Image default
Reviews Wii U

Testbericht: EarthBound Beginnings

Direkt zu Beginn der E3 kündigte Nintendo mal so ganz nebenbei an, dass Mother, folgerichtig das Prequel zu Mother 2 (gemeinhin bekannt als EarthBound AKA „Was? Der kleine Junge aus Smash Bros. hat ein eigenes Spiel!?“), nach immerhin nur 26 Jahren einen offiziellen West-Release spendiert bekommt. Hurra! Vorbei die Zeit der Fan-Übersetzungen und dubioser Internetquellen. Gerade für uns Europäer, die bis 2013 überhaupt keine Möglichkeit hatten, auch nur irgendeinen Teil der Reihe regulär zu erwerben, ist dieser plötzliche Release-Segen also erstmal positiv zu verzeichnen. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist natürlich: Kann ein NES-Rollenspiel heute noch begeistern? Ich habe mich abenteuerlustig mit dem WiiU-Gamepad ins Bett gekuschelt und dem Titel mein Wochenende gewidmet, um auf diese Frage eine angemessene Antwort zu finden.

Der bescheidene RPG-Start: das eigene Haus.

Die neue Seltsamkeit

Mother wurde von Nintendo in Zusammenarbeit mit Shigesato Itois Firma Ape (später Creatures Inc.) entwickelt. Es entstand aus einem eher zufälligen Pitch von Itoi, der das Konzept damals Shigeru Miyamoto präsentierte und damit zunächst auf Zweifel stieß. Schließlich hatte er nichts mit Game Design zu tun, sondern war in seinem Heimatland vor allem als Essayist und Texter für die Werbeindustrie bekannt. Es bedurfte also einigen Hin und Hers, bis er dann am Ende doch ein kleines Team zur Verfügung gestellt bekam. Die Production Values, sofern dieser Begriff für die NES-Ära überhaupt schon anwendbar ist, waren also eher überschaubar und es war im Vergleich zu den großen Marken kein Projekt von hoher Priorität. Daher ist es eigentlich schon umso erstaunlicher, dass sich aus diesen zarten Anfängen ein überraschend funktionales und intuitives RPG gemausert hat, dessen Charme den Spieler von Beginn an gefangen nimmt.

Die Geschichte dreht sich um Ninten, einen Jungen, der mit seiner Mutter und seiner Schwester in einer bizarr verfremdeten Version von Amerika wohnt, passenderweise in der Nähe einer Stadt namens Podunk. Als er eines Tages Opfer eines paranormalen Vorfalls wird (genauer gesagt greift ihn seine Lieblingslampe an) und einen Anruf seines Vaters erhält, der ihm von den PSI-Studien seines Urgroßvaters und der anstehenden Bedrohung durch eine außerirdische Invasion erzählt, macht sich Ninten umgehend auf, um die Vorfälle zu untersuchen und gegebenenfalls die Welt zu retten. Wie eben jeder normale Junge auf diese Situation reagieren würde.

Viel weiter möchte ich auch gar nicht vorgreifen. Schon die ersten zehn Minuten Spielzeit etablieren einen starken Kontrast zwischen heimeligem Wohlfühl und bizarrer Seltsamkeit, die später zum Markenzeichen der Reihe werden sollte. Geschichte, Charaktere und Dialoge sind für einen Titel dieser Zeit relativ gut ausgearbeitet. Zwar nicht besonders tiefgehend, aber dennoch distinktiv genug, um Eindruck zu hinterlassen. Das Spiel hält sich nicht allzu lange auf und wirft den Spieler direkt in die Welt, in der der mit NPCs quatschen, bestimmte Orte besuchen und dort Dinge erledigen muss. Dinge wie Gegner erledigen und Quest-Items einsacken. Dabei ist er nur anfangs allein, denn im Laufe des Spiels wächst die eigene Party auf bis zu vier Leute an. Dadurch verändert sich der Spielablauf nur minimal, aber immerhin laufen Kämpfe tendenziell schneller ab. Das ist auch bitter nötig.

Ein normaler Gegner zu Spielbeginn: der Hippie.

Plot, Grind, Plot, Grind

Das zentrale Problem, mit dem Beginnings konstant zu kämpfen hat, ist der Umstand, dass man konstant zu kämpfen hat. Die Encounter Rate ist, selbst wenn man archaischste RPG-Standards als Messlatte ansetzt, lächerlich hoch. Oft genug kommt man nicht einmal zwei Schritte vorwärts, bevor es wieder in den Kampfbildschirm geht. Das ist zwar lästig, aber immerhin noch okay, wenn es sich um einen Angriff harmloser Gegner handelt. Aber unbewusst in einen neuen Oberwelt-Abschnitt zu stolpern und plötzlich ununterbrochen von irre starken Feinden angegriffen zu werden führt dann doch deutlich schneller zum Bildschirmtod, als es einem lieb ist. Gelegentlich kann es zwar auch passieren, dass man ein gutes Stück vorwärts kommt, ohne unterbrochen zu werden, aber darauf wetten würde ich nicht. Addiert man dies zu dem Umstand, dass Mother generell ein eher gemächliches Spieltempo an den Tag legt, dann – tja.

Das Spiel ist dabei weder besonders taktisch noch mechanisch anspruchsvoll, da das Kampfsystem über die gesamte Spieldauer hinweg relativ simpel bleibt. Dennoch war ich selten dankbarer für die Savestate-Option der Virtual Console, denn sich bis zu einem der kargen manuellen Speicherpunkte durchzukämpfen kann selbst in den weniger gefährlichen Gegenden der Oberwelt in einen echten Gewaltmarsch ausarten. Vorwärtskommen als Luxus. Man kämpft sich zähneknirschend durch, einfach um zu erleben, was in der Geschichte als nächstes passiert. Das ist ein besonders ärgerlicher Mangel, denn es ist abgesehen vom Umstand, dass Beginnings nicht unbedingt gnädig gealtert ist, so ziemlich der einzige.

Die abwechslungsreiche Oberwelt ist überraschend groß.

Zweischneidiges Schwert Retro-Trip

Es kursiert im Internet gemeinhin die Empfehlung: wer einen Mother-Titel spielen will, sollte lieber direkt zum Nachfolger EarthBound greifen, da dort dieselben (und viele weitere) Ideen eine ganze Ecke besser umgesetzt wurden, nicht zuletzt auch dank des Sprungs auf 16 Bit. Und ich muss sagen, es gibt tatsächlich sehr wenig, was dagegen spricht. Die Geschichte ist für sich genommen interessant, gut erklärt und wartet sogar mit einigen Überraschungen auf. Das macht Beginnings speziell für alle, die tiefer in das Franchise eintauchen möchten, zur einer guten Wahl. Aber als Einstieg ist es, je nachdem, wie hartgesotten man bezüglich antiker Videospielkonventionen ist, nur sehr bedingt geeignet.

Bei Wiederöffentlichungen hadere ich immer etwas mit der abschließenden Bewertung. Einem NES-Spiel einen aus heutiger Sicht angemessenen Score zu geben, ist vermutlich nicht besonders fair, obgleich unsere kollektiven Retro-Sensibilities in den letzten Jahren ja wieder ziemlich regelmäßig stimuliert werden. Es hat große Problem mit der Balance der Zufallskämpfe und dementsprechend dem Schwierigkeitsgrad, was regelmäßiges Herumstreunen zum Zwecke eines Level-Ups unausweichlich macht. Auf der anderen Seite hat man die Möglichkeit, in eine seinerzeit so noch nie dagewesene RPG-Welt einzutauchen, die viele Überraschungen und so manch verborgenes Detail bietet. Ob sich die Reise lohnt, muss letztlich jeder selbst entscheiden. Ich für meinen Teil habe sie nicht bereut.

Related posts

(Video-) Vorschau: Captain Toad: Treasure Tracker

Nature225

Testbericht: Torment: Tides of Numenera – Auf dem Weg zur Selbstfindung

Lars Schulze

Review: Risen 2: Dark Waters

Tim Rozenski