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Uncharted 4 und die Legende des bußfertigen Diebes

Uncharted 4 (Spoiler-Warnung!) sollte der letzte Teil einer Reihe sein, die für den gesamten Videospielsektor gleich mehrfach neue Maßstäbe setzte. Der ein wenig theatralisch klingende Untertitel „A Thief’s End“ machte das auch unmissverständlich klar und ließ einen durchaus vermuten, dass damit der Tod von Hauptfigur Nathan Drake gemeint sein könnte.

Doch genau das ist nun doch nicht der Fall. Nate überlebt, allerdings verändert er sich. Nathan Drake war schon immer abenteuerlustig, von der Suche nach Schätzen getrieben und hat sich deshalb immer mal wieder auch in dubiose Gesellschaft begegnet, wurde verletzt, angeschossen und landete gleich mehrfach im Gefängnis. In Uncharted 4 hat er versucht, die Grabräuberei hinter sich zu lassen und sich gemeinsam mit Elena eine neue Existenz als Taucher aufzubauen.

Doch Nate kann sich dem Ruf des Abenteuers nicht entziehen, schon gar nicht wenn dieses dann sogar noch seinen totgeglaubten Bruder Sam als Boten einsetzt. Im Verlauf der Handlung gestehen sich dann sowohl Nate wie auch Elena ein, dass sie beide nicht für ein normales Leben geschaffen sind. Die beiden treffen daraufhin eine wichtige Entscheidung: Sie werden beide weiter nach Schätzen such, aber ab jetzt professionell und legal, mitsamt dem ganzen Papierkrieg, den entsprechende Genehmigungen mit sich bringen. Der Epilog zeigt uns, dass das für die beiden eine sehr erfolgreiche Entscheidung war. Sie sind weltweit bekannte Entdecker geworden, insofern ist es tatsächlich das Ende eines Diebes.

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Jesus Christus zwischen den beiden Dieben Dismas und Gestas.

Dazu passt, dass die Geschichte mehrfach direkt Bezug auf Dismas nimmt, einen der beiden Diebe, die zusammen mit Jesus auf Golgatha gekreuzigt wurden:

Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns! Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Quelle: https://www.bibleserver.com/text/EU/Lukas23

Der bußfertige Dieb, dem Jesus das Paradies verspricht, ist Dismas. Der andere, der Jesus verhöhnt, ist Gestas. Nathan und Sam Drake wachsen nach dem Tod ihrer Mutter in einem katholischen Waisenhaus auf, genauer gesagt dem Saint Francis‘ Boy’s Home, wo die beiden Brüder auch die Legende des (heiligen) Dismas lernen. Dabei zeigt sich, dass die Entwickler ihre Hausaufgaben gemacht haben, denn der deutsche Wikipedia-Eintrag erklärt uns, dass „in der westlichen Kirche […] Dismas seit dem Mittelalter besonders von den Orden aus der franziskanischen Familie verehrt“ wird. Es darf davon ausgegangen werden, dass eine sogar nach dem heiligen Franz(iskus) von Assisi benannte Einrichtung sehr wahrscheinlich auch von Mitgliedern des Franziskanerordens betrieben wird.

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Dismas – der bußfertige Dieb, den Jesus mit ins Paradies nimmt.

Doch der gemeinsam Tod am Kreuz ist anderen Quellen, insbesondere dem arabischen Kindheitsevangelium zufolge nicht die erste Begegnung von Jesus, Dismas und Gestas:

In the legend, Saint Joseph, warned away from Herod by an angel (Matthew 2:13-15), opted for the danger posed by brigands over the danger posed by Herod’s pursuit. Fleeing with Mary and the child into the desert toward Egypt, they were confronted by a band of robbers led by Gestas and a young Dismas. The Holy Family looked like an unlikely target having fled in a hurry, and with very few possessions. When the robbers searched them, however, they were astonished to find expensive gifts of gold, frankincense, and myrrh – the Gifts of the Magi. However, in the legend Dismas was deeply affected by the infant, and stopped the robbery by offering a bribe to Gestas.

Quelle: https://thesestonewalls.com/gordon-macrae/dismas-crucified-to-the-right-paradise-lost-and-found/

Der junge Dismas hat dieser Erzählung zufolge also bereits bei Baby-Jesus erkannt, dass diesem eine geschichtsträchtige Zukunft bevorstehen würde und ihn vor seiner eigenen Räuberbande gerettet, indem er den Anführer, Gestas, bestochen hat. Er hat lieber sein eigenes karges Vermögen geopfert, um Fremde zu retten als reiche Beute zu machen. Viele Jahre später hat er dann seine Strafe mit Würde akzeptiert. Er weiß, dass er schuldig ist, immerhin ist er der Überlieferung nach auch ein Mörder und soll sogar seinen eigenen Bruder getötet haben – im Kontext von Uncharted 4 ist das natürlich besonders interessant. Aber trotz allem hat er sich etwas Gutes tief in seinem Inneren bewahrt und erlangt Vergebung.

Nate und Sam sehen sich beide in der Rolle des heiligen Dismas, von dem in der Erzählung des Spieles offenbar auch Piratenkapitän Henry Avery fasziniert war, denn eine ganze Reihe von Rätseln und Puzzles hat den bußfertigen Dieb zum Thema. Nathan ist jedoch die offensichtlichste Parallele. Er hat bereits versucht, seine Tage als Grabräuber hinter sich zu lassen und lehnt entsprechende Angebote mehrfach ab. Erst die Rückkehr seines verlorenen Bruders kann ihn umstimmen und selbst in diesem Fall ist er zunächst einmal selbstlos und will lediglich Sam helfen – zumindest anfangs. Sam dagegen ist der Habgierige unter den Drake-Brüdern, er belügt Nate, damit dieser ihm bei seiner Schatzsuche hilft und ist bis zuletzt nicht bereit, das Piratengold aufzugeben und damit wohl näher bei Gestas. So verlockend der Schatz auch sein mag, kann sich Nate letztendlich aber doch von der Versuchung lösen und den Reichtum ignorieren, damit er seinen Bruder retten kann.

Auch hier gibt es wieder Parallelen zu Dismas, dem Brudermörder, denn Nate gibt sich ganz offensichtlich selbst die Schuld an Sams „Tod“ in Panama und spricht deshalb auch nicht mehr über ihn. Er mag ihn nicht ermordet haben, aber es fühlt sich für ihn genau so an. Aus seiner Sicht ist er dafür verantwortlich, dass Sam vor 15 Jahren im Kugelhagel sein Ende fand. Hätte er sich damals nicht auf diesen gefährlichen Job eingelassen, wäre sein älterer Bruder noch am Leben. Wenn es auch nie offen gesagt wird, versucht Nate das ganze Spiel über Abbitte zu leisten, um seinen Fehler wiedergutzumachen. Selbst als sich herausstellt, dass sein Bruder ihn belogen und manipuliert hat, gibt Nate ihn nicht auf und setzt sein eigenes Leben aufs Spiel, um Sams zu retten.

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Ein Dieb findet sein Ende, indem er bußfertig ist und Reue zeigt. Er findet sein Paradies, indem er die Abenteuerlust nicht aufgibt, sondern sie einfach auf anderem Weg auslebt und sich für seine Familie entscheidet. Wie das gute Buch sagt: „Wir erhalten den Lohn für unsere Taten.“ Charmant finde ich dabei, dass angedeutet wird, dass Sam sich im Gegensatz zu seinem Bruder nicht ganz vom Diebesdasein lösen kann und zusammen mit Sulley weiterhin eher in der Grauzone unterwegs sein wird, während Nate fortan den legalen Weg beschreitet. Die beiden Brüder finden ihr jeweiliges Glück auf unterschiedlichen Pfaden. Sic parvis magna.

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