischen Oregon zurückblicken.  

Mit der konstanten Gefahr und Munitionsarmut im Nacken müssen wir uns von einem Großteil des angeeigneten Wissen über Zombiespiele lossagen und werden in dieser gefährlichen Welt tatsächlich zu einem Überlebenskünstler.

In Days Gone machen wir als Spieler eine Wandlung durch

Dabei sind es vor allem die leisten, langsamen Momente, in denen Days Gone überzeugt. Nicht unbedingt die Missionen, die zwar relativ gut inszeniert sind, allerdings lediglich Genrestandards bedienen. Etwas Nachforschung hier, ein paar Zombienester dort. Kaum etwas, das man nicht schon mal in ähnlicher Form gesehen hätte.

Außerdem wirkt es fast so, als hätten die Bend Studios versucht, möglichst viele Spielmechaniken und Ideen in das Spiel zu packen, die dann aber weitestgehend nicht zu Ende gedacht wurden. Das Jagen beispielsweise. Oder die Rückblicke, die wir uns an bestimmten Orten ansehen können, um kleinere Rätsel zu lösen, Schätze zu finden oder mehr über die Welt zu erfahren. Auch das kennen wir zur Genüge bereits aus anderen Games und ist prinzipiell eine schöne Idee. Wenn Days Gone dabei nicht die Spuren auf der Karte und etliche Hinweissymbole auf dem Bildschirm einblenden würde. So wird aus der eigentlich interessanten Suche kurzerhand eine dröge Fleißaufgabe.

Days Gone
In Days Gone wachsen wir mit dem Spiel. Die Horden haben es in sich.

Schicke Technik mit Fehlern

Days Gone kann sich aus grafischer Sicht absolut sehen lassen. Vor allem die stimmige, abwechslungsreich gestaltete Welt und die Licht- und Wettereffekte wissen zu gefallen. An die grafische Qualität eines Uncharted 4 oder God of War reicht das Spiel jedoch zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise heran.

Zumal etliche Performanceprobleme, Grafikfehler und Bugs den Spielspaß immer wieder trüben. Mittlerweile steht bereits Update 1.05 für das Spiel zum Download bereit, was abermals einige der Probleme ausmerzen konnte. Ruckler, Framerate-Einbrüche und seltsame Clipping-Fehler sind allerdings leider noch immer Gang und Gäbe. Das sind zwar alles keine Gamebreaker, nervig ist das auf Dauer aber allemal.

Immerhin rangieren Mimik und Gestik der Charaktere auf äußerst hohem Niveau. Selbst eher unwichtige Nebenfiguren wirken menschlich. Lob gebührt aber der rundum gelungenen Vertonung des Spiels. Die deutschen Sprecher liefern hervorragende Arbeit ab und der Soundtrack untermalt das Spielgeschehen stimmig.

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Fazit:

Days Gone ist für mich eine kleine Enttäuschung und das obwohl das Spiel weit entfernt davon ist, schlecht zu sein. Versteht mich nicht falsch: Was die Bend Studios hier auf die Beine gestellt haben, ist ein rundum guter Open-World-Titel mit stimmigen Charakteren, einem interessanten Fortschrittssystem und einer dichten Atmosphäre. Aber mehr eben leider auch nicht.

Mal abgesehen vom Motorrad lässt der Titel jegliche Innovationen vermissen. So gut wie alles habe ich in den vergangenen Jahren in deutlich besserer Form irgendwo schon einmal gesehen. Gerade das langweilige Missionsdesign, die lahme Story und schwammige Steuerung enttäuschen. Auch Grafikfehler, Performance-Probleme und die katastrophale Gegner-KI schmälern den Spielspaß deutlich.

Auf der anderen Seite punktet Days Gone aber mit einer unglaublich dichten Atmosphäre und einem gelungenen Mix aus Stealth- und Survival-Elementen, dank denen selbst einzelne Gegner zur echten Gefahr werden. Besonders die intensiven Kämpfe, nicht nur gegen die gewaltigen Freaker-Horden stellen ein absolutes Highlight dar und sorgen dafür, dass ich nicht selten panisch kreischend die Flucht ergreife. Umso erhabener ist das Gefühl, wenn ich mich ein paar Stunden später mit neuen Waffen uns Skills erneut den Untoten stelle und triumphierend aus dem Kampf hervorgehe. So intensiv muss ein Zombiespiel sein.

Kann ich für Days Gone also eine bedingungslose Kaufempfehlung aussprechen? Die Antwort lautet klar: Nein. Doch wer auf Open-World-Spiele und Zombies steht, wird mit dem Spiel eine Menge Spaß haben. Und frisches Singleplayer-Futter für die PlayStation 4 ist eh immer gerne gesehen. Wer jedoch einen Blockbuster im Stil von God of War oder Uncharted 4 erwartet, wird enttäuscht sein.


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