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Kommentar: Youtube-Fodder auf dem Vormarsch

Der nächste coole Simulator ist draußen. Was simuliert wird? Egal. Hauptsache, die Physik-Engine ist richtig schön verbuggt, die grafische Umsetzung halbherzig und die Textqualität lieblos und schlecht übersetzt. Das mögen die Kids. Besonders, wenn man das ganze mit beinahe retardierten Facecams schreiender Vierzehnjähriger garniert. Und die Klicks gehen in die Millionen. Macht es aber als Spiel auch langfristig Spaß? Meistens nicht. Also, hier kommt er, der nächste Dingsbums-Simulator.

Himmel Blue Sky Wallpaper

Oh, wie wir wieder in Massen vor die Bildschirme strömen werden, wie wir lachend und gellend sehen, wie ein schwedischer, grenzdebiler, blonder Halbschönling seinen 4 Milliarden Fans mit lauten Schreien und Furzgeräuschen 20 Minuten abgedrehtes Gameplay-Material untermalt und damit die Blicke der Massen auf Software lenkt, die genau zu diesem Zweck produziert wurde. Eindeutig. Wo man mit Horrorspielen eventuell noch argumentieren kann, dass sie tatsächlich ein gewisses Kundenfeld ansprechen, das sich zu solchen Jumpscare-Tiraden ohne Gefühl für Suspense und Stimmung hingezogen fühlt, da finde ich für solche Trash-„Simulatoren“ keine Begründung. Diese Spiele leben und atmen förmlich davon, möglichst schlampig, möglichst lächerlich und vor allem scheinbar random zu sein. Das ist gerade der Reiz, der frühe Ableger von Reihen wie Tony Hawks Pro Skater, Grand Theft Auto oder sogar Half Life angeschoben hat. Man kann lächerliche Dinge mit den Spielmechaniken und -Gegebenheiten, mit der Spielwelt und den Möglichkeiten, oder mit den Grundsätzen der Physik-Engine anstellen. Gerade diese „randomness“ sorgt dafür, dass man ein scheinbar unendlich scheinenden Pool von Bugs, Phänomenen und Glitches erhält, die unfreiwillig komische Momente erzeugen. Dem entsprechend ist gerade das Feld der Simulatoren, das eigentlich bei Spielern und Spielekritikern wegen seiner Schlampigkeit und den technischen Mängeln belächelt wird, ein beliebtes Ziel für Letsplayer und Videoproduzenten, die gerade die Sucht nach solcher „randomness“ ansprechen wollen.

In Simulatoren (ich spreche von Simulatoren, die auch echte Simulatoren sein wollen, beispielsweise Omnibus-Simulator und Landwirtschaft-Simulator) wird vorgegeben, einen routinierten Arbeitsablauf realistisch nachzuvollziehen. Die technischen Limits sorgen für seltsame Patzer, Glitches und legen permanent offen, wie schlecht dieses Spiel ist, wie oberflächlich es gemacht wurde und dass es einfach nur eine simple Cashcow ist. Und anscheinend gibt es tausende davon, und täglich taucht ein weiterer, schlecht umgesetzter Simulator mit angestaubter Blender-Engine auf, der einem beschränkten Interessenfeld und neugierigen Gamern (for the lolz) das Geld aus der Tasche zieht. Man beachte die Anzahl der „LaWi-Sim“-Ripoffs und die erdrückende Anzahl der jährlichen Sequels zum Original.

Der Landwirt Professional Farmer 2014

Und dann tauchten die Parodien auf. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Spiele, in denen Klischees des Gamedesigns aufs Korn genommen werden. Die Portal-Reihe machte viele gute Anspielungen darauf, in GTAV gibt es dazu einige nette Easter Eggs, und wie ich von vielen höre ist „The Stanley Parable“ genau wie Antichamber ein wahres Potpourri an witzigen Seitenhieben gegen Gewohnheiten bei Leveldesign und Aufgabengestaltung. Der Surgeon Simulator war ein Spiel, das genau in diese Sparte fällt. Es will nicht simulieren (allein dafür sieht es schon für sein Genre viel zu gut aus) stattdessen ist die peinlich realistische Finger-für-Finger-Kontrolle des Chirurgen ein Abbild davon, wie schlecht das Simulator-Genre versucht, Handlungsabläufe in ein Gameplayschema zu packen und dadurch Chaos und Ernüchterung verursacht. Das Spiel wurde designt, um zu nerven und trashig zu sein. Es legt dem Spieler minutiös ein gar unendlich scheinenden Blumenstrauß mit Mordwerkzeugen vor und schreit geradezu „hier, nimm und hab Spaß“. Natürlich muss man Aufgaben erfüllen, aber diese sollen den Spieler eher gezielt in einen riesigen Haufen Splatter-Humor führen. „Hoppla, jetzt habe ich seine Leber in meine Kaffeetasse getan“ und „Ups, jetzt habe ich mich selbst narkotisiert“ sind nur zwei von tausenden passenden Sätzen zu unzähligen Möglichkeiten, die das Spiel bietet. Es ist mehr Sandbox und Parodie, als ein tatsächlicher Versuch, die Realität zu simulieren.

Ein Extremfall dazu ist der Goat Simulator. Was als Fake-Trailer begann (ähnlich wie damals der Film „Machete“) wurde nach Fanrufen zum echten „Spiel“ in dem man seine 30 Minuten Spaß hat und es dann wieder weglegt. Man produziert Chaos, macht die unmöglichsten Dinge und ist eine Ziege. Aber ist das noch eine „Simulation“? Es ist eher ein verkapptes Highscorespiel mit einer viel zu kleinen Welt, die schnell erkundet ist und diversen lächerlichen Physikmöglichkeiten. Statt aber dem Spieler die Freiheit zu lassen, diese Möglichkeiten selbst zu entdecken, ist der Goat Simulator eher ein Spielplatz mit abgesteckten Abenteuerpfaden, die den Spieler sanft aber nicht zu offensichtlich von einer Aufgabe, von einem Achievement oder von einem vermeintlichen Easter Egg zum nächsten leiten. „Oh, du kannst zum Satan werden?“ „Oh, du kannst von Außerirdischen entführt werden?“ „Du kannst Ziegenkönig werden?“ ich zeige dir wie es geht! Das ist zwar ganz witzig, aber es ist gleichzeitig eindeutig, dass diese „randomness“, die der Ziegensimulator suggieriert, auch wieder nur vorprogrammiert und direkt provoziert wurde. Der Spieler soll diese wahnwitzigen Dinge erleben und am besten sollte jeder Spieler das gleiche tun. Dieser Simulator ist kein Simulator, er ist eine provozierte und bewusst gestellte Lächerlichkeit, die berechnend und kalkuliert dafür sorgen soll, dass das Entwicklerstudio, seine vorherigen Arbeiten und nächsten Projekte bekannt gemacht werden. Es heißt zwar, Coffee Stain-Studios halten dem Simulator-Wahn den Spiegel vor, stattdessen versuchen sie aber, das, was Youtube aus Simulatoren macht, auszunutzen und die daraus entstehende Hebelwirkung für die eigene Publicity zu nutzen. Und nebenbei gibt es ordentlich Kohle für die Entwicklung des nächsten Spiels, während hunderttausende Spieler das Spiel kaufen, eine Stunde lang rumexperimentieren, alle Aufgaben abschließen und dann genervt weglegen, weil sie erkennen, dass es nichts weiter bietet.

Goat Simulator

Und jetzt? Jetzt zerplatzt, direkt neben der Welle an schlecht umgesetzten Survival-, Zombie-, und Early-Access-Spielen, eine weitere Blase: Youtube Fodder, Pewdie Bait oder wie man es sonst nennen sollte. Fußend auf dem Erfolg von obigen Beispielen wollen immer mehr Entwickler genau diesen Erfolg erzwingen. Man bastelt einen Simulator, der die Dümmlichkeit des vorherigen nur noch überschreitet. Was bekamen wir bisher? Visceral Cleanup-Detail, den Putzensimulator, bei dem man den Dreck wegwischt, den man in Shootern verursacht. Klingt witzig, wird aber bereits nach 10 Minuten langweilig. In „Ampu-Tea“ versucht man auf den Surgeon-Simulator-Zug aufzuspringen. Als Mann mit Roboterarm versucht man, sich einen Tee einzuschenken. Natürlich mit absolut lächerlicher Finger-für-Finger-Kontrolle. Ähnliches gilt für den „Baking-Simulator“, der just auf Steam-Greenlight aufgetaucht ist. Das alles funktioniert, wie im eben verlinkten Video von Jim Sterling passenderweise zusammengefasst, nicht. Surgeon Simulator baut nicht nur auf der unspielbaren Steuerung auf, sondern auch auf dem durchweg brutalen, schwarzhumorigen Füllkrug an abgedrehten Situationen, die aus einer Hand mit Koordinationsstörung und tödlichem Chirurgiebesteck entstehen können, auf. Nimmt man diese „Gefahr“, diese abgedrehte Brutalität raus, und macht letztendlich nur ein Spiel das auf schlechter Physik und schlechter Steuerung basiert, hat man letztendlich Youtube-Bait, dem jeglicher langfristiger Unterhaltungswert fehlt. Es ist ein alter Witz, der immer schlechter wird, je öfter man ihn erzählt.

Und neue Phänomene wie der „Stein Simulator“ oder der „Gras Simulator“? Der Bodensatz der Mülltonne, die uns täglich auf Steam Greenlight präsentiert wird. Hier wird versucht, die absurde Idee von „Goat Simulator“ und „Bear Simulator“ noch zu unterbieten. Und es entsteht vermeintlicher Lockstoff für kreischende Youtube-Kinder, der letztendlich in Schall, Rauch und leerer Hülle endet. Was bleibt? Die simulierte Langeweile und ein frustrierter Käufer, der dem „Entwickler“ nach 20 Minuten Arbeitsaufwand 10 Euro in die Hand drückte.

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