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Testbericht: Unravel

Videospiele und flauschiges Garn sind zwei Dinge, die auf den ersten Blick eigentlich so gar nicht zusammenpassen wollen. Doch spätestens seit Kirby’s Abenteuer auf der Nintendo Wii vor knapp sechs Jahren oder Yoshis Woll-Abenteuer aus dem vergangenen Jahr wissen wir, dass diese Kombination hervorragend funktionieren kann.
Das Jump `n Run Unravel der schwedischen Entwickler Coldwood Interactive setzt ebenfalls auf diese flauschige Optik und gehörte auf der vergangenen E3 zu einem der absoluten Geheimtipps. Nun, knapp acht Monate später, ist der Downloadtitel endlich erhältlich und entlohnt die wartende Spielerschaft mit einer packenden, emotionalen Geschichte die für die eine oder andere Träne sorgt, einem liebenswerten Hauptcharakter, aber auch so manchem Frustmoment.

Yarny ist einer der liebstenswertesten Charaktere der letzten Jahre
Yarny ist einer der liebstenswertesten Charaktere der letzten Jahre

Unravel ist mehr als nur Garn-itur

Mein Name ist Yarny. Ich bin ein Wollmännchen, ein rotes, lebendiges Wollmännchen und lebe in einem kleinen Dorf im wunderschönen Schweden. Meine Besitzerin habe ich sehr gerne und wir haben in unzähligen gemeinsamen Jahren so viele tolle Dinge erlebt. Doch sie ist traurig und einsam, ihre Kinder sind fort und sie ist ganz alleine. Sie hat nur noch mich, also muss ich ihr irgendwie zeigen, was für ein schönes und ereignisreiches Leben sie doch hatte. Wie gut, dass ich immer mit dabei war.

Also hüpfe ich schnurstracks in eines von insgesamt elf Fotos, welche sich im Haus meiner Besitzerin befinden und sammele Erinnerungen. Und wie unglaublich abwechslungsreich diese doch sind: Zum Beispiel damals, als wir mit den Kindern am Meer waren und die großen Krebse gesehen haben.  Oder der eisige Winter, in dem so viel Schnee vom Himmel fiel. Was haben wir nicht alles erlebt, es war ein wunderschönes Leben – auch wenn nicht jedes der elf Kapitel mit positiven Erinnerungen aufwartet ist es doch die Summe, die uns zeigt, wie erfüllt unser Leben doch war.
Innerhalb dieser elf Fotos finde ich dann Erinnerungen und rote Wollfiguren, mit denen ich das Album meiner Besitzerin fülle. Kapitel für Kapitel füge ich Bilder und Texte hinzu, um ihr zu zeigen, was wir alles erlebt haben und dass sie keinen Grund hat, traurig zu sein.

Und selbst ich bin fasziniert von den Dingen, die wir gemeinsam erlebt haben. Vergnügt beobachte ich einen wunderschönen Schmetterling in unserem sonnigen Garten und genieße die Reise mit dem Lenkdrachen im Wind. Doch war nicht immer alles schön: Im dunklen Wald hatte ich seinerzeit ganz schön Angst. Und wenn ich an diesen eiskalten Regen zurückdenke… brrr, schön war das wirklich nicht.

Unravel erzählt eine wunderschöne und detailverliebte Geschichte
Unravel erzählt eine wunderschöne und detailverliebte Geschichte

Gehüpft wie gesprungen

So schön die Welt, in der ich mich bewege auch ist, so altbekannt und simpel sind eigentlich die Mechaniken meiner Bewegungen. Im Grunde genommen bewege ich mich ja eigentlich nur von links nach rechts, um am Ende jeweils eine kleine Garnfigur einzusammeln. Dabei hilft mir mein roter Faden dabei, verschiedenste Rätsel und Geschicklichkeitsabschnitte zu meistern, so ziehe ich beispielsweise die Latten eines Zaunes nach oben, um kurz darauf durch den entstandenen Spalt zu krabbeln.  An zwei speziellen Punkten kann ich meinen Garn zudem verknoten, um so eine Brücke zu erschaffen, die ich für hohe Sprünge oder den Transport wichtiger Gegenstände nutzen kann.

Gerade solche Interaktionen mit den ortsansässigen Faune lockern den Rätselalltag auf
Gerade solche Interaktionen mit den ortsansässigen Faune lockern den Rätselalltag auf

Das Einzige, worauf ich achten muss ist, dass mir dabei der Faden nicht ausgeht. So muss ich an manchen Stellen die Knoten lösen, um genug Garn zum Erreichen des nächsten Wollknäuels übrig zu haben, welches mir dann das weitere Vorankommen ermöglicht.

Okay zugegeben: Mein Abenteuer kann ein wenig frustrierend sein. Zum Einen, da es keinerlei Erklärungen und Hinweise gibt, wie meine Bewegungen funktionieren und wie ich in entsprechenden Bereichen weiterkommen kann. Zum anderen, weil mir gerade anfangs bei Sprüngen auf den entscheidenden Zentimetern vor dem Erreichen einer Kante die Puste ausgeht , weil ich eben nicht genug Anlauf genommen habe. Ärgerlich, denn das passiert mir irgendwie immer wieder.

Gerade einige Rätsel, die ich nur durch wiederholtes Versuchen und Zufall gelöst bekomme, nerven ein wenig. Zumal ich nach meinem Ableben nicht immer wieder direkt vor der Kopfnuss starte, sondern zunächst  einmal wieder dorthin klettern und springen muss.
Die wunderbarsten Momente erlebe ich trotz allem Frust allerdings nicht beim Springen oder Rätseln, sondern wenn ich mit meiner
Umgebung interagiere. Zum Beispiel bei der Schifffahrt in einem ausgehölten Holzklotz oder wenn ich mich im Moor den fiesen Mücken erwehren muss, bis sie irgendwann diesem riesigen Geweihträge folgen und von mir ablassen. Das sind tolle Erinnerungen, die ich niemals vergessen werde.

Hinzu kommt, dass meine Welt eine gleichermaßen wohlklingende, als auch wunderschöne ist. Die Umgebungen sind derart detailverliebt – überall entdecke ich kleinere und größere Details, gerade auch in den herrlichen Hintergründen: Dort in den Gräsern, die sich im sanften Sommerwind wiegen spielen zwei Libellen miteinander.  In unserem Garten beobachte ich einen friedlichen Igel, wie er durch das hohe Laub watet oder begutachte einen tropfenden Wasserhahn – ja, mein Abenteuer sieht unglaublich klasse und absolut stimmig aus. Schlichtweg wunderschön.
Auch musikalisch hinterlässt meine Reise einen hervorragenden Eindruck: Stimmige, skandinavische Klänge untermalen mein Abenteuer stets perfekt – mal fröhlich und schnell und mal eher düster und traurig. Die gesamte Atmosphäre ist einfach derart dicht und stimmig – traumhaft schön und absolut perfekt.


Fazit:

AwardUnravel ist nicht frei von Fehlern und hat seine Macken: Das Jump `n Run hat mit einigen Frustmomenten, sowie Trial- & Error-Passagen mitsamt mancher unfairer Rücksetzpunkte zu kämpfen. Außerdem bietet das Spielkonzept nahezu Nichts, was man in der Form nicht schon einmal gesehen hätte.

Und dennoch hat mich Unravel gepackt, emotional berührt und vom Anfang bis zum Ende hin gefesselt. Es ist dieser sympathische Hauptcharakter, der das Spiel ausmacht. Yarny merkt man jederzeit seine Gefühlslage an und das, obwohl er keinen einzigen Ton von sich gibt – etwas, in der Form, was nur wenige Charaktere überhaupt schaffen.

Freunde emotionaler Abenteuer und wunderschöner Umgebungen bekommen hier ein richtig tolles Spiel und tolle Unterhaltungen, wenn man auch einige Frustmomente in Kauf nehmen muss.


 

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