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Testbericht: Monochroma

Tja, Monochroma ist leider eines dieser Indie-Spiele, die letztendlich dann doch am eigenen Anspruch scheitern. Zunächst einmal freut es mich jedoch, dass mit den Nowhere Studios ein türkisches Entwicklerteam hinter dem Spiel steht. Der Indie-Boom lässt die Gaming-Landkarte bunter werden, Videospiele kommen inzwischen auch aus Ländern, von denen man das vielleicht nicht unbedingt erwarten würde.

Das Team hat sich dann gleich auch ein zeitgeschichtliches Ereignis als Inspirationsquelle genommen, nämlich die sogenannten Gezi-Park-Proteste. Zunächst ging es nur darum, dass besorgte Bürger dagegen protestierten, mit dem besagten Gezi-Park die einzige grüne Lunge der Stadt Istanbul durch ein riesiges Einkaufszentrum zu ersetzen. Die Situation eskalierte jedoch, nahm bürgerkriegsartige Zustände an und forderte letztendlich sogar Todesopfer.

Während die offiziellen Medien versuchten zu beschwichtigen, sprachen die blutigen Bilder in den sozialen Netzwerken eine deutliche Sprache. Gerade als politisch engagierter Mensch konnte ich kaum fassen, was da in der Türkei, die sich außen hin gerne modern und weltoffen gibt, passierte. Ziemlich harter Tobak, um daraus ein Spiel zu machen.Monochroma 2013-06-20 12-49-08-98

Zu Beginn ist alles friedlich, zwei Brüder spielen vergnügt mit einem Drachen. Doch dieser verheddert sich an einem Scheunendach und beim Versuch, ihn zu befreien, verletzt sich der jüngere Bruder so schwer, dass er sich fortan kaum noch bewegen kann. Der ältere Bruder trägt ihn nun auf dem Rücken, um ihn in Sicherheit zu bringen. Jedoch stellt sich relativ schnell die Frage, ob es in dieser alternativen Version der 50er Jahre überhaupt noch sichere Zufluchtsorte gibt. Die brutalen Schergen eines allherrschenden Mega-Unternehmens jagen die beiden unerbittlich – für unschuldige Kinder ist in dieser gnadenlosen Welt offenbar kein Platz mehr.

Es ist recht offensichtlich, dass sich die Entwickler an Kritikerliebling LIMBO orientieren und mit Sicherheit dürfte auch PS2-Klassiker ICO zu den Inspirationsquellen zählen. Monochroma spielt allerdings nicht in einer Liga mit seinen beiden Vorbildern. Nicht, dass die ihrerseits völlig ohne Probleme wären – sowohl LIMBO wie auch ICO haben jeweils ihre Ecken und Kanten, an denen man sich als Spieler durchaus reiben kann. Allerdings waren Stil und Substanz dort immer in einem stimmigen Verhältnis zueinander. Monochroma hat, das sollte bereits aus dem Titel des Spieles hervorgehen, mehr Stil als Substanz.Monochroma 2013-06-20 13-00-24-04

Ein bisschen LIMBO, ein bisschen Film Noir, eine Prise SinCity – die monochrome Optik, die hin und wieder von blutroten Farbtupfern durchbrochen wird, ist zwar nicht unbedingt originell, passt jedoch perfekt zum düster-dystopischen Setting. Das größte Problem ist das Spiel an sich. Zunächst ist die Tastenbelegung (W zum Springen)  ungewohnt und kann dadurch unangenehm verkrampft wirken. Dazu kommt, dass die Abfrage eingegebener Befehle nicht immer einwandfrei zu funktionieren scheint. Mal bewegt man sich zu früh, mal zu spät, was gerade bei Rätseln, die ein gewisses Timing voraussetzen, eher kontraproduktiv ist und dadurch recht viel Frustratopnspotential birgt. Trial-and-Error ist natürlich sowieso angesagt.

Dass gleich mehrere Reviews anderer Gaming-Seiten den kleinen Bruder übereinstimmend als „Sack voller Kartoffeln“ beschreiben, zeigt eindrucksvoll, wie konsequent Monochroma daran scheitert, ihm eine Persönlichkeit zu geben – und dem Spieler einen Grund, wieso er sich jetzt mit diesem Pixelhaufen verbunden, für ihn verantwortlich fühlen sollte. Das ist dermaßen elementar, dass man eigentlich annehmen sollte, es wäre den Entwicklern aufgefallen, doch ich könnte mir vorstellen, dass ein gewisser Tunnelblick beim Entwicklungsteam geherrscht hat.Monochroma 2013-06-30 16-56-28-62

Auch die Tatsache, dass das Spiel bereits mit einem riesigen Plot-Loch beginnt, dürfte der Betriebsblindheit zuzuschreiben sein. Wenn die Welt so dermaßen verkommen und komplett in der Hand des ominösen Riesenkonzernes sowie dessen Schergen ist, wie haben es die beiden Jungen dann überhaupt mit ihrem Drachen zur anfänglichen Farm geschafft? Die dystopische und kinderfeindliche Gesellschaft dürfte nicht urplötzlich aus dem Nichts entstanden sein, nur um alle anderen Menschen mit Haut und Haaren zu verschlingen. Vielleicht denke ich zu viel darüber nach, aber das Spiel will nunmal, dass man sich über die Handlung Gedanken macht, schafft es jedoch häufig nicht, die gestellten Fragen zu beantworten.


Vielen Dank an Plan of Attack für die freundliche Bereitstellung des Testmusters.

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Philipp Briel