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Telespielkolleg #04: Spy Fiction

DAS TELESPIELKOLLEG™ ist eine vierzehntägliche Kolumne von und mit Matthias Gramann, in der ebenjener querbeet ausgesuchte Einzelfälle der elektronischen Unterhaltung bespricht. Unabhängig von Plattform, Veröffentlichungsjahr und Genre wird hier alles aufgetischt, was er im Laufe seiner steilen Videospielkarriere in die Finger bekommen hat – und noch viel mehr.

Die vierte Ausgabe beschäftigt sich mit dem PS2-Titel Spy Fiction, skurrilen Plottwists, Geschichten aus dem Müll und dem schwierigen Verhältnis des Autors zum Stealth-Genre.

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Anlässlich der frohen Botschaft, dass das vorzügliche D4: Dark Dreams Don’t Die bald auch auf dem PC spielbar sein wird, habe ich all meine ursprünglichen Pläne für das neue Telespielkolleg über den Haufen geworfen (eigentlich ging es um Piraten!), sie auf die nächste Ausgabe verschoben und mir für diese Woche stattdessen einen Titel herausgepickt, der dem kreativen Erbe von Hidetaka ‚Swery65‘ Suehiro in angemessener Art und Weise Tribut zollt.

Nein, nicht Deadly Premonition.

Darüber könnte man zwar auch ganze Pamphlete verfassen, aber das wäre a) nicht besonders originell und folgerichtig b) viel zu einfach. Ich komme allerdings nicht umhin zu erwähnen, dass ich den kruden Kultklassiker bei der Planung dieser Rubrik irgendwo auf meiner Liste hatte. Vielleicht werde ich das eines Tages nachholen, denn bei aller Zuneigung haften dem Titel nach wie vor viele falsche oder wenigstens unglückliche Etiketten an (first but not least „so bad it’s good“), über die zu diskutieren sich in jedem Fall lohnen würde. Das soll allerdings heute nicht unsere Sorge sein. Denn wir begeben uns in die spannende Welt der verdeckten Operationen, in denen Unauffälligkeit nicht nur die halbe, sondern die ganze Miete und selten ein Auftrag so simpel ist, wie er zunächst erscheint. Wir begeben uns in eine Welt, in der Männer wie Solid Snake, Ethan Hunt oder John McClane keine Chance haben gegen unsere Geheimagenten aus Stahl (überraschenderweise nicht die zu Unrecht vergessene Konkurrenzserie von Ein Colt für alle Fälle) Wir erfahren außerdem alles über den Arm von Al Pacino, treffen Revolver Notcelot und stellen das Ende von Die Harder nach, um es anschließend auf YouTube hochzuladen und auf mindestens 35.000 Views zu hoffen. Warum auch nicht? In Spy Fiction ist alles möglich. Party like it’s 2003.

SF11 SF12

Beworben wurde Spy Fiction als „stealth action inspired by genre-defined espionage classics“. Oder wäre zumindest so beworben worden, hätte Sega Europe es für nötig gehalten, irgendwelche Werbung dafür zu schalten. Fakt ist aber, dass diese Definition den Nagel auf den Kopf trifft. Das Spiel wirkt über weite Strecken wie eine verhältnismäßig schamlose Metal-Gear-Pastiche und lässt dabei kaum einen Plotpoint des Franchises aus. Billy Bishop und seine Kollegin Sheila, die für eine verdeckt operierende Regierungseinheit namens PHANTOM arbeiten, bekommen eingangs den Auftrag, das altehrwürdige Wolfgang Castle irgendwo in den Bergen Österreichs zu infiltrieren. Wer auf seiner letzten Europareise nicht dort war: es lohnt sich. Neben anderen treffen wir dort Dietrich Troy, den Liquid Snake von Spy Fiction, mit fürchterlichem deutschen Akzent als Bonus. Und seinen Boss Tony Montana. Es wird ein bisschen geschossen und prompt sind wir dank Rewind-Taste ein paar Wochen zurück gereist, denn das Tutorial ist jetzt zuende. Den Rest des Plots verbringen wir damit herauszufinden, wie wir überhaupt in diese Situation geraten konnten. Und wer diese Leute sind. Und ja, es gibt irgendwo tatsächlich einen Kalauer der Marke Phantom Pain. Was 2015 amüsanter ist denn je. Habe ich übrigens schon die 13-jährige Super-Wissenschaftlerin erwähnt, die innerhalb kürzester Zeit ein Gegenmittel gegen einen unaufhaltsamen Killervirus entwickelt? Nein? Dann habe ich es jetzt.

SF7 SF10

Das grundlegende Gameplay beinhaltet nichts, was man nicht schon beim großen Vorbild oder in anderen Videospielen gesehen hätte. Wer die Aufmerksamkeit der Wachen erregt, muss sich verstecken und warten, bis der Alarm wieder abgeklungen ist. Oder kann wild losballern, was in einem Stealth-Titel freilich nicht als optimale Lösung angepriesen wird. Gerade die erste Spielhälfte bietet überwiegend nonlineare Level, aber stets auch eine vorgegebene Hauptmission. Gehe zu A, finde B, schalte C aus. Man kennt das. Gelegentlich werden auch verschiedene Wege oder Strategien angeboten, wobei nicht zuletzt die überschaubare KI der feindlichen Soldaten dafür sorgt, dass einigermaßen versierte Spieler mit den Spielvorgaben zu keinem Zeitpunkt überfordert sein dürften. Es spielt sich in seinen eher unspektakulären Momenten eher wie ein chinesisches Billigimitat von Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty.

Was Spy Fiction von der Konkurrenz abhebt, ist seine einzigartige Tarnmechanik. Billy und Sheila können andere Charaktere per Hightech-Kamera fotografieren und so ihr Erscheinungsbild anpassen. Müsst ihr also eine abgeriegelte Zone betreten, knipst ihr einfach einen hochrangigen Offizier und zieht euch in einem nahe gelegenen Schrank (oder Müllcontainer) um. Schon seid ihr jemand anderes und habt Zugang zu vorher versperrten Besonders findige Spieler achten darauf, nicht nur die Kleidung, sondern auch das Gesicht auf Geheimagenten-Polaroid einzufangen, um die Maskerade perfekt zu machen. Spätere Abschnitte legen Wert darauf, nicht nur das Aussehen, sondern auch die Stimme passt. Da Spy Fiction den Spieler ohnehin dazu erzieht, Gesprächen zu lauschen, um an Informationen zu gelangen (denn passenderweise unterhalten sich alle NPCs stets nur über das aktuelle Missionsziel), fügt sich dieses Feature relativ angenehm in den Spielfluss ein.

Leider kann ein getarnter Agent von keinem seiner Gadgets oder überhaupt irgendeiner gewöhnlichen menschlichen Fähigkeit Gebrauch machen, because reasons. Das schadet bisweilen dem Spielfluss, etwa wenn man eine gute Verkleidung abstreifen muss, nur um über ein Hindernis zu springen. Der berüchtigte Insurmountable Waist Height Fence in Bestform.

SF3 SF13

Was Spy Fiction ebenfalls von der Konkurrenz abhebt, aber nicht zwangsläufig als Pluspunkt durchgeht, ist seine Story. Die ist zwar gut gemeint und hat sogar interessante Ansätze, leidet aber am eher unglücklichen Pacing, ein paar müden Klischees und und vor allem zum Ende hin an Twists, die richtig krass und möglicherweise sehr gut wären, kämen sie nicht eiskalt aus dem Nichts. Das gilt insbesondere für unseren zweiten Hauptcharakter Sheila, denn während Billy am Ende des Spiels zwangsläufig eine Hintergrundstory serviert bekommt, wird ihre bestenfalls angedeutet, wenn man den finalen Bosskampf mit ihr bestreitet. Und wenn man mich fragt, klingt die sogar viel interessanter als das, was uns das Spiel als eigentlichen Plot verkaufen will.

Spy Fiction ist übrigens eines dieser Spiele, die mit einem True Ending locken. Das bekommt man a) wenn man sehr akribisch spielt oder b) nach einem zweiten Durchgang gratis, was ich sogar als ziemlich gut und fair empfinde. In dieser geheimen Bonusmission lagert ein großer Batzen der bereits erwähnten Twists, kombiniert mit der absoluten Definition eines antiklimatischen Bosskampfes. Okay, man darf ein Flugzeug in die Luft jagen, und PHANTOMs Catchphrase klingt zum ersten und letzten Mal nicht cheesy, sondern wirklich cool. Aber das war’s dann auch. Vielleicht ist es ja auch ein Omen, dass man sich einen guten Teil des Hintergrundplots aus Notizen zusammenstückeln muss, die man im Müll findet. Das Spiel nennt es Garbology, ich nenne es Exposition Dump.

Am meisten leid tut es mir um die Charaktere. Denn die, wenn auch prinzipiell nicht uninteressant, werden durch die eher unfreiwillige B-Movie-Situation und die gelegentlich solide, größtenteils aber vor Camp und Timingproblemen strotzende Voiceover-Arbeit zu Wegwerffiguren, die sich gelegentlich vielleicht wünschen, stattdessen in Hideo Kojimas Händen zu sein. Dort würden sie zwar vermutlich weitaus längere, dafür aber auch interessantere Dialoge führen. Und während die Protagonisten und Nebenfiguren noch einigermaßen realistisch gehalten sind, ist die bösartige Organisation ENIGMA ein Schaulaufen von Samstagmorgen-Cartoonbösewichten (Zitat: „YES! Blood… for ze SACRIFICE!“),

SF5 SF6

Wer mich hier über das Spiel reden hört (oder… schreiben liest?), wird sich eventuell denken: Wow, das klingt ja schon ziemlich mittelprächtig und nicht unbedingt nach etwas, das ich käuflich erwerben sollte. Warum also Spy Fiction? Ganz einfach. Weil es Swerys erste Arbeit als Writer war und somit der Anfang eines langen steinigen Weges. Vergleicht man es mit Deadly Premonition, dann wird schnell klar, wie viel fokussierter und unverkennbarer sein Stil zwischen den beiden Titeln geworden ist. Und vergleicht man diese beiden Titel wiederum mit D4, dann merkt man schnell, dass er noch einmal eine ganze Schippe draufgelegt hat und seinen kruden Ideen mittlerweile den Raum gibt, die sie brauchen, ohne dabei an Immersion einzubüßen oder in unfreiwillige Komik abzudriften. Auch die sukzessive technische Weiterentwicklung der Titel spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Da ist ein Auteur reinsten Wassers, was auch immer man von ihm halten mag, mit viel Leidenschaft und Herzblut bei der Sache. Das ist in der Videospielindustrie eine Seltenheit. Ich bin jedenfalls nicht nur gespannt auf die nächste Season mit David Young, sondern auch auf alle anderen zukünftigen Projekte, die er anpackt.

Ach ja, und eins noch: Im Teaser habe ich angekündigt, der Text behandele mein Verhältnis zu Stealth-Spielen. Und ich möchte ja nicht lügen. Sagen wir’s so: Ich kann in Bayonetta auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad Pure Platinum einsacken, aber ich bin in jedem einzelnen MGS-Tutorial mehrmals gestorben, egal ob Tanker oder Dschungel. Sogar die Forsaken Fortress in Zelda: The Wind Waker war im ersten Durchlauf ein kleiner Albtraum für mich. Ja, so ungeschickt und tapsig bin ich mit diesem Genre. Dass ich Spy Fiction überhaupt angefasst habe, ist schon eine Leistung für sich.

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Vielen Dank fürs Lesen! In zwei Wochen, sprich am 20. Mai, geht es weiter mit noch mehr knallhartem Bildungsfernsehen aus der weiten Welt der Telespiele. Bis dahin verbleibe ich mit den besten Wünschen und empfehle das sehr detaillierte und wunderbar moderierte Let’s Play von supergreatfriend. Für meine Begriffe einer der besten LPer überhaupt. Wer seinen Channel erkundet, wird dort auch entsprechende Playlists für Deadly Premonition und D4 finden. Solide Arbeit, das.

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