Image default
Tests Wii U

Testbericht: EarthBound (Virtual Console)

Wie auch kürzlich erst bei Metroid, Super Mario Bros. 2 oder Pacman wird es sich bei diesem Text eher um einen spezielleren, hintergründigeren Artikel als um eine bloße Produktkritik handeln, denn damit würde man EarthBound nicht gerecht werden. EarthBound hat den Status eines reinen Spieles bereits vor Jahren hinter sich gelassen und ist zu einem unvergleichlichen Phänomen geworden.

Shigesato Itoi: Universalgenie?!

Den Grundstein für dieses Phänomen hat Shigesato Itoi gelegt. Hierzulande dürfte dieser Name nur den wenigsten Menschen geläufig sein, in Japan jedoch genießt Itoi einen ziemlich prominenten Status. Man könnte ihn durchaus als einen Universalkünstler bezeichnen. Shigesato Itoi ist Werbetexter und Essayist, er schreibt Lyrics und heutzutage würde man ihn wohl durchaus auch als Blogger bezeichnen. Auf seiner Webseite „Hobo Nikkan Itoi Shinbun‟ („Almost Daily Itoi News‟) veröffentlicht er seit 1998 Beiträge, in denen er seine Sicht der Dinge darlegt oder beispielsweise Prominente interviewt. Auch im Filmbereich war er aktiv und hat an einer Produktion des renommierten Animationsstudio Ghibli mitgewirkt. In „Mein Nachbar Totoro‟ spielte er Tatsuo Kusakabe, den Vater der beiden kleinen Mädchen, Mei und Satsuki, die feststellen, dass die Natur von wohlgesonnenen magischen Wesen gehegt und gepflegt wird. Itois Rolle mag vielleicht keine große sein, dennoch ist der Film weiterhin einer der bekanntesten der Animationsschmiede. Und dass Totoro zum Wappentier von Studio Ghibli geworden ist, zeigt, welch nachhaltig hohen Stellenwert „Mein Nachbar Totoro‟ für Hayao Miyazaki und sein Team hat.earthbound_01

Gehen wir vom Film zum Fernsehen, denn Shigesato Itoi tritt auch gerne in TV-Sendungen auf und gibt dabei beispielsweise den Gastjuror in der Kochshow „Iron Chef‟. Außerdem hat er auch in Japan recht populäres Angelspiel entwickelt. Seine meist gefeierte Schöpfung ist und bleibt jedoch EarthBound. Dabei handelt es sich allerdings um den zweiten Teil einer inzwischen drei Teile umfassenden Videospielreihe. In Japan trägt diese den Titel „Mother‟, denn Itoi wollte einen Namen, der sich nicht auf Anhieb nach einem Videospiel anhört. Als Inspiration für diese ungewöhnliche Namensgebung diente der Song „Mother‟ von John Lennon.

Musik ist für Itoi offenbar von großer Bedeutung, was sich auch in den Mother-Spielen widerspiegelt. Hauptfigur von Mother 1 ist Ninten (subtil…), ein kleiner Junge mit besonderen psychischen Kräften, der gemeinsam mit anderen Kindern acht Melodien sammeln und sich am Mount Itoi (…) einem großen Übel stellen muss, welches die gesamte Welt bedroht. Begleitet wurde Mother in Japan von einer auch heute noch beeindruckenden Werbespotkampagne:

Gesungen wurde das Stück „8 Melodies‟ vom St. Paul’s Cathedral Choir. Der Kommentar aus dem Off verspricht laut englischen Videos „No crying until the end‟. Welches andere Spiel garantiert in seinem TV-Spot, dass man spätestens am Ende die Tränen nicht mehr halten kann? Sollen die Herren Lucas und Spielberg ruhig behaupten, Videospiele seien keine Kunst und könnten keinen Emotionen hervorrufen. Shigesato Itoi erkannte bereits 1989 das große Potential, welches in unserem Medium steckt.earthbound_02

Trotz fertiger Übersetzung: Kein US-Release für Mother

Damit begann eine Reise, die außerhalb Japans leider recht schnell zu einer Odyssee werden sollte. Eigentlich war es geplant, dass Mother als „Earth Bound‟ (zwei Worte) auch in den USA für das NES erscheinen sollte. Die Übersetzung war bereits abgeschlossen, doch am Horizont zeichnete sich bereits das Erscheinen der Nachfolgekonsole ab. Das Erscheinen des SNES machte dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung, denn die von Übersetzer Phil Sandhop und seinem Team eingebauten Verbesserungen hätten einen größeren Chip erfordert, darüber hinaus sollte jede Ausgabe des Spieles mit einem „Strategy Guide‟ sowie zwei Postern erscheinen. Bei Nintendo of America entschied man, sich auf die möglichst erfolgreiche Markteinführung des SNES zu konzentrieren. „Earth Bound‟ wurde zu einem Bauernopfer, der bereits fertiggestellte Prototyp verschwand erst einmal in der Schublade. Jahre Später tauchte er in einer Newsgroup auf und wurde von Kenny Brooks, einem leidenschaftlichen Videospielsammler erworben. Er einigte sich mit Demiforce darauf, ihnen die die auf der Cartridge enthaltenen Daten für eine Fanübersetzung zur Verfügung zu stellen, welche später als „EarthBound Zero‟ veröffentlicht wurde. Obwohl die Echtheit des Prototypen immer wieder angezweifelt wurde, hat Phil Sandhop in einem Interview bestätigt, dass es sich dabei um die Version handelt, an der er gearbeitet hat. Mit trockenem Humor fügte er hinzu, dass man darauf bestimmt auch noch seine Fingerabdrücke finden könne. Ursprünglich war die Cartridge an einen gewissen Mr. Yamauchi verschickt worden, dabei handelte es sich jedoch nicht um den damaligen Nintendo-Präsidenten Hiroshi Yamauchi, sondern um einen Mitarbeiter von Nintendo of Canada, die offenbar Interesse an der Veröffentlichung hatten, wie ihre US-Kollegen jedoch ebenfalls daran scheiterten, dass das Projekt viel zu kostspielig gewesen wäre, insbesondere da im bilingualen Kanada eine Übersetzung des umfangreichen Handbuchs ins Französische nötig gewesen wäre.

NES-Besitzer außerhalb Japans gingen leider leer aus, was Mother betraf. In Japan selbst erwies sich das Spiel jedoch als Erfolg, wodurch Shigesato Itoi dazu angespornt wurde, einen Nachfolger zu entwickeln. Während Mother noch vom neugegründeten Studio Ape Inc., einem kleinen Team um Itoi produziert wurde, zeigte sich bei Mother 2, dass man Unterstützung benötigen würde, um das Spiel earthbound_05fertigzustellen. Diese bekam man von Satoru Iwata und HAL Laboratory, außerdem griff auch Shigeru Miyamoto dem Team unter die Arme.

EarthBound und Marketing: zu viel, zu seltsam

Dieses Mal wollte Nintendo of America alles richtig machen. Mit einer möglichst breiten Berichterstattung im Nintendo-Power-Magazin und einer groß angelegten Marketingkampagne versuchte man, EarthBound im kollektiven Gedächtnis der zahlenden Kunden und SNES-Besitzerschaft zu verankern. Aus heutiger Sicht wirkt diese ein jedoch wenig befremdlich. „This game stinks‟, „It’s like living in your gym shoes!‟ – sind das wirklich Aussagen, mit denen man ein Spiel anpreisen will? Doch die 90er mochten diese Form des körperlichen Ekels. Nickelodeon-Sendungen wie „Ren & Stimpy‟ oder das 16-Bit-Spiel „Boogerman‟ zelebrierten das Widerwärtige in jeder Sekunde. Es mag vielleicht nicht die beste Werbeidee aller Zeiten gewesen sein, Scratch’n’Sniff-Anzeigen zu schalten, an denen man rubbeln konnte, um zu erfahren, wie die Gegner im Spiel angeblich rochen, doch Kinder in den 90ern mochten diesen Humor.

Den Hauptgrund für den kommerziellen Flop, zu dem EarthBound wurde, liegt nach Meinung vieler Fans eher an dem mit jeder Kopie des Spieles mitgelieferten Handbuchs, welches über 100 Seiten umfasst – mancher Roman hat einen geringeren Umfang. Farbig gedruckt und mit vielen Bildern versehen, führte einen das Buch durch das Spiel und bot dem geneigten Leser auch so manche Hintergrundinformation. Durch den Spieleberater erhöhte sich der Preis auf 70 US-Dollar, was für viele einfach zu teuer war, immerhin kostete das Spiel etwa 20 Dollar mehr als die meisten anderen SNES-Titel. Japanische Rollenspiele waren noch lange nicht so etabliert, wie sie das heute sind. Final Fantasy IV und VI waren trotz ihres Erfolges doch eher Nischentitel, Chrono Trigger noch gar nicht veröffentlicht und an den bahnbrechenden Wegbereiter des Genres, Final Fantasy VII, war noch gar nicht zu denken.

EarthBound war seiner Zeit voraus. Weder das angepeilte Zielpublikum noch die kontemporären Kritiker wussten, was sie mit diesem so komplett anderen Spiel anfangen sollten. Die wenigen Spieler, die sich dennoch an dieses kleine Juwel herangetraut hatten, wurden in den Folgejahren zu einer treuen, lauten und aktiven Fangemeinde, wie es sie bei keinem anderen Spiel gibt.

Aus Earthbound 64 wird Mother 3

Dem US-Flop stand erneut ein großer Erfolg im Land der aufgehenden Sonne gegenüber, was Shigesato Itoi zur Arbeit an einem weiteren Mother-Sequel bewegte. Als Plattform dafür wurde das geplante N64 Disk Drive auserkoren, allerdings erwies sich dieses Gerät als großer Flop. Viele der ursprünglich dafür geplanten Spiele wie Ocarina of Time, Majora’s Mask, Donkey Kong 64 earthbound_07oder Pokémon Stadium erschienen letztendlich doch auf Cartridges. Hinzu kam, dass sich Itoi und sein Team mit der Programmierung eines 3D-Spieles schwertaten. Obwohl es dank der Hilfe der Pokémon-Stadium-Entwickler sogar spielbare Passagen gab, die der Öffentlichkeit gezeigt wurden, entschied man sich letztendlich dazu, das Projekt abzubrechen. Sowohl Satoru Iwata als auch Shigeru Miyamoto blieben jedoch an einem dritten Mother-Teil interessiert. Da allerdings ein Großteil des Teams an der Entwicklung des Gamecube arbeitete, wurde Mother 3 vorerst auf Eis gelegt. 2003 wurden dann GBA-Version von Mother 1 und 2 angekündigt, der dazugehörige Werbespot verriet außerdem, dass auch Mother 3 erscheinen würde. Leider blieb alles davon Japan-exklusiv, obwohl Ness inzwischen in Super Smash Bros. und Super Smash Bros. Melee als Kämpfer enthalten war, wodurch auch EarthBound und Mother einem größeren Publikum nähergebracht wurden.

Hier ein Blick auf den N64-Prototypen von Mother 3:

Und hier der Werbespot zur GBA-Fassung der beiden Mother-Teile:

Nicht nur für mich persönlich war ausgerechnet Super Smash Bros. die Einstiegspforte in das Mother-Universum. Im Internet bildeten sich Fanprojekte wie Starmen.net oder EarthBound Central, die für EarthBound und die beiden anderen Mother-Spiele kämpften. Die Fans wollten es einfach nicht hinnehmen, dass der Westen bei dieser Serie immer so konsequent umgangen wurde. Hämische Aussagen von Nintendo-Übersetzern oder leitenden Figuren wie Reggie Fils-Aime befeuerten die Starmen, die gleich mehrere Petitionen starteten und die Unterschriften an die Verantwortlichen bei Nintendo schickten. Der letzten Petition lagen sogar ein Buch mit Fan-Art und vier CDs mit Fan-Interpretationen des EarthBound-Soundtracks bei. Doch Nintendo reagierte einfach überhaupt nicht. Deshalb nahm eine Gruppe um den professionellen Videospielübersetzer Clyde Mandelin alias „Tomato‟ das Zepter in die eigene Hand und übersetzte Mother 3 zuerst ins Englische, später folgten auch Versionen in anderen Sprachen, immer darauf bedacht, möglichst nahe an Itois ursprünglichem Skript zu bleiben. Auch hier gab es keinerlei Reaktionen seitens Nintendo, die von der Existenz des Projektes wussten.

earthbound_03EarthBound wurde schnell zu einem Sammlerobjekt, die Preise in extreme Höhen getrieben. Eine aktuelles Angebot einer original verpackten SNES-Version schlägt bei eBay mit stolzen 689,90 € zu Buche. Für viele, mich eingeschlossen, war deshalb ein Emulator für lange Zeit die einzige Möglichkeit, EarthBound zu spielen, insbesondere da es in Europa nie erschienen war. Weil Nintendo das Spiel zwar in Japan wiederveröffentlicht hatte, jedoch über Jahre hinweg keinerlei Anstalten machte, dies auch im Westen zu tun, kam die Community zu eigenen Schlussfolgerungen. Itoi hatte es bei der Produktion von EarthBound mit dem Urheberrecht wohl etwas locker genommen und so sind viele der Stücke klar an Popsongs orientiert. Als Beispiele seien „Tequila‟ von The Champs, „Johnny B. Goode‟ von Chuck Berry, „Won’t Get Fooled Again‟ von The Who oder „Good Morning‟ von den Beatles genannt. Wer auch nur halbwegs aufmerksam zuhört, erkennt klar die Ähnlichkeiten zwischen den EarthBound-Stücken und den Popsongs. Da jedoch keines der Stücke in der Virtual-Console-Wiederveröffentlichung geändert wurde, waren diese Bedenken offenbar haltlos. Und es wäre auch etwas unfair gewesen, wenn EarthBound bestraft würde, in anderen Spielen jedoch Carlos Santana (Final Fantasy VII), Pink Floyd oder Rick Astley (Chrono Trigger), Chuck Berry (Animal Crossing und Mystic Quest) oder die 20th-Century-Fox-Fanfare (ActRaiser) plagiiert werden dürfen. Allerdings weiß man nicht, ob hinter den Kulissen vielleicht doch Lizenzgelder fließen. 2007 wurde EarthBound übrigens sowohl von der ESRB wie auch der USK geprüft, offenbar gab es eben doch einen leider gescheiterten Versuch, das Spiel zu einem früheren Zeitpunkt erneut auf den Markt zu bringen.

Die Urheberrechtsbedenken erwiesen sich zwar als haltlos, eine kleine Änderung gab es jedoch: Die Animationen gewisser PSI-Attacken wurden überarbeitet, sodass nun eine geringere Wahrscheinlichkeit besteht, dass dadurch epileptische Anfälle ausgelöst werden können. Das ist jedoch eine Standard-Prozedur, der beispielsweise auch Super Mario RPG unterzogen wurde, als dieses für die Wii veröffentlicht wurde.

Doch damit genug der Vorrede, die nun einmal notwendig war, um alle Leser auf den gleichen Wissensstand zu bringen, denn ihr seid hier wegen dem Spiel an sich. Wer sich noch weiter mit dem Spiel und seiner Geschichte auseinandersetzen will, dem empfehle ich die drei folgenden Videos vom Happy Video Game Nerd sowie Roo von Clan of the Gray Wolf. Und falls sich meine Darstellung der Geschehnisse wie ein paraphrasiertes Skript dieser Beiträge lesen sollte, dürfte das daran liegen, dass ich sie inzwischen schon so oft gesehen, dass ich sie geradezu verinnerlicht habe.

Happy Video Game Nerd – EarthBound

16-Bit Gems: EarthBound – A History

16-Bit Gems: EarthBound – The Review

Endlich: Die eigentliche Review

EarthBound ist ein japanisches Rollenspiel mit rundenbasierten Kämpfen. Man schlüpft in die Rolle von Ness (was wie „Ninten‟ auch wieder eine Anspielung auf Nintendo-Konsolen ist), einem 13-jährigen Jungen, der an sich ein völlig normales Kind ist, jedoch über ganz besondere PSI-Kräfte verfügt, was sich mit Zaubern anderer Spiele vergleichen lässt. Eines nachts schlägt ein Meteor in der beschaulichen amerikanischen Kleinstadt Onett ein und Ness wird davon geweckt, dass Jemand lärmend an seine Haustür klopft. Dabei handelt es sich um seinen Nachbarn Pokey, dessen Bruder offenbar verschwunden ist, als er sich die Einschlagsstelle des außerirdischen Projektils ansehen wollte. Ness begleitet Pokey, findet auch dessen Bruder und lernt ein kleines Wesen namens BuzzBuzz kennen, welches offenbar auf dem Meteor gereist ist. BuzzBuzz gibt sich als Zeitreisender zu erkennen und überreicht Ness einen „Soundstone‟, mit dem er acht Melodien sammeln soll, um Gigyas zu besiegen, der die Welt bedroht.earthbound_04

Ness nimmt die Herausforderung an und bekommt auf seiner Reise die Unterstützung dreier weiterer Kinder: Paula, die ebenfalls über PSI-Kräfte verfügt. Jeff, ein genialer Nachwuchstüftler. Und Poo, der junge Prinz eines entfernten Landes.

EarthBound ist einerseits Parodie auf viele Videospielklischees und geht trotzdem oft eigene Wege. Es spielt nicht im Mittelalter oder in einem Steampunk-Setting wie Final Fantasy oder Dragon Quest und setzt auch nicht auf eine Science-Fiction-Kulisse wie Phantasy Star, sondern spielt in der Gegenwart, genauer gesagt: im Jahr 199x. Waffen sind Alltagsgegenstände: Ness nutzt Baseballschläger und Jo-Jos, Paula schlägt mit Bratpfannen zu. Jeff bastelt gerne mal die ganze Nacht durch und kreiert dabei verschiedene Angriffs- oder Hilfsobjekte. Poo verlässt sich auf seine Nahkampfkünste.

Als Heilitems dienen Lebensmittel. Kaffee, Hamburger, Forellenjoghurt. Diese unterscheiden sich auch regional: In der Urlaubsstadt am Meer gibt es leckeres Eis, in der Wüstenoase Kebab. Außerdem lassen sich diese auch miteinander kombinieren. Ketchup auf einem Hamburger ist lecker und verstärkt dessen Wirkung, wenn man Zucker auf die Frikadelle streut, verschlägt es Ness den Appetit und regeneriert deutlich weniger Gesundheitspunkte. Eine große Pizza heilt alle Gruppenmitglieder, denn wer isst schon eine Familienpizza alleine? Ein wenig Strategie ist allerdings von Nöten, denn jede Figur hat ihr eigenes Inventar, einen „Bag of Sharing‟ sucht man hier vergebens. Deshalb sollte man darauf achten, dass am Besten immer jede Figur mindestens ein Heilitem in der Tasche hat. Aktuell nicht benötigte Items kann man per Lieferdienst bei Ness‘ Schwester einlagern oder sich zuschicken lassen, allerdings kann es dabei passieren, dass der Bote die Gruppe nicht findet, wenn man sich an einem Ort befindet, der zu abgelegen ist. Dann erhält man einen Anruf, in dem er sich entschuldigt und beteuert, dass er wirklich überall gesucht hat, letztendlich aber doch erschöpft aufgeben musste. EarthBound schafft es selbst eine solches „Ärgernis‟ (sofern man es als solches auffassen möchte) noch sympathisch zu verpacken.

EarthBound war außerdem eines der ersten Spiele ohne Zufallskämpfe. Man kann stets alle Gegner sehen und sich teilweise auch einen Vorteil verschaffen, indem man sie von hinten überrascht. Allerdings sollte man vorsichtig sein, denn die Gegner nutzen es ihrerseits ebenfalls eiskalt aus, wenn man ihnen den Rücken zudreht. Ein weiteres interessantes Feature ist die rollende HP-Anzeige. Wird eine Figur getroffen, zählt ihr jeweiliger Gesundheitswert langsam nach unten. Schafft man es jedoch, den Gegner zu besiegen, bevor der Zähler bei Null angelangt ist, kann man damit sogar einem K.O. entgehen, selbst wenn die Attacke einen eigentlich aus den Latschen gekippt hätte.

Sofortgewinne für alle Rollenspiele!

Das großartigste Feature, welches sich gerne jedes andere Rollenspiel abschauen könnte, ist der Sofortgewinn. Wenn eure Charaktere einen deutlich höheren Level als die Gegner im jeweiligen Abschnitt haben, berechnet das Spiel, dass ihr eine 100-Prozent-Chance habt, den Kampf in der ersten Runde zu gewinnen. Statt euch in den Kampfbildschirm zu befördern, blitzt es kurz auf, ihr bekommt eine Siegesnachricht und die Erfahrungspunkte. Zum Grinden ist das nicht unbedingt geeignet, allerdings soll es eben auch keine Technik zum Powerleveln, sondern eine Zeitersparnis sein. Und ich finde es wirklich enorm überraschend, dass sich diese grandiose Idee in keinem anderen Spiel wiederfindet.

earthbound_06Nach erfolgreich beendeten Kämpfen gibt es natürlich Geld, damit man sich stets mit Items versorgen oder auch mal in einem Hotel übernachten kann. In anderen Spielen ist es oft so, dass auch Tiere aus unerklärlichen Gründen Münzen und Scheine bei sich tragen. In EarthBound überweist Ness‘ Vater einem regelmäßig Geld aufs Konto, welches man sich an Geldautomaten auszahlen lassen kann. Wenn Ness seinen Vater anruft, speichert dieser freundlicherweise auch gleich den Spielfortschritt, während er seinen Sohn zum Weitermachen aufmuntert. Und Ness braucht dieses Schulterklopfen dringend, denn auch die Statusveränderungen in EarthBound unterscheiden sich vom typischen Rollenspielstandard. In der Wüste können sich die Kinder einen Sonnenstich zulegen, den man mit feuchten Handtüchern heilen muss. Sie können sich erkälten oder winden sich vor Übelkeit in Krämpfen. Ness kann außerdem Heimweh bekommen, was im Zeitalter „ludonarrativer Dissonanz‟ ein herausragendes Beispiel dafür ist, wie man Handlung und Spielmechanik auf gute Weise miteinander verbindet. Ein kleiner Junge wird damit beauftragt, die Welt zu retten und muss anfangs völlig alleine, später mit Kindern, die er noch nie zuvor gesehen hat, eine lange und beschwerliche Reise bestreiten. Obwohl Ness stets versucht, stark zu sein, weil er weiß, dass so viel von ihm abhängt, wird er manchmal eben doch von diesem emotionalen Gewicht erdrückt, will einfach nur zu Hause mit seinem Hund spielen. Dann bekommt er Heimweh und kann dadurch auch in Kämpfen jegliche Motivation verlieren. Deshalb sollte man regelmäßig Ness‘ Mutter anrufen, die ihrem Sohn wieder Mut zuspricht.

EarthBound ist nicht nur eine Parodie auf Rollenspiele, sondern auch auf die USA. Arcade-Hallen, New Age Retro Hippies, große Einkaufszentren und das alles vermischt mit ganz vielen Popkulturreferenzen. Die gelbe Farbe des U-Boots ist natürlich ganz zufällig, beachtet es gar nicht. EarthBound hat einen sehr eigenen Grafikstil, der ebenfalls wieder bestens zum manchmal durchaus augenzwinkernden Inhalt passt. Da ich es schwierig finde, diesen zu beschreiben, hoffe ich, dass die angefügten Screenshots für sich sprechen können.

Facettenreicher Soundtrack

Musik macht einen großen Teil der Handlung aus, dementsprechend haben die beiden Komponisten Keiichi Suzuki und Hirokazu Tanaka sehr viel Wert auf den Soundtrack gelegt. Dieser klingt zwar, passend zum Rest des Spieles immer etwas „quirky‟, ist aber auch sehr abwechslungsreich. Ruhige Balladen, harter Metal in den Kämpfen, Progressivrock-Elemente mit Keyboardklängen, arabisch anmutende Instrumentierungen – die gebotene Bandbreite ist enorm. Mein absolutes Lieblingsstück ist eines, welches mir bereits im Soundtrack zu Super Smash Bros. Brawl besonders aufgefallen ist, obwohl dieser vor bekannten Stücken nur so wimmelt. In einem unserer Soundtrack-Podcasts hatte ich es bereits vorgestellt und es handelt sich dabei um „Snowman‟, welches in unterschiedlichen Varianten tatsächlich auch in allen Mother-Teilen vorkommt. Zur Geschichte hinter diesem Song habe ich bei YouTube ein interessantes Video gefunden, welches ich euch nicht vorenthalten möchte:

Schon Titel wie „Because I Loved You‟, „Peace and Farewell‟ oder „Smiles and Tears‟ sollten darauf hinweisen, dass es Suzuki und gold-großTanaka insbesondere darum ging, mit der Musik möglichst viele starke Emotionen zu vermitteln. Persönliche Favoriten meinerseits sind übrigens auch „The Sky Runner‟ und, natürlich, „8 Melodies‟.

Als Satoru Iwata in der Nintendo Direct ankündigte, dass sie EarthBound auf die Wii U bringen würden, war das eine Nachricht, die ich mir zwar wirklich erhofft hatte, mit der ich dann aber doch nie gerechnet hätte. Ich hätte vor allen Dingen gedacht, dass man die Wiederveröffentlichung, die außerhalb der USA und Japans schließlich auch eine absolute Premiere ist, deutlich mehr feiern würde. So erschien es geradezu beiläufig, als wüsste Nintendo nicht, dass man mit dieser Botschaft sehr viele Fans sehr glücklich machen könnte. Aber ich will mich nicht beschweren, schließlich warte ich erst seit drei Jahren auf das Spiel, andere gedulden sich schon wesentlich länger. Und immerhin hat Nintendo die Wiederveröffentlichung dann doch mit einem tollen Trailer begleitet und sogar auf der San Diego Comic Con für das Spiel geworben:


Vielen Dank an Nintendo für die freundliche Bereitstellung des Testmusters!

verwandte Beiträge

Activision bringt den beliebten Spinnenmann auf die Wii U

Nature225

Testbericht: The Walking Dead – Season 2: No Going Back

Nature225

Brawlout Review

Lars Schulze