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Thema der Woche: Far Cry 4 und Homosexualität in Games

Ubisoft hat nach dem sowohl kommerziellen wie auch kritischen Riesenerfolg von Far Cry 3 angekündigt, dass nun auch ein vierter Teil kommen wird. Soweit, so gut. Auch die ersten Reaktionen auf diese Nachricht fielen positiv aus. Jedoch wurden recht schnell auch Stimmen laut, die das mit dieser Ankündigung verbundene Artwork für problematisch hielten. Sowohl homophobe wie auch rassistische Tendenzen wurden darin vermutet, die große Debatte blieb jedoch aus.far-cry-4-box-art_533

Allerdings hat der Vorwurf auch innerhalb unserer Redaktion für angeregte Diskussionen gesorgt. Und wir möchten euch deshalb unsere Gedanken zum Far-Cry-4-Artwork mitteilen.

Tims Meinung:

Tja, ich muss sagen, dass ich anfangs sehr ablehnend auf den Vorwurf der Homophobie reagiert habe. Für mich war da einfach nichts Dementsprechendes in dem Plakat zu erkennen. Ein Weißer, der wie ein König posiert und einen dunkelhäutigeren Menschen erniedrigt – eine postkolonialistische Sichtweise hätte sich mir eher erschlossen, auch Rassismus hätte ich verstanden. Aber Homophobie?

Dann habe ich jedoch auch ein paar Links, die mir per Twitter zugetragen wurden, durchgelesen und kann inzwischen den Vorwurf nachvollziehen. Allerdings teile ich ihn weiterhin nicht. Es gibt, insbesondere im Bereich der animierten Filme, eine gewisse Tendenz, Bösewichte mit gewissen „unmännlichen“ Charaktereigenschaften darzustellen. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist Gouverneur Ratcliffe aus Pocahontas. Edle Gewänder, gerne in herrschaftlichem Purpur, Zöpfe mit Schleifchen, viel Schmuck, ein stets perfekt zurechtgezupfter Bart – subtil geht anders. Diese optischen Klischees werden auch bei Far Cry 4 genutzt. Und es dürfte eher unwahrscheinlich sein, dass Ubisoft hier nicht ganz bewusst mit Klischees spielt, bewusst die Kontroverse sucht – immerhin gibt es bekanntlich keine schlechte PR.

Allerdings hat mich das Poster eher an Saints Row 4 erinnert. Die Farbe der Saints ist lila und auf der gamescom 2011 war die gesamte Messe-Präsenz des Spieles, bis zum kleinsten Detail, perfekt auf diese eine Farbe abgestimmt. Und da war definitiv nichts „Schwules“ dran, sondern eine mitreißende Aura absoluten Selbstbewusstseins. Dieses Selbstbewusstsein verströmt auch der vermutliche Far-Cry-4-Antagonist, über dessen eventuelle Sexualität wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts wissen. DSC00755Fakt ist allerdings, wie MattPat von Game Theory letztens zu seinem eigenen Erschrecken festgestellt hat, dass nicht-heterosexuelle Charaktere in Videospielen fast immer Bösewichte und meistens dann auch ganz üble Psychopathen sind.

Positive Darstellungen homo- oder bisexueller Charaktere sind sehr selten. Mass Effect, Dragon Age oder Persona sind da erfreuliche Ausnahmen. Mir hat Mass Effect 3 bei diesem Thema sehr imponiert. Samantha Traynor ist lesbisch, Steve Cortez schwul. Die sexuelle Identität der beiden ist jedoch nur eine kleine Facette ihrer Persönlichkeit. Cortez war sogar verheiratet und hat seinen Ehemann bei einem Angriff der sogenannten „Kollektoren“ verloren. Das Spiel nimmt diese Beziehung sehr ernst und im Verlauf der Handlung kann man Cortez dabei helfen, den Tod seines geliebten Ehemannes zu überwinden. Cortez und Macho-Muskelpaket James Vega verstehen sich sehr gut miteinander und machen durchaus auch mal ihre Späßchen über die Vorlieben des jeweils anderen. James sagt, dass er den Grizzly-Panzer mag, Cortez entgegnet, dass es ihn nicht wundert, dass James Bären bevorzugt.

Der Citadel-DLC geht sogar noch einen Schritt weiter: Cortez und James laden sich selbst dazu ein, in Shepards Apartment ein Biotiball-Spiel zu schauen. Cortez zieht James damit auf, dass er das weibliche Asari-Team ja nur wegen ihres guten Aussehens befürworte. James antwortet, dass Cortez nicht so tun soll, als ob er die männlichen Spieler des Erden-Teams nicht heiß fände, woraufhin ihm Cortez ertappt zustimmt. Die lapidare Normalität, mit der Cortez‘ Homosexualität einfach so akzeptiert wird, ist ein geradezu erfrischender Umgang mit diesem Thema.

Leider sind die Bioware-Spiele hier jedoch in der krassen Unterzahl und aktuelle Debatten über die Nicht-Inklusion homosexueller Beziehungen in Nintendos Tomodachi Life oder die russische 18er-Wertung für Die Sims 4, weil darin schwule und lesbische Beziehungen möglich sind, zeigen, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung Far Cry 4 uns führt.

Hendriks Meinung:

Ein Coverartwork. Eigentlich keine große Sache. Oft bekommt man es erst kurz vor Release eines Spiels zu sehen, in anderen Fällen, wie jetzt bei Far Cry 4, zeigen die Publisher bereits Monate im voraus, wie ihr baldiges Spiel in den Ladenregalen aussehen wird.

Doch gerade die jetzt losgetretene Debatte zeigt, dass so ein Coverartwork mehr ist als nur ein dekoratives Bildchen auf einer Plastikhülle oder in einem Onlineshop. Es steht für eine Idee, eine ungefähre Vorstellung davon, welche Kommentare, Inhalte und Art Direction in einem Spiel zu erwarten sind. Was sieht man auf dem Cover von Mario Galaxy? Mario im Weltraum. Was sieht man auf dem Cover von Battlefield 3? Panzer, Soldaten, Flugzeuge, Hochhäuser in einer arabischen Region.

Dem entsprechend, so rabiat und wie üblich von Rage geblendet sich viele der Kritiker geäußert haben, ist die Kritik an dem Far Cry 4-Cover mehr als berechtigt.

Ich gebe zu, als ich das Bild zum ersten Mal gesehen habe, habe ich kaum Bedenken gehabt, außer: „Hm, der Sesselfurzer erinnert mich ein wenig an das Titelbild von Saints Row 4“. Ein Mann im Sessel, lasziv posierend mit höchst illegalen Dingen. „Nichts neues“, dachte ich mir. Immerhin ist dies ein sehr gern gesehenes Motivklischee für Coverbilder von Filmen, Staffelboxen, Büchern und Games.

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Doch gerade nachdem ich mich mit den verschiedenen Beispielen von Tim und einigen Artikeln und Kommentaren zum Thema befasst habe, dämmerte mir der Ernst der Sachlage. Die Kritiker „ragen“ nicht nur blind herum oder heben, wie es zunächst schien, den Finger mal wieder gen Himmel, ewig schreiend und suchend nach dem nächsten Ziel um ihre eigene Bitterkeit zu kanalisieren. Stattdessen geht es hier um mehr. Es geht um eine Befürchtung, eine manifestierte Angst vor dem, was dieses Cover ausdrückt und was man damit verbindet und wofür dieser einzelne Charakter stehen könnte.

Nachdem ich das Nostalgia-Chick-Video über „coded-gay“-Charaktere angesehen habe, habe ich mir Zettel und Stift zurechtgelegt und nach ähnlichen Figuren aus Spielen gesucht, die in einem positiven Licht dargestellt werden. Der Mangel an tatsächlich homosexuell ausgeprägten Figuren wurde ja bereits durch Matthew Patrick deutlich dargelegt.

Das Ergebnis: Nichts. Keine einzige Figur ist mir eingefallen, die nicht „gruselig“, „seltsam“, wahnsinnig oder bedrohlich war. Kein einziger homosexueller NPC oder spielbarer Charakter ist mir eingefallen, der nicht in die Position eines „Villains“ gesteckt wurde. Eine riesige Lücke und eine noch größere ungenutzte Chance für Autoren und Gamedesigner klafft in der Spielebranche.

Dadurch ist es verständlich, dass gerade betroffene und gesellschaftlich engagierte Personen Angst davor haben, erneut Personen mit ähnlicher Sexualität oder dem entsprechenden Attitüden in der Rolle eines „Weirdos“ oder Bösewichts zu sehen. Wieder werden Homosexuelle, Transgender und Androgyne als „strange“, bösartig und unvertraulich dargestellt. Oder zumindest könnte es wieder so sein.

Doch gleichermaßen stellt sich mir als ehemals passionierten, aber mittlerweile schreibfaul gewordenen Hobbyautoren die Frage: Warum haben Gamedesigner und Schreiber Angst, Personen mit anderer Sexualität in ein besseres und offeneres Licht zu rücken? Warum weigert man sich bisher, eine klar homosexuelle Figur als Hauptcharakter in ein Spiel zu schreiben, oder zumindest die Option zu geben? In GTA V haben wir zumindest Trevor, der in einigen Szenen klar angibt, auf Männer „zu stehen“, doch der ist auch nur ein wahnsinniger Massenmörder, der auch nicht davor zurückschreckt, blindlings Leute zu töten oder „zum Spaß“ zu foltern.

Zudem wäre es nicht einmal eine große Hürde, eine Figur in romantischer Beziehung zu einem gleichgeschlechtlichen Partner zu zeigen. Man müsste einfach davon absehen, in extravagant überspitzte Pairings á la „Birdcage“ abzudriften (nichtsdestotrotz eine wunderbare Komödie mit toller Moral hinsichtlich Toleranz), sondern ganz simpel eine normale Liebesbeziehung schreiben. Es ist nichts seltsames daran, wenn Menschen sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen. Wenn Schreiber das erkennen und den Mut dazu zu haben, zu dieser Botschaft zu stehen, würde es vielleicht auf Dauer immer mehr Spieler in dieser modernen, völlig verrohten und vermännlichten Gaming-Gemeinschaft geben die es erkennen. Zudem würde es völlig neue Wege öffnen, Gamedesign, Gameplay und Spiel-Erlebnisse zu ergründen. Ein Potpourri an unzähligen Möglichkeiten.

Ich als durch und durch heterosexueller Normalbürger habe es beispielsweise zunächst als seltsam angesehen, dass mein erster Char in „Dragon Age“ nach wenigen falschen Mausklicks auf einmal mit einem Mann im Bett landete, habe es aber letztlich auch nur als charmant  und witzig empfunden und mir nichts dabei gedacht. Gute Charaktere sind durch mehr Variablen geprägt als nur ihre Sexualität, ihr Aussehen und die Größe ihrer Oberarmmuskeln oder ihres Vorbaus. Dies sind nur Nebensächlichkeiten, die jeder guter Schreiber ausblenden, nebenbei erwähnen und seinem „Spieler“ erklären kann. Komplett umschiffen, in die „seltsame Ecke“ drängen oder gar völlig ignorieren sollte man es jedoch nicht.

far_cry_4Janinas Meinung:

Mein erster Gedanke zu dem kontrovers diskutiertem Cover von Far Cry 4 war: „Wenn der Bösewicht schwul wäre, hätten wir immerhin mal überhaupt einen homosexuellen Charakter im Rampenlicht.“ Zumal ja meines Wissens noch immer gar nicht geklärt ist, welche sexuelle Ausrichtung der Charakter überhaupt hat, weswegen ich die Diskussion als viel zu verfrüht empfand.

Danach kam ich das erste Mal mit dem Trope der „coded-gay“-Charaktere in Berührung und spätestens jetzt kann ich die Kritik an dem Cover nachvollziehen, auch wenn ich selbst noch immer nicht sicher bin, ob ich sie teile oder nicht.

Normal gelebte Homosexualität ist in Videospielen bislang noch immer erschreckend selten zu finden. Spontan fallen mir da nur Dragon Age und Mass Effect ein, in denen ganz ungezwungen den Spielenden die Wahl überlassen war, ob sie eine Romanze anfangen und ob hetero- oder homosexuell. Sowohl in Dragon Age als auch in Mass Effect sind unter den Gefolgsleuten, die man im Laufe des Spiels um sich schart, Personen der verschiedensten Ausrichtungen zu finden und kein einziger NPC macht da irgendeine große Nummer draus.

Shepard Liara

Eine solche Ungezwungenheit würde ich mir viel, viel öfter wünschen, denn Spiele sind ein Medium mit einer viel, viel heterogeneren Konsumentenschaft, als viele Publisher und Werbefirmen gerne wahrhaben möchten. Dicke und dünne Menschen spielen, männliche, weibliche, Transpersonen, homosexuelle, heterosexuelle, asexuelle, bisexuelle, weiße Menschen,  People of Color und und und. Zu sehen bekommen wir in der Rolle des Helden, des Protagonisten, in der großen Mehrheit allerdings den weißen Dudebro mit braunen Haaren, mittleren Alters und hetero. Leider ist es gerade in puncto Homosexualität viel zu oft so, dass wenn überhaupt mal Charaktere mit dieser Ausrichtung im Spiel auftauchen, sie psychisch krank oder eben ausschließlich Gegenspieler sind.

Ständig vermeintlich „typische“ Attribute von Homosexualität als Code für Bösewichte zu nutzen (Tim hast das in seinem Absatz schon hervorragend verbildlicht) trägt zu der Verhärtung dieser Klischees bei und das finde ich persönlich sehr bedauerlich und schlichtweg auch einfallslos. Generell finde ich es gar nicht schlecht, dass zu diesem Thema eine Debatte losgebrochen ist, denn es zeigt für mich, dass Menschen sich mit der Problematik auseinandersetzen und dass Leute eben auch nicht immer alles schlucken und hinnehmen, was ihnen missfällt.

Dannys Meinung:

Far Cry 4 und der „Shitstorm“ um das Cover. Im Grunde gab es ja sogar zwei davon. Zum einen der Rassismus-Vorwurf. Der wird ja immer Mal wieder gerne ausgepackt. Aber hier vollkommen unangebracht. Und zum anderen der Vorwurf der Homophobie. Das zweite Thema, was inzwischen auch bei jeder Gelegenheit ausgepackt wird, ob berechtigt und nachvollziehbar oder nicht. Beides Themen, die mich inzwischen extrem nerven, nicht weil ich es nicht gut finde, dass solche Dinge angesprochen werden, sondern wegen dem regelmäßigen Aufschrei.

Aber erst einmal meine Meinung zum Cover selbst. Als Ubisoft das Cover-Artwork zeigte, war ich davon eigentlich ganz angetan. Zum einen, weil sich das Himalaja-Setting dadurch bestätigt hat und zum anderen, weil ich die Darstellung des Mannes, der wie auf einem Thron sitzt, ganz interessant finde. Er setzt sich ab von sonstigen Protagonisten, sei er nun Held oder, was wahrscheinlicher ist, der Bösewicht. Er wirkt wie ein Paradies-Vogel und das finde ich eine gelungene Abwechslung.

Dann habe ich den Vorwurf der Homophobie mitbekommen und war genervt. Keine Ankündigung mehr ohne Aufreger. Es war ja schon fast zu erwarten. Tim hat dann die besagten Links bzw. Videos geteilt und ich habe mir diese auch durchgelesen und kann wenigstens sagen, dass die Vorwürfe nicht komplett aus der Luft gerissen sind. Trotzdem bleibt mein Unverständnis. Zum einen, weil wir doch noch gar nicht genug Informationen haben. Was hat es mit ihm auf sich? Wer ist er überhaupt? Sagen wir, er ist der Bösewicht und hat homosexuelle Tendenzen. Ich weiß nicht, warum man sich darüber aufregen sollte. Er wäre ja nicht der Erste in der Popkultur, der solche Tendenzen hätte. Als noch aktuelles Beispiel nehme ich da gerne Javier Bardem, der in Skyfall ja offensichtlich einen homosexuellen beziehungsweise einen bisexuellen Bösewichten verkörpert. Da herrschte ein anderer Kanon. Eine tolle schauspielerische Leistung. Eine mutige aber gelungene Ausrichtung. Und bei Far Cry 4 ist es ein Thema, das einen aufregen soll? Unsinn. Darf er nicht homosexuell sein, weil er böse ist? Weil man das Böse sein mit seiner sexuellen Ausrichtung missverstehen könnte? Das ist, ehrlich gesagt, Bullshit. Solange ein Bösewicht gut geschrieben und überzeugend ist, darf er von mir aus alles sein, solange es zur Person und zum Kanon der Geschichte passt.

javierbardemskyfall

Ich bin niemand, der solche Diskussionen nicht gutheißt. Wenn diese angebracht sind, dann muss man sie sogar führen. Wie vor kurzem mit dem neuen Sims-Spiel und Russland. Oder Nintendo mit Tomodachi Life. Aber seine Rassismus- oder Sexismus- oder Homophobie-Keule zu schwingen, nur um Stunk zu machen oder wieder einen „Shitstorm“ (Ich kann es ehrlich nicht mehr hören) zu erzeugen, ist ehrlich gesagt dumm. Meiner Meinung nach müssen viele mal tief ein- und ausatmen, bevor sie wieder einen „Riesen“-Skandal entfachen.

Macht es nicht bei jeder Kleinigkeit, macht es bei Themen, die es verdient haben, angesprochen zu werden. Ubisoft, ist natürlich der Sieger bei dem Ganzen. Immerhin wird über ihr neues Spiel geredet und diskutiert. Natürlich war die Kontroverse mit voller Absicht um genau die jetzige „Debatte“ zu erzeugen. Wie sagt man so schön, es gibt keine schlechte Presse. Und das Internet ist auf den Zug aufgesprungen und Ubisoft freut sich.

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Zum Abschluss möchte ich noch sagen, ich freu mich auf Teil 4, denn er verspricht Neuerungen, zumindest im Setting. Außerdem gibt es Elefanten, warum sich da noch keiner drauf freut weiß ich auch nicht. Hallo? Elefanten!

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