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A Plague Tale: Innocence im Test

Storygetrieben, emotional und unglaublich spannend. In unserem Test entpuppt sich das düstere Action-Adventure A Plague Tale: Innocence als gelungene Abwechslung zum heutigen Open-World-Einheitsbrei und als vielleicht bestes Spiel der ersten Jahreshälfte 2019.

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Keine Zeit für Mittelalter-Romantik

Als wir in Frankreich im Jahre 1349 mit der jungen Amicia und unserem Vater auf die Jagd gehen, nimmt das Abenteuer seinen Lauf. Dabei ist die liebevolle, humoristische Vater-Tochter-Beziehung der beiden intensiv greifbar.

Bereits in den ersten Spielstunden gelingt es dem Spiel, eine glaubhafte und emotionale Atmosphäre zu erschaffen. Bei der Beziehung zwischen unserer jungen Heldin und ihrem Vater fühlen wir uns fast schon an Kratos und Atreus im neuesten God of War erinnert.

Eingerahmt vom fantastischen Soundtrack müssen wir unseren Vater erst einmal von unseren Talenten mit der Steinschleuder überzeugen. Also schießen wir erstmal ein paar Äpfel von einem Baum. Doch die fröhliche Zielübung kommt zu einem jähen Ende, als unser Hund Lion die Witterung eines Wildschweines aufnimmt.

Während wir schon einmal ein leckeres Festmahl planen, nehmen wir die Verfolgung auf. In diesem Tutorialabschnitt macht uns A Plague Tale: Innocence mit den grundlegenden Spielmechaniken vertraut. Die Schleuder dient uns im knapp 15-stündigen Abenteuer als Waffe,. Wir schleichen durch das hohe Gras schleichen, um den Eber nicht zu verschrecken. Ein gezielter Schuss auf den Kopf lässt die Wildsau zu Boden gehen – unser Abendessen ist gerettet.

A Plague Tale: Innocence präsentiert sich als kluges Schleichabenteuer.

Doch als unser treuer Begleiter Reißaus nimmt und in ein dunkles Loch gezogen wird, nimmt die emotionale Handlung erst so richtig Fahrt auf. A Plague Tale: Innocence scheut nicht davor zurück, mit traurigen, teils brutalen Bildern aufzuzeigen, wie gefährlich das mittelalterliche Frankreich war.

Zu Hause angelangt müssen wir mit ansehen, wie die Inquisition eiskalt unseren Vater hinrichtet. Zusammen mit unserem kleinen Bruder Hugo und unserer Mutter bleibt uns nur die Flucht, immerhin sind die fiesen Schergen hinter dem Jungen her.

Heldin Amicia steht im Mittelpunkt der spannenden Handlung
Bereits im Tutorial überzeugt A Plague Tale: Innocence mit einer dichten Atmosphäre.

A Plague Tale: Innocence – Intensiv, packend, emotional

Ach, wie haben wir das vermisst. Ein atmosphärisches und packendes Abenteuer, das uns an die Hand nimmt und ohne Verschnaufpausen durch eine gleichermaßen packende wie emotionale Geschichte jagt.

Damit hebt sich das neue Spiel des französischen Asobo Studio gekonnt vom Einheitsbrei namhafter Open-World-Vertreter ab, wie man ihn mittlerweile in gefühlt jedem zweiten modernen AAA-Titel findet.

Keine Sammelaufgaben, kein Ausheben feindlicher Basen, kein öde Erkundung schier unendlicher, immer gleicher Areale. A Plague Tale: Innocence spielt sich fast schon wie ein kleines Juwel aus einer längst vergessenen Zeit und rückt die intensive, emotionale Handlung in den Mittelpunkt.  

Unsere Protagonistin Amicia ist eben keine Heldin ist, die Unmengen an Feinden im Alleingang erledigt.  Ein unglaublich kluger Zug der Entwickler. Mal abgesehen von dem ohnehin frischen Setting sorgt das für eine konstant bedrohliche Atmosphäre, denn bereits ein einzelner Widersacher stellt uns in A Plague Tale: Innocence vor eine Herausforderung.

Die Verwandlung der Protagonistin zeigt das Spiel glaubhaft auf.

Dabei spielen auch die umfangreichen, clever durchdachten Schleichmechaniken eine wichtige Rolle. Gleichzeitig müssen wir immer ein Auge auf unseren kranken Bruder haben. Entfernen wir uns zu weit von Hugo, gerät dieser in Panik und alarmiert mal eben alle Feinde in der Umgebung.

Doch Hugo ist kein lästiges Anhängsel, das uns binnen kürzester Zeit auf die Nerven geht. Vielmehr handelt es sich um einen klugen, glaubhaften Begleiter, der sich im Verlauf des Abenteuers als äußerst nützlich erweist.

Vor allem die Beziehung zwischen den Geschwistern ist es allerdings, die dem Spiel eine besondere Würze verleiht. Ähnlich wie in God of War oder dem Indie-Game Brothers: A Tale of Two Sons gelingt es A Plague Tale: Innocence, eine glaubhafte Bindung zwischen den Familienmitgliedern auf den Bildschirm zu zaubern.

Wut, Angst, Hoffnung und Verzweiflung liegen nah beieinander. Gerade die Charaktere sind eine der größten Stärken des Adventures. Die Entwicklung, die die Geschwister im Verlauf des Abenteuers durchmachen, wirkt stets glaubhaft und lässt uns mit den beiden Gejagten fiebern, wie es kaum einem anderen Spiel gelingt.

Amicia und ihr jüngerer Bruder Hugo sind glaubhafte und stark geschriebene Charaktere
Die emotionale Geschichte ist eine der größten Stärken des Spiels.

Summ, summ, summ… Schleich um die Ritter herum

Glücklicherweise macht A Plague Tale: Innocence aber auch aus spielerischer Sicht eine Menge richtig. Vor allem die cleveren Schleichmechaniken sind die Entwickler hervorragend gelungen. Im Großteil der insgesamt 17 Kapitel schleichen wir mit unserem Bruder an der Hand um Feinde herum und versuchen weitestgehend jegliche Konfrontation zu vermeiden.

Ab und zu müssen wir Hugo allerdings auch zurücklassen. Oder den Zwerg alleine vorausschicken, damit er sich dank seiner kleineren Proportionen durch enge Fenster oder Löcher quetscht, um uns das Weiterkommen zu ermöglichen.

Es dauert keine zwei Spielstunden, bis uns die starken Figuren derart ans Herz gewachsen sind, dass sich sofort ein mulmiges Gefühl in unserer Magengegend ausbreitet, wenn wir unseren Bruder alleine lassen.

In den schleichabschnitten ist das richtige Timing entscheidend.

In diesen Abschnitten kommt es vor allem auf das richtige Timing an, damit Hugo nicht den Wachen der Inquisition in die Hände fällt. Denn das führt, genau wie Fehler in den Verfolgungssequenzen oder verpatzte Ausweichmanöver in den Kämpfen, zum sofortigen Spielende. Beim Game Over-Bildschirm merkt man dann eben doch, dass man es mit einem Videospiel zu tun hat.

Stichwort Kämpfe. Um diese kommen wir in A Plague Tale: Innocence nicht herum, wenngleich die Scharmützel nur eine untergeordnete Rolle spielen. Trotzdem sind die Aufeinandertreffen unglaublich stark inszeniert und an Spannung kaum zu überbieten. Das liegt vor allem an Amicias Verletzlichkeit und dem Fakt, dass die junge Dame über keinerlei Waffen verfügt. Lediglich auf die bereits angesprochene Schleuder dürfen wir zurückgreifen.

Im Kern ist A Plague Tale: Innocence ein Stealth-Spiel
Das Gameplay überzeugt mit cleveren Schleichelementen

Schleuder-Trauma mithilfe der Alchemie

Erfreulicherweise erweist sich das Werkzeug aus vielerlei Hinsicht als nützlich. Anfangs sind wir nur in der Lage, Steine oder Tontöpfe auf metallische Objekte zu werfen. So können wir unsere Feinde durch die Geräusche ablenken.

Relativ früh im Spiel erhalten wir die Möglichkeit, unsere Schleuder mit Upgrades auszustatten. Zumindest, wenn wir die dafür notwendigen Materialien in der Welt gefunden haben. Das ist allerdings aufgrund der Schlauchlevel von überschaubarer Größe nicht allzu schwer.

An Werkbänken statten wir Amicia dann mit neuen Upgrades aus, die sie mehr Schaden verursachen oder mehr Munition bei sich tragen lassen. Später finden wir sogar Alchemie-Rezepte, mit denen wir Feuerbomben oder einschläfernde Munition herstellen können. Gerade die Alchemie verleiht dem Spiel zusätzliche Abwechslung, da jedes der insgesamt sieben Rezepte ganz neue Spielmechaniken ermöglicht.

Vor allem dem Feuer wird in A Plague Tale: Innocence eine tragende Rolle zuteil, denn die lodernden Flammen sind der größte Feind der fiesen Pestratten, die neben der Inquisition unseren stärksten Widersacher markieren.

Die albtraumhaften Ratten haben es in sich.

Rund 5.000 Nager gleichzeitig können auf dem Bildschirm dargestellt werden. Bereits unsere erste Begegnung mit den Überträgern der Seuche lässt uns das Blut in den Adern gefrieren. Wie es um die Zusammenhänge zwischen der Pest, der Inquisition und unserem kranken Bruder bestellt ist, verrät uns das Spiel übrigens im Laufe der spannenden Geschichte.

Doch zurück zu den Ratten. Da die Nager das Feuer hassen wie die Pest (höhö, Wortspiel), wird das heiße Element im Verlauf des Spiels zu unserem stärksten Verbündeten. Mit einer Fackel in der Hand bahnen wir uns unseren Weg durch die riesigen Schwärme oder zünden kurzerhand herumliegende Stöcke an.

Das Crafting in A Plague Tale: Innocence
An Werkbänken statten wir unsere Ausrüstung mit Upgrades aus.

Them rats!

Diese schmutzigen Nager sind immer noch hinter euren Seelen her“ sang bereits die schwedische Metalband Ghost in ihrem Song über die Ratten. Tatsächlich sorgen die Viecher für eine besonders bedrohliche, mitunter sogar albtraumhafte Atmosphäre, die von den stimmungsvollen Beleuchtungseffekten zusätzlich verstärkt wird.

Wenn wir durch einen engen Korridor eilen, unser angezündeter Stock langsam erlischt und unser panisch kreischender Bruder zu weinen anfängt, sorgt dies für sehr intensive Momente, in denen uns das Spiel für jeden Fehler gnadenlos bestraft.

Allerdings erweisen sich die Ratten auch bei den einzeln eingestreuten Rätseln als nützlich. Zudem lassen sie sich sogar als Waffe gegen unsere menschlichen Feinde einsetzen. Aus den Schatten heraus reicht ein einzelner Stein aus unserer Schleuder, um deren Fackeln zu löschen und sie den Ratten zum Fraß vorzuwerfen.

Auch wenn die Simulation der Tiere größtenteils überzeugen kann, bleiben einzelne Vertreter gerne mal an Ecken hängen oder laufen unentwegt von der einen Seite eines Gangs auf die andere. Ein kleiner Knacks in der ansonsten stimmungsvollen Atmosphäre.

Der Fokus des Spiels liegt klar auf der Handlung.

Punktabzug gibt es für A Plague Tale: Innocence auch in Sachen Anspruch. Immerhin steht uns nur ein einziger Schwierigkeitsgrad zur Verfügung, der nicht allzu hoch ausgefallen ist. Haben wir die grundlegenden Spielmechaniken erst einmal verinnerlicht, stellt uns der Titel kaum vor eine echte Herausforderung. Auch die Lösungswege unserer Aufgaben sind meist zu klar zu erkennen.

Zudem reagieren manchmal Steuerung und Kamera ein wenig zickig. Beispielsweise wenn wir einen Wagen schieben müssen, um in einen höher gelegenen Bereich zu gelangen. Wirklich schaden tut das dem Spielspaß allerdings nicht. Anders als die stellenweise nervigen, aber erfreulich seltenen KI-Aussetzer unserer Begleiter. Wenn diese in einem Schleichabschnitt partout nicht in die Hocke gehen wollen oder unvermittelt in eine Horde Ratten springen, sorgt das für Frust.

Die Ratten in A Plague Tale: Innocence
Die abtraumhaften Pestratten scheuen das Feuer.

Schaurig schönes Mittelalter in A Plague Tale: Innocence

Die wenigen spielerischen Fehler macht A Plague Tale: Innocence dann aber durch seine beeindruckende Atmosphäre locker wieder wett. Dabei gelingt es dem Adventure auf einzigartige Art und Weise, das Mittelalter zum Leben zu erwecken. Sei es anhand der detailverliebt gestalteten Schauplätze oder der glaubhaften Dialoge, die zahlreiche historisch korrekte Details des Spätmittelalters wiederspiegeln.

Das gilt übrigens nicht nur für Amicia und ihren Bruder Hugo, sondern auch für absolut alle Nebenfiguren, die zu emotionalen und vielschichtigen Plaudereien einladen. Die düstere, konstant bedrohliche Atmosphäre wird nahezu perfekt von der Grafik und Musik unterstützt.

Wenn die Geschwister auf der Suche nach Schutz durch eine pestverseuchte Stadt laufen oder über die Leichenberge auf einem Schlachtfeld steigen, wird die beklemmende Stimmung hervorragend greifbar.

Vertonung und Bildsprache sorgen für eine unglaublich intensive stimmung.

Unterstützt wird die starke Bildsprache von wunderschönen Licht- und Feuereffekten, sowie einer erstklassigen Vertonung. Die deutschen Sprecher liefern einen guten Job ab, in denen vor allem die Angst und Emotionen unseres kindlichen Bruders stets zu spüren sind. Trotzdem legt die englische Sprachausgabe nochmals mehrere Schippen drauf. 

A Plague Tale: Innocence
Starke Charaktere und emotionale Momente. A Plague Tale: Innocence ist packend bis zum Schluss.

Abgerundet wird die schaurige Inszenierung von einem herausragenden Soundtrack des Komponisten Olivier Derivière, der sein Können bereits in Get Even oder Vampyr unter Beweis gestellt hat. Während sich die Musik meist im Hintergrund hält, gelingt es dem Soundtrack immer wieder markante Akzente zu setzen, die die ohnehin schneidende Atmosphäre gekonnt unterstützen.

Lediglich die etwas leblose Mimik der Charaktere, ein paar Clipping-Fehler und die etwas hakeligen Animationen zeugen davon, dass es sich bei A Plague Tale: Innocence eben nicht um eine millionenschwere AAA-Produktion handelt.

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Fazit:

AwardMit A Plague Tale: Innocence haben wir den ersten Überraschungshit des Jahres 2019 und das für mich beste Spiel der ersten Jahreshälfte. Was das französische Asobo Studio hier zusammengeschustert hat, ist schlicht beeindruckend.

Wer eine besondere Herausforderung oder ein innovatives Spielkonzept erwartet, ist bei dem Adventure jedoch fehl am Platz. Nein, es ist die einzigartige Atmosphäre, die den Titel so besonders macht. SO besonders, dass sich die Beziehung zwischen Amicia und Hugo fast auf demselben Niveau bewegt, wie die zwischen Kratos und Atreus in God of War.

Wenngleich beide Titel aus spielerischer Sicht nicht allzu viele Parallelen aufweisen, ist es in meinen Augen das authentische, intensive Familiengefüge, das beide Spiele so besonders macht. A Plague Tale: Innocence präsentiert eine erwachsene, emotionale und jederzeit glaubhafte Geschichte, die mich in nur wenigen Minuten gefesselt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen hat.

Dabei bin ich froh darüber, dass das Mittelalter-Adventure nicht dem gängigen Open-World-Trend folgt, sondern mit einer kompakten Welt und Spielzeit daher kommt. Lückenfüller, ellenlange Laufwege und die immer gleichen Sammelaufgaben gibt es nicht. Hier werde ich an einem roten Faden durch die herausragend inszenierte Handlung gezogen, die einen nahezu perfekten Spannungsbogen aufweist.

Klar, hier und da gibt es Wiederholungen, KI-Aussetzer oder eine zickige Kamera. Doch all die kleinen Problemchen macht das Spiel für mich mit Leichtigkeit durch seine unglaublich dichte Atmosphäre und die starke Story wieder wett. In Kombination mit den cleveren Schleichmechaniken und dem klugen Einsatz der Ratten ergibt sich so ein ganz besonderes Spielgefühl, das sich vor allem Fans einer guten Geschichte keinesfalls entgehen lassen sollten.



 

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