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Mehr als nur die USK-Wertung: Was macht ein Spiel „erwachsen“?

Manchmal können einem selbst dumme oder zumindest dumm handelnde Menschen den Anstoß für einen Text geben. Die dumme Person, an der ich mich heute abarbeiten will, ist YouTuber thunderf00t. Dieser hat sich in den letzten Monaten besonders dadurch hervorgetan, dass er die feministische Medienkritikerin Anita Sarkeesian zu seiner Nemesis erklärt hat, weil sie es doch tatsächlich wagt, Videospiele einer tiefer gehenden Analyse zu unterziehen. Ein solch schändliches Verhalten schreit natürlich danach, dass man seine offenbar viel zu großzügig bemessene Freizeit damit verbringt, einen einseitigen medialen Privatkrieg anzuzetteln.

Falls mein Sarkasmus es nicht offensichtlich macht: Vielleicht tue ich ihm unrecht, aber für mich ist thunderf00t eine lächerliche Witzfigur. Insbesondere für einen vermeintlich intelligenten Menschen beweist er mit seinen Videos regelmäßig sehr eindrucksvoll, dass er emotional und zwischenmenschlich dann doch nicht so ganz auf der Höhe ist und erwartet dafür dann auch noch Beifall.

Anita Sarkeesian hat sich kürzlich doch tatsächlich erdreistet nicht mehr nur die Schwachstellen von Videospielen herauszuarbeiten, sondern auch die Beispiele aufzuzählen, in denen die Darstellung starker weiblicher Charaktere besonders gelungen ist. Konkret sind das Superbrothers: Sword & Sworcery EP sowie Beyond Good & Evil. Beide Beiträge sind meiner Meinung nach sehr gelungen. thunderf00t widerspricht, nennt Beyond Good & Evil ein „Spiel für Kinder (und Feministen)“.

Woran macht er das fest? Tja, an der PEGI-Wertung, die das Spiel ab sieben Jahren freigibt. Damit beweist er, dass sein Weltbild offenbar ein sehr kleines und enges ist. Eigentlich sollte es klar sein, dass ein Spiel mit einer solchen Freigabe durchaus auch erwachsen sein kann. In thunderf00ts Welt dagegen bedeutet die 7er-Wertung, dass es sich ausschließlich an Kinder richtet. Erwachsene Spieler zocken natürlich nur Games, die ab 16 oder 18 freigegeben sind – alles andere ist Babykram.

Bei Twitter hat er sich damit relativ schnell sehr viel Häme eingefangen, denn wenn man einmal genauer hinschaut, ist seine These nicht haltbar, nicht einmal ansatzweise. Viele 16er- und 18er-Spiele mögen zwar brutal sein, Blut und Gekröse splattern überall, aber tatsächlich erwachsen sind nur wenige. Dem gegenüber steht eine große Zahl von Spielen, die mit Körpersäften und amputierten Gliedmaßen sparen, dafür aber viele ernste Themen behandeln.

Wenn ich jetzt einmal von mir selbst ausgehe, dann sind tatsächlich die meisten meiner Lieblingsspiele ab 6 oder 12 Jahren freigegeben. Im thunderf00tschen Paralleluniversum würde das bedeuten, dass ich peinliche Spiele für Kinder bevorzuge. Tja, ich hab mir die Mühe gemacht und einige dieser Titel aus meinem Regal gekramt:

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Überraschend viele meiner liebsten Spiele sind weit von einer „erwachsenen“ USK-Wertung entfernt, aber trotzdem noch lange nicht „kindisch“.

Sind das wirklich Kinderspiele? Bevor ich es selbst twittern konnte, wurde mir bereits geantwortet, dass insbesondere die Final-Fantasy-Reihe durchgehend jugendfrei daherkommt. Dabei beschäftigt sich die Serie mit Themen wie Freundschaft, Liebe, Loyalität und Verrat. Krieg, Tod, Trauer und sogar Völker- sowie Selbstmord werden behandelt. Oft spielt man junge Charaktere, die auf der Suche nach dem eigenen selbst sind und sich von ihren Eltern emanzipieren wollen. Dabei begehen sie Fehler, teilweise mit fatalen Folgen und müssen lernen, Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen.

Der Tod von Aerith in Final Fantasy VII ist immer noch nachhaltig in das kulturelle Gedächtnis der versammelten Gamerschaft eingebrannt. Wieso? Zunächst einmal dürfte es für viele junge Menschen eine erste Begegnung mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit gewesen sein. Andere haben möglicherweise auch im echten Leben geliebte Menschen verloren, weshalb diese schockierende Szene sie auf einer sehr persönlichen Ebene berührt hat. Darüber hinaus hat dieser Moment einen unausgesprochenen Vertrag zwischen Spielern und Spiel aufgekündigt: Videospiele sind insbesondere Heldensimulatoren. Videospiele wollen, dass wir uns gut fühlen, dass wir uns wie ein starker Held fühlen, der entgegen aller Widerstände die Welt rettet. Aerith jedoch können wir nicht retten. Sie stirbt, egal wie viele Phönixfedern wir auch benutzen. Das Spiel nimmt uns absichtlich unsere Allmacht weg, lässt uns hilflos zusehen, wie eine der sympathischsten Figuren des siebten Final-Fantasy-Teils, in die sich manch einer womöglich sogar ein klein wenig verliebt haben mag, ihren Tod findet. Bösewicht Sephiroth siegt, der Spieler verliert. Das ist ein Schlag in die Magengrube auf gleich mehreren Ebenen und hat sich deshalb so eingebrannt.

Aber Final Fantasy VII ist sowohl von der USK wie auch der PEGI ab 12 Jahren freigegeben worden, in der thunderf00t-Dimension bedeutet das, dass es sich an Teenies richtet. Seiner Argumentation folgend steht es wohl auf einer Ebene mit den Twilight-Filmen, was natürlich viel zu kurz greift.

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Final Fantasy – meine absolute Lieblingsspielereihe. Durchgehend ab 6 oder 12 Jahren freigegeben und trotzdem erwachsener als vieles, auf dem eine 18 prangt.

Während sich viele 18er-Spiele, bei denen es sich überwiegend um Shooter handelt, meistens rein über ihr Gameplay definieren und die „Geschichte“, sofern sie überhaupt existiert, dann doch eher den Tiefgang eines Michael-Bay-Films hat, sprich: Klischee-Helden ballern sich explosionsgeladen durch die Weltgeschichte und erledigen dann am Ende natürlich den Klischee-Bösewicht.

Portal 1 und 2 definieren sich ebenfalls zu einem Großteil über ihre Mechanik, immerhin gibt diese den Spielen sogar ihren Namen, beide sind aber besonders auch wegen ihrer spannenden Geschichte bekannt, die einem gleich mit mehreren Twists den Boden unter den Füßen wegzieht. „The cake is a lie“ – mittlerweile überstrapaziertes Meme, damals unvorhergesehene Offenbarung. Portal beginnt harmlos, man rätselt sich durch verschiedene Testkammern bis das Spiel einem dann die düstere Wahrheit zeigt: GLaDOS hat die Wissenschaftler von Aperture Science mit Nervengas getötet und die Kontrolle an sich gerissen, Protagonistin Chell hat eine ungewisse Zeit in Stasis verbracht und wurde jetzt als Testsubjekt auserkoren.

Nach und nach deckt man dann die düstere Vergangenheit auf, konfrontiert GLaDOS und erzielt sogar einen vermeintlichen Sieg, bevor man doch wieder in den düsteren Eingeweiden von Aperture Science landet. In Teil 2 lernt man dann die Vorgeschichte kennen, erfährt von den grotesken und absolut unethischen Experimenten, die Firmengründer Cave Johnson durchführen ließ, um mit Black Mesa (Half-Life) mithalten zu können. Mehr möchte ich gar nicht verraten, ihr solltet die Geheimnisse selbst aufdecken, denn Portal 2 ist eines der rundum besten Spiele, die ich jemals gespielt habe. Doch auch hier: Ab 12, thunderf00tsches Twilight-Niveau.

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Junge Protagonisten, farbenfrohe Anime-Ästhetik und Themen, die zwar subtil behandelt werden, aber definitiv der Definition des Wortes „erwachsen“ entsprechen.

In Ni No Kuni, Trails in the Sky oder Xenoblade Chronicles spielen wir dann sogar Kinder beziehungsweise Teenager und erleben mit denen trotzdem Freundschaft, Liebe, Verlust und Trauer. Durchleben Kämpfe, Konflike und Kriege. Beginnen an politischen Strukturen und religiösen Konzepten zu zweifeln. Und das in Spielen, die ab 12 beziehungsweise sogar ab 6 freigegeben sind.

Diese Spiele erdreisten sich doch sogar statt grau-braunen Betonwüsten, orangem Mündungsfeuer und rotem Blut ganz viele Farben zu zeigen! Die Figuren haben bunte Haare, absurde Kostüme und kommen im Anime-Look daher, im Fall von Ni No Kuni hat doch sogar das Kinderfilmstudio Ghibli mitgewirkt, die diese komischen Filme mit Teddybären und solchem Babykram rausbringen.

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Wer gute Geschichten in Videospielen will, der ist bei Portal (2), Edna bricht aus und Harveys neue Augen an genau der richtigen Stelle.

Zu Edna bricht aus gab es sogar seitens Daedalic Entertainment die Aktion „Befreit Edna aus dem Kinderregal!“ weil das Spiel dank seiner vermeintlich harmlosen Optik sowie der niedrigen 12-Wertung in den Elektrofachgeschäften häufig bei den Kinderspielen einsortiert wurde, jedoch gerade im späteren Handlungsverlauf mit einigen doch relativ harten und emotional ordentlich zuschlagenden Stellen aufwartet. Kollege Donnerfuß würde aufgrund der USK- und PEGI-Wertung der Einordnung bei den Kinderspielen vermutlich zustimmen.

Schauen wir mal kurz in meine Steam-Liste: The Whispered World, Valiant Hearts, Starbound, Broken Age, Jolly Rover, The Stanley Parable, Cthulhu Saves the World, The Night of the Rabbit und 9.03m – einige meiner Lieblingsspiele würden in der von Herrn Donnerfüßchen erschaffenen Paralleldimension allesamt als Kinderspiele eingeordnet werden. Sogar das beste und intelligenteste Spiel zum Ersten Weltkrieg, das wir bisher bekommen haben und dessen Ende ich immer noch nicht verkraftet habe.

Natürlich gibt es auch gute und intelligente Spiele ab 16 oder 18, die interessante Charaktere und spannende Geschichten bieten. Ich bin riesiger Mass-Effect-Fan geworden, schwärme bei jeder Gelegenheit vom Universum und den vielen Freunden, die ich auf dieser Reise kennengelernt habe. Das Gleiche gilt für Dragon Age I und II, erneut aus dem Hause Bioware (Inquisition habe ich leider noch nicht gespielt). In all diesen Spielen geht es sehr saftig zu. Ich liebe es, in Mass Effect 3 meine Gegner mit meiner Shotgun aus nächster wegzubratzen. Dragon Age ist sogar berüchtigt für seinen übertriebenen Blutverbrauch. Aber diese Spiele sind erwachsen. Man spielt erwachsene Charaktere, die mit anderen Erwachsenen zusammenarbeiten und Verantwortung für schwerwiegende Entscheidungen tragen müssen. Gerade die Entscheidungen, die sich durch die jeweiligen Serien tragen, sind zum Markenzeichen der Bioware-Spiele geworden, weil man so etwas nie zuvor gesehen hatte.

Ich habe BioShock 1 und 2, dem Roman BioShock: Rapture sowie BioShock: Infinite gleich drei Artikel gewidmet, in denen ich zum Teil sehr ausführlich verschiedene Elemente besprochen und analysiert haben. Alle drei Spiele enthalten Gewalt, Infinite vielleicht sogar zu viel. Aber die Gewalt ist kein reiner Selbstzweck, sondern gehört leider als definierendes Merkmal zu einer völlig enthemmten, verrohten Gesellschaft dazu. Hier herrscht das Gesetz des Dschungels: Der Stärkere überlebt, der Schwächere wird mit einer Rohrzange erschlagen oder durchbohrt.

Spec Ops: The Line nutzt sein Shooter-Gameplay um uns eine moderne Neuinterpretation von Joseph Conrads „Heart of Darkness“ zu bieten, in der mit den Klischees des Militärshooter-Genres Kriege thematisiert und hinterfragt werden, was oft genug eben nicht gemacht wird.

Ich habe Nichts gegen Gewalt. Ganz im Gegenteil. Ich liebe sogar das komplett übertrieben blutige Dead Island weil es so garstig ist. Aber: Obwohl ich es cool finde, dass man einen vielfältigen Cast (zwei Frauen, zwei Männer, eine Asiatin, ein Afroamerikaner, eine australische Aboriginee) hat, das Setting angenehm unverbraucht sowie gut umgesetzt ist und manche Story-Punkte gar nicht mal so verkehrt sind, ist das Spiel insgesamt strunzdoof. Es ist Pulp. Es reproduziert mit völliger Absicht alle möglichen Klischees der Zombie-Apokalypse, die wir inzwischen schon viel zu oft in Games oder Filmen gesehen haben und hat effektiv außer seinem Handlungsort nichts Relevantes beizusteuern. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielen weiß Dead Island das und wirkt zumindest auf mich immer ein wenig augenzwinkernd, während zu viele andere Spiele offensichtlich dumm sind, sich dabei aber noch so bitterernst nehmen, dass es schon wieder zur unfreiwilligen Satire wird. Da ist mir dieser kleine Funke Selbsteinsicht dann doch lieber.

So, scheinheilig wie ich bin, habe ich jetzt einen kompletten Blog-Artikel lang genau das gemacht, was ich thunderf00t zu Beginn des Textes vorgeworfen habe: Ich habe mich an ihm abreagiert, ihn zum Teil vielleicht sogar persönlich angegriffen. Aber ich habe auch versucht mit Argumenten nachzuweisen, wieso seine zurecht verlachte These, dass Beyond Good & Evil alleine wegen seiner niedrigen PEGI-Wertung ein Kinderspiel sei, unsinnig und engstirnig ist. Meine Bitte zum Schluss: Seid nicht wie Herr Donnerfuß. Macht die „Erwachsenheit“ eines Spieles nicht daran fest, welchen Aufkleber die USK vorne draufpappt, sondern lasst das Spiel selbst auf euch wirken, auch wenn es auf den ersten Blick womöglich ein wenig „kindisch“ erscheinen mag.

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