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Reviews Wii U

Testbericht: Nihilumbra

Bei Nihilumbra handelt es sich um ein Puzzle-Jump’n’Run, das 2012 zunächst für iOS veröffentlicht wurde. Nach dem obligatorischen PC-Port hat es der Titel, der bereits im August 2013 für die WiiU angekündigt wurde, jetzt auch auf selbige geschafft und ist dort seit vorgestern erhältlich. Der sonst so schmutzige Begriff „mobile port“ ist in diesem Fall sogar durchaus positiv zu verstehen, dann BeautiFun Games haben nicht nur ein Spiel mit gelungenem Gameplay auf die Beine gestellt, sondern auch die Möglichkeiten, die sich mit der Verwendung eines Touchscreens bieten, maximal elegant eingebunden. Dennoch ist in Nihilumbra nicht alles eitel Sonnenschein.

Protagonist Born auf der Suche nach modischer Inspiration.
Protagonist Born auf der Suche nach modischer Inspiration.

Darker Than Black

Auf meiner To-Play-Liste steht Nihilumbra schon seit einer ganzen Weile, aber da ich in Sachen PC-Spiele ein alter Muffel bin und diese neumodischen Schnickschnack-Telefone nicht besitze (zumindest noch nicht, God help us all), komme ich erst jetzt dazu, aktiv Hand anzulegen. Aber das ist in Ordnung. Warten ist ohnehin eine unterschätzte Tugend. Die Prämisse des Spiels macht dabei seinem Namen alle Ehre. Ich zitiere hier mal die deutsche Fassung des Promotion-Materials: „Die Leere muss eins werden. Sie will ihn zurückholen und wird nie aufhören, ihn zu jagen, während sie dabei alles auf ihrem Weg zerstört.Um überleben zu können, wird Born die Welt verdammen müssen, auf der er geht, und lässt sie für immer verschwinden.“

Dark stuff.

Wem angesichts der Gesamtästhetik unmittelbar das Genre-Flaggschiff Limbo in den Sinn kommt, den dürfte dieser Gedanke auch über das gesamte Spiel hinweg nicht mehr verlassen. Mittlerweile sind 2D-Platformer mit vagem philosophischem Anspruch im Begriff, eine Art Treppenwitz der Indie-Szene zu werden, aber Nihilumbra erschien back in 2012, der absoluten Hochzeit dieses Trends und spielt auch sämtliche Karten seines Decks mit maximaler Seriosität aus. Wer also große Storytwists oder Genre-Dekonstruktionen erwartet, wird enttäuscht. Born, der aus dem endlosen Void geboren wurde und… deshalb so heißt (echt jetzt), flieht über fünf Welten hinweg vor den Klauen seines finsteren Mutterschoßes, der ihn in selbigen zurückzuholen versucht. Aus Nichts bist du entstanden und ins Nichts kehrst du zurück, um mal religiös zu paraphrasieren. That’s it. Wie die Sache endet, kann man sich in etwa ausmalen.

adfadf
Neue Welt, neue Fähigkeit: gotta catch ‚em all.

Diese erzählerische Naivität ist eigentlich ein Ärgernis, denn das Gameplay selbst funktioniert prima. Mittels verschiedener Fähigkeiten, die Born nach und nach erwirbt, kann der Spieler die Umgebung per Touchscreen beeinflussen und sich so durch die mannigfaltigen Gefahren manvörieren, die ihm den Weg versperren. Mit nur einem Fingerwisch wird das Terrain zu glitschigem Eis, zu klebrigem Schlamm oder zu sengendem Feuer. Die Puzzles sind nicht ausschließlich, aber größtenteils gut und intuitiv designt. Jedes Feature, vom der Restart-Funktion bis hin zu neuen Elementen und Gameplay-Gimmicks, wird dem Spieler durch selbsterklärende Situationen näher gebracht. Trial & Error bleibt dennoch nicht aus, sorgt dank massig Checkpoints aber auch selten für Frust. Am Ende jeder Welt wartet dann noch ein kurzer Autoscroller, in dem Born aktiv vom Void verfolgt wird. Diese überraschend gelungenen Passagen fordern den Spieler dazu auf, alles bisher Erlernte unter Druck einsetzen zu können. Lobenswert ist dabei, dass keine der Fähigkeiten im späteren Spielverlauf an Wert oder Nutzen verliert, wobei einige freilich situativer sind als andere.

Literatur-AG der Edgar Allan Poe High School

Nihilumbra ist komplett linear, bisweilen in schmerzhaftem Ausmaße, aber dafür auch drei Jahre später noch ziemlich hübsch. Optisch von simpler Schönheit, untermalt von stimmungsvoller und dynamischer Musik, nimmt es den Spieler von der ersten Sekunde an gefangen. Oder würde das zumindest, wenn der eindringliche Erzähler nicht wäre. Ja, genau. Das ist einer dieser Titel, die ganz sicher gehen wollen, dass auch der letzte Hornochse die Message, die er transportieren will, versteht. Daher quatscht ein Typ mit düsterer Stimme unentwegt auf den Spieler ein, wobei der Monolog zusätzlich noch als Text auf dem Bildschirm erscheint. Man fühlt sich bisweilen eher von dieser penetrant Sinnfragen stellenden Stimme verfolgt als vom düsteren Void. Weniger wäre hier mehr gewesen.

Die einzige Rettung besteht übrigens darin, das Spiel einmal bis zum Abspann durchzuspielen (was binnen eines Abends machbar ist) und den deutlich härteren Void Mode freizuschalten. Dort kann man nach Herzenslust durch die Puzzles pflügen, ohne sich dieses nicht enden wollende Mittelstufen-Referat anhören zu müssen. Nein, subtiles Storytelling gehört nicht zu den Stärken des Spiels. Wahrlich nicht.

rffff
Gegen Ende mehren sich die Gegner. Stealth ist oberste Pflicht.

Die Videospielindustrie hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Womöglich ist es in dieser Hinsicht auch etwas unfair, den Port eines Spiels aus 2012, das all die damals angesagten Karten des Indie-Gamings ausspielt, für seine mangelnde Relevanz zu verurteilen. Allerdings zeigt es eben auch, wie schnell man ein Spiel veröffentlichen kann, das schon nach wenigen Jahren wie aus der Zeit gefallen wirkt, weil der große Trend jetzt eben so langsam vorbei ist. Auch das große Vorbild Limbo ist nicht bedeutend besser gealtert.

Am Ende bleibt ein solider Puzzle-Platformer, der bis auf seinen nervigen Erzähler prinzipiell nichts verkehrt macht. Aber eben auch nicht sehr viel bietet. Streng linear, keine Aufgaben nebenbei. Ich weiß nicht, wie ich dieses Spiel beurteilen soll. Es ist nicht enttäuschend, bei weitem nicht. Schließlich ist alles da. Und alles, was da ist, funktioniert auch. Aber es haut, mobile port hin oder her, im Jahr 2015 auch niemanden mehr vom Hocker.


Vielen Dank an BeautiFun Games für die freundliche Bereitstellung des Testmusters!

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