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PS3 Tests

Testbericht: Enemy Front (PS3)

Hach ja, die Konsolen der frühen 2000er. Zwischen Skateboardspielen mit frech-pseudoanarchistischen Soundtracks und ebenso kecken Open-World-Rennspielen voller virtueller Hipster die sich tunlichst als „Underground“ bezeichnen taten sich gerade im Actionspiele-Sektor zwei große Giganten hervor: Das eine wären die Open-World-Actionspiele, die gerade heutzutage eine Blütezeit erleben und die Militär-Shooter.

Beide Genres sind bis heute auf Konsolen und PCs außerordentlich populär, doch gerade bei letzterem hat sich eines geändert: Das Setting. Die Militärshooter der Jahrtausendwende trauten sich damals noch nicht, pseudorealistische, pseudomoderne Kriege zu inszenieren, die in der heutigen Zeit spielen. Stattdessen übertrumpfte man sich beinahe monatlich mit immer neuen Inszenierungen des dunkelsten Kapitels der Menschheitsgeschichte. Der zweite Weltkrieg war der dominante Kolorit der Konsolenshooter und ist Ursprung bekannter Reihen wie Medal of Honor, Call of Duty und Battlefield, die allesamt auf moderne Settings umgestiegen sind, mit unterschiedlichem Erfolg.

Da wundert es einen, dass das einschlägig für minderwertige bis durchschnittliche Ballerspiele bekannte Entwicklerstudio City Interactive (beziehungsweise CI Games) sich eben wieder auf das „Good-Guys-vs.-Nazis“-Thema besinnt und einen Weltkriegsshooter herausbringt. Und überraschenderweise macht „Enemy Front“ dabei einen relativ guten Job.

Keine Luftsprünge, nur Luftköpfe

gaming_enemy_front_screenshot_4Dieser „gute Job“ findet sich jedoch leider nicht in der Story wieder. Diese ist nämlich, dafür dass es sich um einen relativ storybasierten Shooter handelt, äußerst dünn, schwach, und ziemlich klischeehaltig. Als Robert Hawkins, einem eingebetteten Kriegsjournalisten, durchlebt man den brutalen Kampf der polnischen Widerstandsbewegung gegen die eingefallenen Nazitruppen in Warschau. Obwohl man eigentlich ja nur „Kriegsbeobachter“ ist, wird Hawkins schnell zum Kopf der Bewegung und motiviert die Bürger von Warschau durch Radioansagen zum Widerstand. Die Rebellenbewegung versteckt sich – passenderweise – im Untergrund, den Kanalisitionssystemen von Warschau.

In einigen Rückblenden verschlägt es uns jedoch in Hawkins Anfangszeit als Reporter im Krisengebiet. Etwa ein bis zwei Jahre vor den Ereignissen in „Enemy Fronts“ Hauptgeschichte ist Hawkins mit einem Fotografen in Frankreich unterwegs und muss sich dort durch an etlichen Wehrmacht-Soldaten vorbeikämpfen und diverse Bürger retten und beschützen.

So interessant der Gedanke mit den unterschiedlichen Zeitsprüngen ist, so flach sind die Charaktere. Im Warschauer Kanalgrund treffen wir zwar auf diverse andere NPCs, deren individuellen Persönlichkeiten sind jedoch nur schwache Zerrbilder und lassen tiefe, kreative Charaktereigenschaften vermissen. Man hat da diesen einen Anführer, dann diesen einen ängstlichen Kerl, den Typen der die Waffen liefert und ’ne Frau ist auch dabei. In einer der ersten Missionen rettet man einen Priester. Was der macht? Tja, der priestert halt. Wir wissen nicht einmal warum wir diesen Mann retten müssen, geschweige denn wer sein Entführer genau ist. Denn auch die Gegner sind in „Enemy Front“ auch nur ein Abbild aller Gegner in Shootern. Gewissenlose, blutrünstige Muskelbrocken in identischen Uniformen, die blind auf uns zustürmen. Man erlebt keinerlei Momente, in denen hinterfragt wird, auf wen wir eigentlich schießen. Wie viele Shooter verpasst auch dieser die Möglichkeit zu klären, dass man eben nicht auf Leute schießt, die alle für die kranke Ideologie der Nazis kämpfen. Wehrmachtssoldaten waren nicht immer glühende Anhänger Hitlers. Viele starben, weil sie ihr Land und ihre Familie beschützen wollten, einige starben aus dem damals noch tief verwurzelten Nationalstolz und Kriegspatriotismus, andere starben, weil sie in den Krieg hineingezwungen wurden. In Enemy Front gilt aber wie so oft: DAS ist der Feind, DEN musst du abknallen, denn ER hat keine Identität außer: Böser Nazimann. Alles böser Nazimann.  Insgesamt erfindet Enemy Front zumindest im Storytelling das Rad nicht neu, sondern beschreitet allzu flache, ausgetrampelte Pfade und Ideen. Auch der Protagonist bleibt blass, was mitunter auch an der allgemein miesen deutschen Synchronisation liegt.

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Liebevoll, aber leider nicht perfekt

Der Rest des Spiels macht aber dafür einen soliden, aber leider nicht rundum perfekten Eindruck. So zeigt sich, dass City Interactive es verstanden hat, die CryEngine optimal auszunutzen und ein außerordentlich gutes Shooter-Erlebnis fabriziert hat.
Die Kulissen in Warschau und im ländlichen Frankreich sind allesamt sehr farbenfroh und vor allem abwechslungsreich gestaltet. So hebt sich Enemy Front klar vom dominierenden braun-grau aktueller Shooter ab. Selbst das ironische und beinahe satirische Wolfenstein setzt auf eine relativ konservative, düstere, dröge Farbpalette. Die Gebiete in Enemy Front sind dafür jedoch sehr abwechslungsreich gestaltet und zeigen vor allem, dass an den besuchten Orten mal Leben herrschte, wo jetzt Nazigeneräle campieren und Zivilisten erschießen. Die Sonne scheint spöttisch, Blumenfelder blühen rücksichtslos und nebenbei explodiert und raucht alles. Selbst für eine eher abgeschwächte Konsolenfassung sieht Enemy Front noch gut aus und baut eine gewisse Atmosphäre und Glaubwürdigkeit auf, die in vielen heutigen Shootern fehlt. Einzige Mäkel sind Flimmereffekte an Kanten und die allgemein recht seltsame und fehlerhafte Darstellung der Vegetation auf Distanz. Hier hätte etwas nachgebessert werden können.

Enemy_Front_PCGH_01-pcghDas Gameplay setzt wie die meisten Shooter der Post-CoD-Ära auf Ironsights, schafft es aber dennoch, das Waffenverhalten der einzelnen Wummen rüberzubringen. Es ist ein nachvollziehbarer Rückstoß erkennbar, und stationäre MGs lassen sich um 360 Grad drehen, sodass man diese öfter und sinnvoller einsetzen kann. Während des Kampfes kann man zwei Primärwaffen nach Wahl und eine Pistole einsetzen. Hierbei gibt es jedoch kaum Überraschungen. Jede Waffe ist Standard-Weltkriegsmaterial, wird aber dafür sehr authentisch dargestellt. Jede Knarre hat ihre eigenen Ladeanimationen, die davon abhängig ist, wieviel Munition noch im Magazin verblieben ist. Dies lässt das Arsenal noch glaubwürdiger wirken. Zusätzlich kann man während der Missionen auch auf Granaten und Sprengsätze zurückgreifen. Während die Stielgranaten wie in jedem anderen Shooter funktionieren, kann man die Sprengsätze entweder per Zeitzünder, Fernauslöser oder per gezieltem Schuss hochgehen lassen. Dies ist aber nur an wenigen, bestimmten Stellen nötig und möglich. Zudem kann man mit dem Feldfernglas die Gegner ausspionieren und so Ausrüstungen und besondere Waffen markieren, bevor man sich in den Kampf stürzt, und mit geworfenen Steinen und Flaschen Gegner ablenken.

Dies kommt einer weiteren, sehr solide umgesetzten Mechanik des Spiels entgegen: Enemy Front verfügt über ein außerordentlich gutes Schleichsystem, das aber zu oft wegen einer zu schwachen KI zu einfach wird. Mit einem einfachen Druck auf die „Ducken“-Taste kann man sich von hinten an Gegner anschleichen und sie lautlos erledigen. Ein Halbkreis über der Minimap in der linken unteren Ecke zeigt dabei je nach Färbung an, ob die Kontrahenten über den drohenden Angriff bescheid wissen oder noch im unklaren darüber sind, dass ein Amerikaner hinterm Busch hockt.

Enemy FrontWährend die Warschau-Level sehr schlauchig und eng sind, sind insbesondere die Ausflüge nach Frankreich außerordentlich lang und immersiv. Oft trifft man auf große, offene Areale die man durchschleichen und auf mehreren Wegen durchqueren kann und viele Missionen sind erfreulich lang und bieten zahlreiche versteckte Waffen, Munitionskisten und Nebenaufgaben. Mal können wir gerade so die Erschießung eines arglosen Bürgers verhindern, ein anderes Mal retten wir eine Gruppe Widerstandskämpfer vor einfallenden Feinden. Diese Aufgaben liegen dabei nicht immer offensichtlich „auf dem Weg“, sondern fallen uns erst vor die Füße, wenn wir uns etwas genauer in den einzelnen Abschnitten umsehen. Dies verleiht dem Spiel deutliche Tiefe, etwas, was man gerade nach dem eher mäßigen „Alien Rage“ von City Interactive nicht erwartet hätte.

Insgesamt ist die KI und Vielfalt der Gegner jedoch mäßig. Wenn wir entdeckt werden, werden zwar nur die Gegner im realistischen Umkreis alarmiert, und ab und an versuchen uns sogar einige kleine Gegnertrupps zu flankieren, doch oft springen „ze Germans“ blind aus der Deckung und rennen dümmlich in irgendwelche Hindernisse oder unser Feuer. Allgemein agieren sie dabei aber deutlich schlauer als beispielsweise in CoD oder in der Battlefield-Kampagne. Das ganze Spielgeschehen wird dabei von einem guten, aufrüttelnden Soundtrack und einer sehr guten Klangkulisse untermalt. Genau so müssen Shooter klingen!

Der Multiplayermodus ist hingegen frei von Überraschungen und kaum der Rede wert. Deathmatch und Conquest-Modi sind standardmäßig vorhanden. Am Anfang wählt man den Charakter-Skin und die Ausrüstung und stürzt sich dann in die Schlacht. Erfreulich: Die Entwickler verzichten auf ein aufgesetztes, künstlich bindendes Levelsystem.


Vielen Dank an Deep Silver für die freundliche Bereitstellung des Testmusters!

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