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Testbericht: FAST Racing Neo – Mit Bleifuß in die Zukunft

Bereits seit der Vorstellung von FAST Racing Neo auf der E3 (und das nicht etwa im Rahmen von Nintendos etwas dröger Hauptshow, die ein solches Highlight ganz gut vertragen hätte, sondern gut versteckt im Treehouse-Livestream) waren wir, also vor allem Christian und ich, gespannt wie die Flitzebögen. Shin’nen Multimedia, ein kleines deutsches Entwicklerteam aus dem Münchener Raum, hat hier scheinbar mühelos eine arcadige Future-Racer-Bombe hochgehen lassen, die sich kein Wii-U-Besitzer entgehen lassen sollte. Nicht nur einer der besten Indie-Releases des Jahres, sondern auch ein wohltuender Lichtblick in der generell etwas kargen Rennspiellandschaft (siehe hierzu auch unser Review zum aktuellen Need for Speed).

Pfeilschnell und schnörkellos: hier wird nach alter Schule gerast.
Pfeilschnell und schnörkellos: hier wird nach alter Schule gerast.

Im Anfang war das Adrenalin

Schon als ich einigermaßen unvorbereitet und mit breitem Grinsen in den Cobalt-Cup der Subsonic League startete, also klar formuliert in das einfachste Rennen des Singleplayers, war ich bereits hin und weg. FAST Racing Neo wummst einem mit konstanten 60 FPS um die Ohren und macht die Geschwindigkeit von Anfang an spürbar. Und obwohl ich unter einigem Schwitzen und Bangen bereits im ersten Anlauf den Goldpokal holen konnte und mein innerer Captain Falcon mir dabei wohlwollend den Kopf tätschelte (Ist wie Fahrrad fahren, mein Sohn! Verlernt man nicht!), war mir klar, dass es in den anderen Cups nicht so reibungslos laufen würde. FRN tüdelt nicht lange herum und verzeiht kleine Fehler nur gerade so, grobe Schnitzer hingegen überhaupt nicht. Wer einmal neben der Strecke gelandet ist, hat es schwer, sich wieder an die Spitze zu setzen. Das mag eingangs etwas harsch erscheinen, doch man gewöhnt sich schon nach einigen Versuchen daran, hier nichts geschenkt zu bekommen.

Während die ästhetische Inspiration angesichts der glatten und schnörkellosen Sci-Fi-Optik eher bei WipeOut liegt, ist das Gameplay mit Fokus auf Boosts und Strafing, kombiniert mit der Abwesenheit von Waffen, klar von F-Zero inspiriert. FAST Racing Neo bietet eine variantenreiche Auswahl verschiedener Boliden, die sich im Handling allesamt angenehm voneinander abheben. Die Die Fahrzeuge geben dabei extrem gutes Feedback und steuern sich einwandfrei. Ich konnte zwar bislang noch keinen absoluten Favoriten ausmachen, aber immerhin gibt es auch keinen Boliden, den ich als kaum kontrollierbar empfinde. Handling und Gewicht fühlen sich exakt so an, wie man es von solchen Flitzern erwarten würde.

Die Gegner-KI agiert knallhart.
Die Gegner-KI agiert knallhart.

Color-Coded For Your Inconvenience

Als wäre es nicht schon erfüllend genug, dass es sich bei FAST Racing Neo quasi um den ersten richtig knackigen Future-Racer seit WipeOut HD handelt (oder wahlweise seit F-Zero GX), bringt das Spiel noch seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich.

Der generelle Spielfortschritt ist dabei genretypisch linear angelegt, motiviert aber gleichzeitig auch. Ein Cup folgt auf den nächsten und wenn man alle bewältigt hat, steht die nächste (merklich schnellere) Liga an. Die KI ist dabei bereits von Anfang an recht aggressiv und präzise unterwegs, kommt aber zum Glück ohne extremes Rubberbanding aus (danke! danke!) und fährt auch ansonsten sehr fair. Wer tatsächlich alle vier Cups für sich entscheiden sollte, der schaltet zusätzlich den Hero Mode frei. Hier lässt das Spiel dann alle Hüllen fallen, spiegelt die Strecken und erklärt das Boost-Meter gleichzeitig zum Lebensbalken, sodass waghalsige Beschleunigungsmanöver, die man vorher einigermaßen risikofrei aus der Kiste holen konnte, schnell zum unkalkulierbaren Risiko werden. Selbst Genre-Veteranen werden hier ihre liebe Mühe haben.

Aber da endet der Content, den FAST Racing Neo bereit hält, natürlich noch nicht. Denn Shin’nen haben auch an die Mehrspielerfreunde gedacht und, eventuell befallen vom göttlichen Funken des Videospieldesigns, neben dem heutzutage üblichen Online-Modus doch glatt einen lokalen Multiplayer (!) mit verdammtem Splitscreen (!!!) integriert. Ich neige ja selten zu Enthusiasmus, aber ernsthaft, wie GUT ist das bitte? In Kombination mit dem breiten Peripherie-Support (vom Pro Controller bis hin zum Wii-Lenkrad unterstützt das Spiel alles, vielleicht kann man es auch mit einer Banane steuern, würde mich nicht überraschen) ergibt das ein ideales Rezept für gesellige Abende mit Freunden oder wenigstens Bekannten, die eigentlich nur wegen der selbst gebackenen Pizza gekommen sind, aber jetzt noch vier Stunden lang für EXTREME FUTURE RACING bleiben müssen (so organisiere ich ja immer Partys und es klappt prima).

Online- UND lokaler Multiplayer: dass man das noch erleben darf.
Online- UND lokaler Multiplayer: dass man das noch erleben darf.

Minimale Mängel

awardGibt es überhaupt berechtigte Kritik an FAST Racing Neo? Kaum. Das Team wusste genau, was es erschaffen wollte und hat die Sache knallhart durchgezogen. Was man allerdings tatsächlich anbringen könnte, wäre der Mangel an individuellem Charme. Es gibt keine urigen Fahrer, die man mögen oder nicht mögen könnte, lediglich anonyme Fahrzeuge. Und auch die Strecken weisen, obwohl sie abwechslungsreich gestaltet sind, keine ikonischen Elemente auf, an die man sich noch lange nach dem Spielen erinnern würde. Auch der Soundtrack mag, obwohl exzellent aufs Geschehen abgestimmt, nicht so recht hängen bleiben.

Allerdings ist das, im Vergleich zu den vielen hervorstechenden Qualitäten, im Endeffekt Erbsenzählerei. Wir haben es hier schließlich mit einem Titel zu tun, der zu einem vertretbaren eShop-Preis auf AAA-Level operiert und ein komplettes Rennspiel-Erlebnis ohne Wenn und Aber bietet. Man muss Shin’nen wirklich dankbar dafür sein, dass sie sich aufs Wesentliche konzentriert und keine Zeit mit unnötigen Gimmicks, Modi und sonstigen Elementen vertan haben, die nicht zum beabsichtigten Kernerlebnis zählen. Wenn alle Studios so gewissenhaft arbeiten würden, hätte die Branche ein paar Ärgernisse weniger und wäre um ein paar Top-Titel reicher.


Vielen Dank an Shin’en Multimedia für die freundliche Bereitstellung des Testmusters!

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