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Testbericht: Legend of Kay Anniversary

Es gibt Videospiele, bei denen man bereits vor Veröffentlichung getrost davon ausgehen kann, dass sie in ein paar Jahren ohnehin remastert und/oder re-releaset werden. Legend of Kay zählt, trotz eines ebenso verhaspelten wie beliebig wirkenden Handheld-Ports im Jahre 2010, sicherlich nicht dazu. Dem Titel wurde bei Release nur wenig Aufmerksamkeit zuteil, was vor allem damit zu tun haben könnte, dass es seinerzeit als Abenteuer für eine jüngere Zielgruppe beworben wurde. In einer Zeit, in der das Medium Videospiel langsam damit begann, sich vermittels unglaublich erwachsener Grimdark-Fests und AAA-Bombast im Mainstream zu etablieren, eventuell nicht die beste Idee. Trotz teilweise positiver Reviews blieb Legend of Kay zwischen allen Stühlen hängen: es entwickelte weder Kultstatus noch wurde es zum Verkaufshit und verschwand dementsprechend in der Versenkung. Was schade ist, wenn ich hatte seinerzeit auf der PS2 die Ehre, wo es sich bei mir trotz kleinerer Macken einige Sympathien erspielen konnte. Zehn Jahre später erscheint es jetzt noch einmal: für PS4, PC und Wii U. Letztgenannte Fassung habe ich getestet. Ergebnis? Nun …

CHAOS CHAOS CHAOS CHAOS CHAOS CHAOS
Kay kämpft. Und sucht Items für NPCs. Aber meist kämpft er.

In China starten sie langsam

Legend of Kay bedient sich eines Settings im alten China, in dem anstelle von Menschen sprechende Tiere ihr Unwesen treiben. Ein bisschen wie Kung Fu Panda, bevor es Kung Fu Panda gab? Ja, in etwa. Katzen, Hasen und diverse andere Tiere sind die unterdrücken Guten, Ratten und Gorillas sind die aggressiven Usurpatoren. Kay, der Hauptcharakter, lernt bei seinem dezent versoffenen Meister die Grundlagen des Schwertkampfes und der Magie, während gleichzeitig das kleine Dorf, in dem er lebt, von den imperialistischen Primaten bedroht wird. Der Anführer des Dorfes, der für ein paar Goldstücke seine Oma verkaufen würde, freilich keine besonders große Hilfe beim Widerstand gegen die Eroberer. Als schließlich die Kampfschule unter dem Vorwurf der Ausbildung von Terroristen geschlossen wird, schnappt Kay sich das Schwert seiner Vorfahren und macht rüber. Also, über den Palisadenzaun, der um das Dorf hochgezogen wurde, um die Einwohner festzuhalten. Und so beginnt sein einsamer Kampf gegen das Imperium, der ihn durchs ganze Land führt.

Dieser eigentlich ziemlich starke Start wird zurückgehalten von einem der schlimmsten Tutorial-Dörfer, die es je gab. Ernsthaft, nichts in der Welt kann euch auf diese gräsige Langsamkeit vorbereiten. Einerseits ist es ja löblich: Kämpfe, Quests, Items, Upgrades, Shopsystem, alles wird im Rahmen des ersten größeren Abschnitts erklärt. Aber das Pacing hier ist direkt aus der Videospielhölle und wird jeden Menschen, der in seinem Leben schon einmal einen Controller in der Hand hatte und damit mehr vollbracht hat als sich am Hintern zu kratzen, schlicht zu Tode langweilen. Was sich sicherlich damit erklären lässt, dass es 2005 erschien und eine jüngere Zielgruppe ansprechen wollte, aber entschuldgen nicht.

Der erste Bosskampf fällt noch recht zahm aus.
Der erste Bosskampf fällt noch recht zahm aus.

Eines sollte ich direkt vorausschicken: Legend of Kay verfügt über seltsame Eigenschaft, trotz des simplen Action-RPG-Kampfsystems, ansprechbaren NPCs, minimalem Backtracking und optionalen Quests strikt in Level eingeteilt zu sein. Keine offene Welt, sondern mehrere offene Welten mit jeweils überschaubarem Umfang. Dafür aber gern mal mit abruptem Ende. Und da ist es wie im exklusiven Nachtclub: wer einmal rausgeflogen ist, kommt so schnell nicht mehr rein. Es ist schon etwas ärgerlich, wenn man auf der Suche nach einem Questgegenstand durch die Pampa streift, um dann versehentlich das beizeiten nur allzu unauffällige Tor zum nächsten Abschnit zu durchschreiten. Glückwunsch! Level geschafft! Yeah! … was? Wie, Quest nicht beendet? Mir doch egal! Kannste vergessen. Autsch.

Der Umfang ist ordentlich. Wer nur durchrennt, wird seine zehn bis fünfzehn Stunden beschäftigt sein, ausgefuchste Komplettierer können gerne nochmal mindestens fünf Stunden (tendenziell mehr) drauflegen, was für ein schlicht gehaltenes Action-Adventure bei weitem nicht die schlechteste Bilanz ist. Die Nebenaufgaben sind mal mehr, mal weniger gelungen und fügen sich gut ins Gesamtbild ein, wobei abgesehen von den üblichen Verdächtigen (Rennen, Fetchquests, Kämpfe) nicht viel los ist. Das Platforming macht Spaß, erreicht aber weder in Sachen Steuerung  nie ganz die Finesse der Jump’n’Run-Kollegen.

So. Das war 2005. Jetzt springen wir ins Heute.

Das Combo-System sorgt für die nötige Abwechslung. Manchmal.
Das Combo-System sorgt für die nötige Abwechslung. Manchmal.

HD-Port mit ohne alles

Die HD-Version kommt mit einigen grafischen Updates daher, die hauptsächlich Charaktermodelle und Lichteffekte betreffen. Umgebungstexturen, Effekte und Sound blieben hingegen mehr oder minder unangetastet. Das Ergebnis dieses Liftings ist, dass das Spiel insgesamt einen Tacken hübscher aussieht als in der Originalfassung, aber dank Bloom-Overflow und geringer Dynamik der Spielumgebung (bis auf den Protagonisten und eventuelle Gegner bewegt sich auf dem Bildschirm im Schnitt nicht allzu viel) insgesamt etwas steril wirkt. Das kann man sich mit Abstrichen in etwa so vorstellen wie den Unterschied zwischen The Wind Waker und The Wind Waker HD. Oder wie ein verhältnismäßig solides Indie-Spiel auf Steam. Vermutlich gut gemeint, aber etwas halbherzig und leblos.

Die weiteren Änderungen erschöpfen sich darin, das es keine gibt. Das Spiel ist ein 1:1-Port des Originals, ohne neue Features oder Inhalte. Was etwas enttäuschend ist, wenn man bedenkt, dass es sich hier um die Fassung zum Zehnjährigen handelt. Und es ist ja nicht so, dass Legend of Kay im Original ein fehlerloses Spiel war. Man hätte sich etwa um die zickige Kamera kümmern oder die Ausgabequalität der Dialoge etwas aufpolieren respektive womöglich sogar neu aufnehmen können. Oder aus den Zwischensequenzen, die meist lediglich aus aneinander gereihtem Concept Art bestehen (womöglich im Bemühen, Sly Cooper zu imitieren), tatsächliche Zwischensequenzen machen, die diesen Namen auch verdient haben. Von einer Verfeinerung des funktionalen, aber hakeligen Kampfsystems mal ganz zu schweigen. Wurde für Leute, die das Spiel mehr als einmal in ihrem Leben spielen wollen, über einen Skip-Button nachgedacht? All diese Gelegenheiten wurden versäumt.

Legend of Kay ist kein Superhit, aber auch kein Reinfall, sondern ein solides Action-Adventure für alle Altersgruppen mit kleinen Problemen und guten Ideen. Problem ist nur: das war es auch schon 2005. Die Anniversary Edition nimmt nichts weg, trägt aber abgesehen von einer geringfügigen optischen Frischzellenkur auch nichts Neues bei.


Vielen Dank an Nordic Games für die freundliche Bereitstellung des Testmusters!

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